Ladas Klassikwelt 19: Ein französisches Reisetagebuch – auf den Spuren des „Rheingolds“

Ladas Klassikwelt 19: Ein französisches Reisetagebuch – auf den Spuren des „Rheingolds“,  klassik-begeistert.de

Nachdem ich „Les Voyageurs de l’Or du Rhin“ gelesen habe, ist mein Bild von Richard Wagner noch voller Widersprüche und seine Welt noch faszinierender. Ich empfehle dieses Buch jedem, der sich für Wagners Werke interessiert und relativ gut die französische Sprache beherrscht.

von Jolanta Lada-Zielke

In den letzten anderthalb Monaten las ich das Buch „Les Voyageurs de l’Or du Rhin“ von Luc-Henri Roger (BoD-Verlag), das während der Bayreuther Festspiele 2019 vorgestellt wurde. Dadurch erfuhr ich, wie Wagners Werke von französischsprachigen Journalisten und Kritikern zu seiner Zeit aufgenommen wurden, aber auch wie ihn seine französischen Freunde rezipierten.

Meine Vorkenntnisse zum Thema „Wagner und die Franzosen“ beschränkten sich bisher auf die Geschichte mit der „Tannhäuser“-Aufführung in Paris. Es stellte sich heraus, dass der Komponist einige Bewunderer in der damaligen Pariser intellektuellen Elite hatte und das waren: die Tochter von Théophile Gautier Judith Mendès und ihr Ehemann Catulle sowie der Schriftsteller Villiers d’Isle Adam. Die drei nannten Wagner scherzhaft „ma chère Trinité“ (meine liebe Dreifaltigkeit). Zu der Gesellschaft gehörten auch der Schriftsteller Edouard Schuré, die Komponistin Auguste Holmes und die Sängerin Pauline Viardot. Alle schilderten mit der Feder ihre Eindrücke von dem Treffen mit dem Komponisten in Luzern, von Besuchen in seinem Haus in Tribschen und von der „Rheingold“-Generalprobe in München.

Die von Luc-Henri Roger gesammelten Briefe und Artikel bilden eine Art Itinerarium oder Reisetagebuch. Es sieht so aus wie heute ein Blog, es ist nämlich eine subjektive Beschreibung des Ausflugs in die Schweiz und nach Deutschland im Sommer 1869. Die Musikliebhaber aus Paris wohnten in einem Hotel in Luzern, von wo aus sie einige Male nach Tribschen fuhren. Judith Mendès berichtete später über die dortigen Besuche im Artikel „Richard Wagner chez lui“.

Während Catulle die Einrichtung seines Hauses in Tribschen beschrieb, wies er darauf hin, dass es neben den Marmorstatuetten, welche Figuren aus Wagners Opern darstellen, ein Buddha-Figürchen gibt. Im Gegenzug zitiert Villiers ein interessantes Gespräch mit dem Komponisten über den Glauben. Wagner sagte ihm, dass sein ganzes Leben ohne das Licht und die Liebe des christlichen Glaubens, wie seine Werke belegen, eine Lüge und Nachahmung wäre. „Meine Kunst ist mein Gebet“, sagte er.

Ende Juli 1869 kamen die Franzosen nach München, um sich die Premiere des „Rheingolds“ anzusehen und besuchten auch die dort stattfindende Ausstellung der Schönen Künste. Die gesamte Gesellschaft war an der Generalprobe des ersten Teils des „Ring des Nibelungen“ beteiligt. Aus diesem Grund erscheint die Beschreibung sieben Mal im Buch, aber jeder Autor macht auf unterschiedliche Details der Inszenierung und der musikalischen Ebene des Werks aufmerksam. Wie man weiß, fand die für den 25. August geplante Premiere wegen des mangelhaften Bühnenbildes nicht statt. Hans Richter sagte ab zu dirigieren und Franz Betz gab es auf, Wotan zu singen. Diese Ereignisse wurden auch in der französischsprachigen Presse beschrieben. Am Ende des Buches bringt Roger die ursprünglich erwartete und endgültige Besetzung des „Rheingolds“, wie es erst am 22. September uraufgeführt wurde.

Das Jahr 1869 war nicht nur aufgrund dieser Premiere ein besonderes Jahr. Damals erschien die zweite, verschärfte Version von Wagners Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“ und ein Jahr später brach der französisch-preußische Krieg aus. Der Komponist sprach wie die meisten deutschen Patrioten öffentlich gegen Frankreich. Einige seiner französischen Freunde wie Catulle Mendès haben zu dieser Zeit immer noch nicht aufgehört, seine Musik mit der Feder zu verteidigen. Edouard Schuré bewunderte Wagner weiterhin als Künstler, folgte aber seinen Einladungen nicht mehr.

Luc-Henri Roger.

Am Ende des Buches findet man die Artikel über das „Rheingold“, die von März bis Oktober 1869 in der französischsprachigen Presse veröffentlicht wurden. Das Ehepar Mendès, Villiers d’Isle-Adam und Schuré äußerten sich positiv über die Oper. Es gab jedoch kritische Stimmen, die die Vorstellung ohne Pause langweilig fanden, und auf zu lange und eintönige Rezitative sowie auf zu statische Charaktere hindeuteten.

In „La Revue britannique“ konnte man lesen, dass es sich von literarischer Seite um eine erbärmliche Parodie des altsächsischen Dialekts handelt. Es gab auch ein paar „Fake News“ über den Komponisten sowie seinen Freund und Bewunderer König Ludwig II. von Bayern. Einige französischsprachige Kritiker zitierten gern die Meinung der Münchner, die Wagner nicht mochten: Der König solle endlich über die Zukunft der Dynastie nachdenken, anstatt sich mit dem „compositeur de l‘avenir“ (Komponist der Zukunft), wie man Wagner nannte, zu befassen.

Der Autor eines Artikels in der Zeitschrift „Ménestrel“ stellt die Frage: „Werden unsere Kinder die Überwältigung (davantage) dieser Musik verstehen? Vielleicht werden sie stärkere Nerven als wir haben, um zwei Stunden und vierzig Minuten aushalten zu können.“

Die Perle des zweiten Teils des Buches ist die Polemik zweier Musikkritiker auf Seiten von „Le Figaro“: des Wagner-Verehrers Leon Leroy und seines Gegners Alfred Wolff, die eine äußerst unterschiedliche Haltung zum „Rheingold“ einnahmen. Manchmal erscheint dies lustig, weil beide auf die mangelnde Objektivität des anderen und die daraus resultierenden Ungenauigkeiten im Inhalt der Kritik hinweisen.

Im letzten Teil beschreibt Roger einen Bericht aus der jüdischen Zeitschrift „L’Humour Caustique de l’Univers Israélite“. Der Autor des Textes bezieht sich natürlich auf die Broschüre „Das Judenthum in der Musik“, kritisiert aber auch das „Rheingold“ und nennt es das „Peingold“.

Eine angenehme Überraschung war für mich die Entdeckung einiger polnischen Namen unter „les voyageurs“: Maria Kalergis-Mouchanoff (Pianistin und Mäzenin der Künstler), Bildhauer Cyprien Godebski, der Graf Aleksander Fredro (Dramatiker, als „polnischer Molière“ bezeichnet) und Prinz Alfred Lubomirski, die alle die „Rheingold“–Generalprobe sahen. Es gibt auch einen zeitgenössischen Namen, nämlich Professor Michał Mrozowicki von der Universität Danzig, dessen Arbeit zum Thema „Rezeption der Schöpfung Richard Wagners in Frankreich“ Roger nutzte.

Nachdem ich „Les Voyageurs de l’Or du Rhin“ gelesen habe, ist mein Bild von Richard Wagner noch voller Widersprüche und seine Welt noch faszinierender. Ich empfehle dieses Buch jedem, der sich für Wagners Werke interessiert und relativ gut die französische Sprache beherrscht. Der Autor versuchte, die ursprüngliche Rechtschreibung und Stilistik der Rede beizubehalten, aktualisierte jedoch einige archaische Ausdrücke, um den Lesern die Lektüre zu erleichtern.

Jolanta Lada-Zielke, 16. Februar 2020, für
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LUC-HENRI ROGER, geboren 1951 in Brüssel, studierte Romanistik an der Universität Louvain und arbeitete danach als Französischlehrer. Zum Zeitpunkt seiner Pension zog er aus privaten Gründen nach Bayern. Roger ist von der Geschichte der Literatur des 19. Jahrhunderts begeistert. Seine Forschung konzentriert sich auf König Ludwig II. von Bayern und auf das Werk des Komponisten Richard Wagner. Roger interessiert sich besonders für die Rezeption von Briefen und für die französische Presse, wie aus den ersten drei veröffentlichten Büchern hervorgeht: „Des fleurs pour le Roi Louis II de Bavière“ (Blumen für König Ludwig II. Von Bayern), „Louis II de Bavière. Le Cygne des Wittelsbach“ (Ludwig II. von Bayern. Der Wittelsbacher-Schwan) und „Les Voyageurs de l’Or du Rhin. La réception française de la création munichoise du >>Rheingold<<“ (Die Reisenden vom Rheingold. Die französische Rezeption der Münchner Uraufführung des „Rheingolds“).

© Jolanta Lada-Zielke

Jolanta Lada-Zielke, 48, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie aus privaten Gründen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Dreißigern. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de .

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