Lahav Shani © Marco Borggreve
Das Orchester aus Rotterdam gestaltet vor nur halbvollen Rängen ein ausgezeichnetes Konzert in der Essener Philharmonie.
Paul Dukas (1865-1935) – L’apprenti sorcier (Der Zauberlehrling)
Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) – Suite für Variété-Orchester
Dmitri Schostakowitsch – Konzert Nr. 2 F-Dur für Klavier und Orchester op. 102
Richard Strauss (1864-1949) – Till Eulenspiegels lustige Streiche. Tondichtung op. 28
Rotterdams Philharmonisch Orkest
Lahav Shani, Klavier und Leitung
Philharmonie Essen, 28. Februar 2026
von Brian Cooper
Lahav Shani ist in dieser Spielzeit Portraitkünstler der Philharmonie Essen. Das Wort „Portraitkünstler“ ist vielleicht nicht ganz unwichtig angesichts der Tatsache, dass er eben nicht nur ein gefeierter Dirigent ist, sondern auch ein hervorragender Pianist. In beiden Funktionen war er an diesem überaus unterhaltsamen Abend zu erleben. Kontrabass spielt er auch noch, genau wie sein Vorgänger beim Israel Philharmonic, Zubin Mehta, aber das führte jetzt zu weit…
Das Programm, das das exzellente Rotterdam Philharmonic Orchestra (daheim: Rotterdams Philharmonisch Orkest) nun in Essen spielte, war extrem reizvoll. Daher verwunderte, dass die Ränge an diesem Samstagabend vergleichsweise leer waren. Allenfalls knapp über die Hälfte der Plätze waren besetzt.
Lag es am Streik? Oder schreckt der Name Schostakowitsch möglicherweise noch immer einige Menschen ab? Sie verpassten mit der Suite für Variété-Orchester, die den berühmten „Walzer Nr. 2“ enthält, der durch Stanley Kubricks letzten Film Eyes Wide Shut berühmt wurde, auch das grandios-witzige zweite Klavierkonzert – eben mit dem Dirigenten als Solisten. Beide Werke gehören zu den zugänglicheren, da heiteren, Werken des Russen.
Hatte schon Paul Dukas’ Zauberlehrling, der den Abend eröffnete, mit transparentem Klang, schönen Soli (etwa Klarinettist Julien Hervé zu Beginn) und fabelhafter Holzabteilung überzeugt (lediglich einige Pizzicati in den Streichern waren nicht präzise), so wurde das „Variété-Orchester“ für die Suite mit einer Gitarre, einem Akkordeon und fünf Saxophonen, die von vier Leuten bedient wurden, aufgestockt.
Schon kurz nach dem Beginn war klar: Die acht kurzen Sätze sind wahre Kleinodien an Modulations- und vor allem Orchestrierungskunst. Süffige Streicher (Tanz Nr. 1), sattes und sicheres Blech (herrliche Posaunenglissandi!) und einmal mehr die tollen Holzbläser kamen voll zur Geltung. Die exotischeren Instrumente sorgten dabei für Farbe. Sinnliche Saxophon-Soli etwa im Lyrischen Walzer und im oben erwähnten Walzer Nr. 2 rundeten eine starke Darbietung ab. Zwischen den Sätzen wurde geklatscht, und hinter mir gestand jemand zur Pause seiner Begleitung, er habe „noch nie einen so schönen, lustigen Abend“ im Konzert erlebt.
Nach der Pause ging es in einem moderateren Tempo, als ihn der Komponist selbst gespielt hatte, in den Kopfsatz des Klavierkonzerts. Flott war’s dennoch, und diese humorvolle Musik braucht auch ein gewisses Tempo. Der Solist – bei der Uraufführung 1957 war es der Sohn des Komponisten, der 19jährige Widmungsträger Maxim – hat alle Hände voll zu tun; daher versuchte Shani eben mit dem Kopf, das bisweilen leicht schleppende Holz einzufangen.
Der d-Moll-Teil erklang lyrisch, zurückgenommen, bevor ein dichtes und mitreißendes Tutti dem Treiben ein Ende setzte und der zweite Satz begann. Er klingt wie eine Parodie auf Chopin oder Rachmaninoff. Shani spielte besonders zart, von ebenso feinfühligen Streichern begleitet. Ein Labsal. Das brillante Finale rief alle Effekte ab, die der Komponist eingebaut hatte. Shanis Spiel wirkte absolut souverän, mal perkussiv und mal perlend, er und sein Orchester gingen volles Risiko und gaben sich der Ausgelassenheit hin. Großer Jubel, das Publikum erhob sich.
Solohornist David Fernández Alonso hatte sich an diesem Abend bereits mehrfach auszeichnen können, aber sein Solo zu Beginn von Strauss’ Till Eulenspiegel ließ einen förmlich mit der Zunge schnalzen. Welche Souveränität, welche Nervenstärke, welche Gestaltungskraft! Diese Qualität im Spiel zog sich im Abschlusswerk eines wunderbaren Konzerts durch das gesamte Orchester und Werk.
Eulenspiegels „lange Nase“, die er den Spießern zeigt, war im immer wiederkehrenden und unzählige Male variierten Motiv so plastisch zu hören, wie ich es sonst nur beim großen Strauss-Dirigenten Mariss Jansons erlebt hatte. Die B-Dur-Stelle wurde von den Bratschen aufs Schönste musiziert, die kecken Holzbläser (Klarinetten!) und ein tolles Konzertmeister-Solo sorgten dafür, dass jene, die gekommen waren, aufs Allerfeinste unterhalten wurden.
Es gibt noch mehr Positives zu verzeichnen, denn an diesem Abend waren nur wenige Störungen zu vernehmen, darunter neben den üblichen Hustern und Tuschlern zwei Handys. Auch waren einige Kinder anwesend, von denen man während des Konzerts überhaupt nichts mitbekam. Sie waren offenbar gut vorbereitet worden, erfreulicherweise, und ein etwa achtjähriger Junge hinter uns strahlte nach dem Konzert derart über beide Ohren, so zufrieden in sich ruhend, dass es eine Wonne war und ich mich plötzlich in meine eigene Kindheit zurückversetzt fühlte und dachte: Dieser Junge liebt gute Musik!
Hoffen wir, dass er und die anderen Kinder noch viele Konzerte erleben dürfen. Ungestört.
Brian Cooper, 1. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Berliner Philharmoniker und Lahav Shani Philharmonie Berlin, 21. September 2024