Langes Klassikwelt 3 / 2019: Willkommen im Jurassic Park! Die Telekom klont sich einen Beethoven

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Künstliche Intelligenz soll Beethovens Unvollendete fertig komponieren. Mit Hilfe einiger menschlicher Experten. Die Telekom will damit ihren Beitrag zur 250-Jahr-Feier leisten. Hybris? Auf jeden Fall regt das Experiment zum Nachdenken an.

von Gabriele Lange

„Die Telekom holt das Genie zurück in unsere Gegenwart und vollendet die Skizzen zu Beethovens letztem Werk!“ Das verspricht die Telekom überaus selbstbewusst per Videoclip. Ein Team aus Experten soll eine Künstliche Intelligenz (KI) soweit füttern und trainieren, bis sie aus Beethovens Skizzen eine mögliche Version der unvollendeten 10. Sinfonie erstellen kann. Die Uraufführung ist zur 250-Jahr-Feier geplant. Mit einem menschlichen Orchester. Damit es eine runde Geburtstags-Party wird, hat die Telekom außerdem Robbie Williams engagiert.

Der Beethoven aus dem Computer

Zum „ersten Mal“ soll eine KI wirklich im Stil eines Meisters komponieren, heißt es dann noch. Naja, das ist ein bisschen übertrieben. Es gibt da schon einen „Dvorak“ – und Huawei hat sich Anfang 2019 bereits einen „Schubert“ geleistet. Uraufführung der KI-Version der Sinfonie in h-Moll war in London. Das Publikum war mäßig begeistert. Das Telekom-Team will es nun besser machen. Habe nur ich den leisen Verdacht, dass es hier weniger um Kunst als um Marketing geht?

Wertewandel

Technologiekonzerne behandeln Texte, Bilder, Töne als „content“, als im Wesentlichen austauschbare Inhalte, als Stoff, der Aufmerksamkeit für Werbung bzw. direkte Einnahmen generieren soll. Das hat zum Beispiel in den letzten Jahren den Journalismus gründlich verändert. Es lohnt sich also, intensiver über dieses Projekt nachzudenken. Wie sagt der coole Wissenschaftler im ersten und originalen „Jurassic Park“? „Gott helfe uns, jetzt sind wir den Technikern ausgeliefert.“

„Information ist entfremdete Erfahrung.“

Jaron Lanier, Technikphilosoph, Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels

Programmierte Kreativität

Ein Team aus Musikwissenschaftlern und KI-Experten arbeitet seit geraumer Zeit „Hand in Hand“ mit der KI am Beethoven-Projekt. „Es handelt sich um eine Kollaboration zwischen Mensch und KI. Und genau das ist die Erfolgsformel, wenn es um Kreativität geht“, erklärt Dr. Ahmed Elgammal, Experte für Maschinenlernen.

Mit zur Arbeitsgruppe gehört außerdem der erfolgreiche Komponist Walter Werzowa. Er hat nicht nur jede Menge Filmmusik geschrieben, sondern ist auch für viele Jingles verantwortlich, die Marken wie Samsung, Toyota oder Intel repräsentieren sollen (die fünf Töne, die man mit „Intel inside“ verknüpft, stammen von ihm). Einen Nummer-1-Hit hatte er 1988 auch: „Bring me Edelweiss“.

Der ist in diesem Kontext nicht uninteressant: Dieser Song gilt als erste erfolgreiche Umsetzung des „Manual“. In diesem Buch beschrieb das Duo KLF, wie man ohne eigenes Talent aus ein paar Samples – kurzen Ausschnitten aus Musik, die jemand anderer erdacht hatte –, eigene erfolgreiche Songs bastelt. Werzowa soll die Noten zum Leben erwecken, das Ergebnis der KI für ein Orchester spielbar machen.

Auf fremden Schultern

Die KI wird mit Daten über Beethovens Musik in maschinenlesbar aufbereiteter Form gefüttert. Um kleinste Einheiten in einen Kontext zu stellen, geht man dabei ähnlich vor wie bei Sprachverarbeitung. Die KI erkennt Muster, führt Beethovens Skizzen weiter – und generiert sogar eigene Ideen. Zusammengeführt und umgesetzt wird das Ergebnis von Menschen.

Was ist eigentlich Kreativität?

Ob Hobbymusiker oder ein Genie wie Beethoven – jeder steht auf fremden Schultern. Komponisten arbeiten ebenso wie Maler und Schriftsteller nicht in einem Vakuum. Sie haben ihre Fähigkeiten an Vorbildern geschult, Regeln erlernt, Einflüsse aufgenommen. Nun setzen sie Vorhandenes neu zusammen, entwickeln es weiter oder setzen sich bewusst davon ab.

Im Prinzip ist das zunächst nicht so weit weg vom Maschinenlernen. Eine KI erkennt und verarbeitet Muster. Sie hat theoretisch sogar das Potential, viel mehr an unterschiedlichster Musik aus allen Zeiten und Kulturen zu verarbeiten als ein Mensch in einem langen Leben.

Musik entwickelt sich fort

Instrumente werden perfektioniert, neue erfunden. In den letzten Jahrzehnten haben technische Innovationen Feuerwerke an Kreativität möglich gemacht – elektrische Gitarren, Synthesizer, Autotune … Ein kreativer Geist kann auch per Sampling aus den musikalischen Ideen anderer etwas eigenständig Neues schaffen. Zugleich haben die Innovationen die Grundlage für Serienproduktionen ähnlicher Stücke geschaffen, die für sich genommen aufwendig gemacht klingen – die in der Masse aber ihre Konformität offenbaren.

„Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura. Der Vorgang ist symptomatisch; seine Bedeutung weist über den Bereich der Kunst hinaus.“

Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 1935

Original und Fälschung

Nehmen wir an, es gelingt, mit Hilfe der KI eine beeindruckende Sinfonie zu kreieren. Ist das dann ein Beethoven-Werk? Nun, genauso wenig wie ein Max Ernst von Wolfgang Beltracchi ein Max Ernst war. Dieser geniale Fälscher kopierte nicht einfach Bilder großer Maler. Er vertiefte sich in ihren Stil und ihre Welt – und schuf authentisch wirkende Werke, die auch Experten erfolgreich täuschten. Nachdem seine Urheberschaft beim Verkauf der Bilder dummerweise nicht erwähnt wurde, landete er im Gefängnis. Selbst wenn die KI tatsächlich ein vergleichbares Niveau wie Beltracchi erreichen sollte – eine Beethoven-Sinfonie wird es dennoch nicht werden.

Was kann ich überhaupt noch glauben?

Es fing mit den täuschend echt wirkenden Sauriern in Jurassic Park an. Einige Jahre später faszinierte das Kunstwesen „Gollum“ in Herr der Ringe. Avatar ließ uns tief in eine computergenerierte Welt eintauchen. Doch es war jeden Moment klar: Das ist nicht die Realität. Mittlerweile ist es technisch möglich, jede beliebige Person in einem Video tun und sagen zu lassen, was man möchte. Solche „Deepfakes“ sind immer schwerer zu erkennen – damit kann man zum Beispiel einem Politiker beliebige Aussagen und Handlungen unterschieben. Filmproduzenten freuen sich dagegen über kommerzielle Chancen: James Dean etwa soll demnächst für einen Film reanimiert werden.

„Diese Probe wird enden, die Vorstellung wird zu Ende gehen, die Sänger werden sterben, irgendwann wird die letzte Partitur zerstört sein. Schließlich wird der Name „Mozart“ verschwinden. Der Staub wird siegen.“

Philip K. Dick, Träumen Androiden von elektrischen Schafen?, 1968

Kontext und Entwicklung

Deans Gesten, sein Lächeln, sein Gang, sein Blick – generiert auf dem Computer… Grausig finde ich das. Und dumm. Denn seine Aura funktionierte in seiner Zeit, in seinem gesellschaftlichen Kontext – daraus herausgerissen wirkt sein trotzig-vorwurfsvoller Blick womöglich lächerlich. Und: Wäre der Autounfall nicht passiert, hätte Dean sich weiterentwickelt. Er wäre erwachsen geworden, hätte sich an das veränderte Umfeld angepasst (beziehungsweise dagegen rebelliert …).

Hätte Beethoven lange genug gelebt, um die 10. Sinfonie zu vollenden, hätte er seine Skizzen weiterentwickelt, manches gestrichen und Unvorhersehbares hinzugefügt. Es wäre mit eingeflossen, was er noch erlebt hätte.

Das menschliche Element

Kann eine KI irrational sein? Leiden, glücklich, verliebt, verletzt, ängstlich, wütend sein? Betrunken, beglückt? Inspiriert von einer Begegnung, einem Sternenhimmel, dem Rauschen des Meeres? Beethoven litt unter seiner Schwerhörigkeit, kämpfte um seine Musik, war deprimiert und zornig. Er fühlte. Und das spüren wir in seinen Kompositionen.

Musik ist ganz nahe an unseren Gefühlen

Was macht den Menschen aus? George Orwell beschreibt in „1984“ eine automatisierte Herstellung von Musik für die Unterschicht. Der desillusionierte Winston Smith staunt: Die kalt und zielorientiert produzierten Songs werden von den Menschen gesungen – und dabei mit menschlicher Emotion erfüllt. Wie fühlt es sich wohl an, den KI-Beethoven zu hören – und nicht zu wissen, wie das Stück entstanden ist?

Musik als Turing-Test?

Alan Turing war einer der Wegbereiter der Informatik. Als einer der ersten dachte er über Künstliche Intelligenz nach. Von ihm stammt der Satz „Ein Computer würde es verdienen, intelligent genannt zu werden, wenn er einem Menschen vortäuschen könnte, ein Mensch zu sein.“ Durch KI komponierte Musik wäre eine interessante Variante des Turing-Tests: Beethovens Musik transportiert intensive Emotionen. Gelingt es einer KI, Musik zu schaffen, die solche Gefühle auslöst, werden Grenzen überschritten. Kann eine KI geeignete Muster produzieren, um ähnliche Reaktionen hervorzurufen wie die Musik eines menschlichen Komponisten? Beim aktuellen Experiment wirken noch Menschen entscheidend mit. Sie werden durch ihren Beitrag das Ergebnis beeinflussen.

Wer weiß, was die Zukunft für uns bereithält

Science-Fiction-Autoren und Filmemacher haben sich immer wieder damit beschäftigt, ob eine KI irgendwann die Grenze zur Menschlichkeit überschreitet, Gefühle und Kreativität entwickelt. Data von der Enterprise-Crew war ein Androiden-Pinocchio, der so gerne ein richtiger Junge wäre. Douglas Adams schuf mit Marvin einen manisch-depressiven Roboter. Philip K. Dick fragte, ob Androiden von elektrischen Schafen träumen. In Ridley Scotts Verfilmung Blade Runner offenbart der sterbende Replikant in der berühmten Schlussszene eine tiefe Empfindsamkeit. Und während in Spike Jonzes wunderbarem Film „Her“ die meisten Menschen verlernt haben, ihre Emotionen auszudrücken, lernt eine KI vom sensiblen Protagonisten – und er von ihr. Er verliebt sich in sie, sie sich in ihn – doch sie verlässt ihn schließlich für ihresgleichen.

Training und Proof of Concept

Musik ist nur ein Spielfeld, auf dem die Möglichkeiten der KI ausgetestet und erweitert werden. KIs „malen“ – ein Bild wurde im Vorjahr bei Christie‘s für 380.000 Euro versteigert. Im Schach werden schon lange Großmeister geschlagen – doch bis vor kurzem galt das uralte hochkomplexe Spiel Go noch als Domäne menschlicher Kreativität. Das ist vorbei: Der einst weltbeste Profispieler trat kürzlich unter anderem mit der Begründung zurück, dass er sich nicht mehr als die Nummer 1 fühlen kann, seit er gegen Googles Programm AlphaGo verloren hat. Das Erstaunliche: Analysierten frühere Programme noch eine Unzahl menschlicher Partien, lernen KIs wie AlphaGo und AlphaZero inzwischen aktiv, indem sie gegen sich selbst spielen. Sie entwickeln dabei eigene Strategien – und werden unschlagbar.

Ach übrigens – man forscht auch daran, unsere Emotionen für KI erschließbar zu machen. Googeln Sie mal „Emotion Analytics“ …

Bei all diesen Experimenten geht es im Kern nicht darum, ob KI künftig komponieren oder Gesellschaftsspiele gewinnen kann. Es handelt sich um Trainingsfelder. KI analysiert unser Kaufverhalten, sie wird künftig unsere Autos steuern, unsere Krankheiten diagnostizieren und behandeln – und unsere Kriege führen.

„Hoffentlich sind wir nicht nur das biologische Startprogramm für eine digitale Superintelligenz.”

Elon Musk (Tesla, Space X …), 2014 auf Twitter

Allmacht und Demütigung

Um noch einmal den coolen Chaostheoretiker aus Jurassic Park zu zitieren: „Ihre Leute waren nur darauf konzentriert, ob sie es schaffen können. Ob sie es tun sollten, die Frage stellte sich keiner.“ Bisher Undenkbares zu kreieren, gibt ein Gefühl von Allmacht. Mit Hilfe der Technik eine „Beethoven-Sinfonie“ zu erschaffen, ist auch ein Versuch, Tod und Vergänglichkeit zu überwinden.

Stephen Hawking, Bill Gates und Elon Musk warnten bereits vor einigen Jahren vor unkalkulierbaren Risiken bei der Weiterentwicklung der KI. Videos der Fähigkeiten, die die Roboter von Boston Dynamics schon heute haben, ersetzen manchen Horror-Sci-Fi-Film. Im Film Terminator akzeptiert die KI Skynet eines Tages keine Befehle mehr und macht sich daran, die Menschheit auszulöschen.

Aber vielleicht liegt die Gefahr zunächst ganz woanders: Das menschliche Selbstwertgefühl hat im Lauf der Geschichte schon eine Reihe von Demütigungen hinnehmen müssen – und manche sind auch heute noch nicht bereit zu akzeptieren, dass wir uns Vorfahren mit den Affen teilen, eine runde Erde um die Sonne kreist und wir unseren Lebensstil fundamental ändern müssen, wenn wir weiter auf unserem Planeten wohnen wollen. Jetzt stehen wir zudem vor einer existenziellen Krise unserer Identität und Selbstachtung.

“Auf lange Sicht werden künstliche Intelligenz und Automatisierung so viel von dem übernehmen, was Menschen ein Gefühl von Sinn gibt.“

Matt Bellamy, Musiker (Muse, laut Forbes)

Technologie hat uns erst einfache Arbeit abgenommen, dann immer anspruchsvollere Tätigkeiten. Sie steuert, analysiert, übersetzt, spielt mit uns. In Japan gibt es nicht nur Roboter in der Altenbetreuung – sie übernehmen sogar schon die Rolle eines buddhistischen Priesters. Wird Technologie auch das Reich der Kunst erobern? Die Menschen mit Träumen lähmen wie die Künstliche Intelligenz in Matrix? Zumindest müssen wir uns wohl irgendwann mit der Erkenntnis abfinden: So einzigartig sind wir eben doch nicht.

Allerdings … wenn ich Igor Levit Beethoven spielen höre, weiß ich: Der Widerstand lebt.

Gabriele Lange, München, für
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Die Münchnerin Gabriele Lange (Jahrgang 1960) war bei ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik nur mäßig beeindruckt. Als die lustlose Musiklehrerin die noch lustlosere Klasse in die Carmen führte, wäre sie lieber zu Pink Floyd gegangen. Dass Goethes Faust ziemlich sauer war, weil es in dieser Welt so viel zu erkunden gibt, man es aber nicht schafft, auch nur einen Bruchteil davon zu erfassen, leuchtete ihr dagegen ein. Sie startete dann erst mal ein Geschichtsstudium. Die Magisterarbeit über soziale Leitbilder im Spielfilm des „Dritten Reichs“ veröffentlichte sie als Buch. Bei der Recherche musste sie sich gelegentlich zurückhalten, um nicht die Stille im Archiv mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wonderrrr geschehn“ von Zarah Leander zu stören, während sie sich durch die Jahrgänge des „Film-Kurier“ fräste. Ein paar Jahre zuvor wäre sie fast aus ihrer sechsten Vorstellung von Formans „Amadeus“ geflogen, weil sie mit einstimmte, als Mozart Salieri wieder die Sache mit dem „Confutatis“ erklärte. Als Textchefin in der Computerpresse erlebte sie den Aufstieg des PCs zum Alltagsgegenstand und die Disruption durch den Siegeszug des Internets. Sie versuchte derweil, das Wissen der Technik-Nerds verständlich aufzubereiten. Nachdem die schöpferische Zerstörung auch die Computerpresse erfasst hatte, übernahm sie eine ähnliche Übersetzerfunktion als Pressebeauftragte sowie textendes Multifunktionswerkzeug in der Finanzbranche. Vier Wochen später ging Lehman pleite. Für Erklärungsbedarf und Entertainment war also gesorgt. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Unter anderem verfasste sie für Brockhaus einen Lehrer-Kurs zum Thema Medienkompetenz. Musikalisch mag sie sich auch nicht festlegen. Die Liebe zur Klassik ist über die Jahre gewachsen. Barockmusik ist ihr heilig, Kontratenöre sind ihre Helden – aber es gibt noch so viel anderes zu entdecken. Deshalb trifft man sie etwa auch bei Konzerten finnischer Humppa-Bands, einem bayerischen Hoagascht und – ausgerüstet mit Musiker-Gehörschutz – auf Metal- oder Punkkonzerten. Gabriele ist seit 2019 Autorin für klassik-begeistert.de.

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