Svatopluk Sem, Vera-Lotte Boecker © Monika Rittershaus
Der Janáček-Zyklus an der Staatsoper Unter den Linden findet mit „Das schlaue Füchslein“ einen berührenden Abschluss. Ted Huffmans Inszenierung konzentriert sich ganz auf die Dualität zwischen Mensch und Tier, das formidable Sänger-Ensemble wird getragen von der geradezu unheimlich guten Staatskapelle unter Leitung von Simon Rattle.
Leoš Janáček
Das schlaue Füchslein (1924)
Musikalische Leitung: Sir Simon Rattle
Staatskapelle Berlin
Inszenierung: Ted Huffmann
Bühne: Nadja Sofie Eller
Kostüme: Astrid Klein
Staatsoper Unter den Linden, 13. März 2026
von Arthur Bertelsmann
Es ist schon erstaunlich: Ausgerechnet das vom Komponisten selbst als gelungenste Oper beschriebene „Schlaue Füchslein“ wurde an der Staatsoper Berlin – in der Fuchshauptstadt der Republik! – noch nie aufgeführt. Schleierhaft, denn das fabelhafte Werk liefert mit dem zerstörerischen Umgang des Menschen gegenüber seiner – gut ohne ihn auskommenden – Umwelt ein zeitloses Topos. Die durchweg zugänglichen, mal romantischen, mal tragischen Miniaturen des Librettos, gepaart mit der funkelnden, lautmalerischen Partitur, sollten eigentlich zum Standardrepertoire eines Opernhauses gehören.
Die Inszenierung der Staatsoper unter Ted Huffman nimmt sich diesem nun an und liefert eine (leider nur mehr sehr selten) wunderbar verständliche Regiearbeit. Huffman verzichtet dankenswerterweise auf Plastiktiere oder angeklebte Fuchsschwänze, sondern lässt in einem minimalistischen, strahlend weißen Raum (Bühne: Nadja Sofie Eller) die Tänzer, Artisten und Sänger der Staatsoper in bunten Bodys in kunstvoller Choreographie durch den Raum tanzen.
Die Gattung des jeweiligen Tieres wird durch die Farbe des Bodys offensichtlich: Der Frosch ist grün, die Ameise schwarz und der Fuchs natürlich fuchsrot. Die Menschen des Stücks kommen bieder daher: der Priester im Kollarhemd, der Lehrer in der Uniform eines Buchhalters, die – anders als die schwerelos erscheinenden Tiere – plump von Eck zu Eck stampfen, wild auf die Bewohner des Waldes schießen oder sich in der ortsansässigen Kneipe besaufen. Nie können sich die bräsigen Menschen gegenüber den hyperaktiven Tieren behaupten.

Die Dualität zwischen der zeitlos quirligen Natur und der vergänglichen und egoistischen menschlichen Zivilisation wird so auf eindrückliche, doch nie moralinsaure Art und Weise deutlich. Gewiss ist das Vorgehen in Huffmans Inszenierung keine deut(er)ische Meisterleistung, einen wirklich neuen Blickwinkel nimmt die Regiearbeit nicht ein, das Janáček vertraute Publikum wird nicht schlauer. Muss es jedoch auch nicht, denn zum einen umgeht die simple Strategie Huffmans die Gefahr, das Stück durch einen verstiegenen Regieeinfall zu sabotieren, zum anderen gibt es auch noch das großartige Ensemble, das natürlich von Vera-Lotte Boecker als Füchslein Schlaukopf angeführt wird.
Leuchtend und gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden tollt sie rebellisch durch den Wald, beklagt angekettet im Haus des Försters ihre verlorene Freiheit und flirtet charmant und doch unerfahren mit ihrem Liebhaber. Dieser Fuchs, von Magdalena Koženás Sopran glaubwürdig verkörperte Hosenrolle, ergänzt Böckers Rolle nahezu ideal. Anders als die hyperaktive Füchsin zeigt sich bei Kožená das raffinierte, fast verschlagene Naturell des Fuchses. Regelrecht aasig nähert sich der Fuchs der Titelrolle, verführt sie mit einem mitgebrachten Hasen, um dann bei der ersten Annäherung doch verlegen zu werden.

Dieses hinreißend gesungene wie inszenierte Duett zeigt dann auch umso deutlicher, woran es bei den krampfhaften Aktualisierungen zahlreicher Inszenierungen krankt: Die oftmals so einnehmenden Charaktere verblassen aufgrund einer fixen Idee des Regisseurs zu holzschnittartigen Einfaltspinseln, bei Huffman können die Figuren noch atmen – und der Zuschauer in die Gefühlswelt abtauchen. Das gelingt auch bei Svatopluk Sems Förster. Der derbe und dröhnende Bariton ist zwar durchaus der glaubwürdige und brutale Vertreter der besitzergreifenden Menschheit, allerdings zugleich auch ein in seiner Naivität rührender Romantiker, der trotz seiner impulsiven Aggressivität die Natur und den Wald zu lieben scheint.
Getragen wird das alles von Sir Simon Rattle und der aktuell unheimlich gut spielenden Staatskapelle. Zuletzt von der Zeitschrift Oper! als bestes Opernorchester Deutschlands gewählt, zeigt sie sich wieder einmal in bester Verfassung. Makellos führt das Orchester durch die vielseitige und komplexe Partitur. Blech und Streicher bilden eine einmalig gebundene Symbiose, es schäumt bei den Jagdszenen auf, ist kammermusikalisch im Duett. Rattle übernimmt in seiner Interpretation überwiegend die Rolle des Stimmungsverstärkers, bleibt immer bei der Psychologie seiner Figuren, konterkariert nie durch effekthascherische Mätzchen die anrührend ehrliche Atmosphäre der Szenen.
Bei einem handwerklich so außerordentlichen Abend und einer einfachen und doch unterhaltsamen Inszenierung könnte „Das schlaue Füchslein“ an der Staatsoper zum Klassiker werden – die besuchte Vorstellung war jedenfalls ausverkauft.
Arthur Bertelsmann, 14. März 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Füchslein Schlaukopf: Vera-Lotte Boecker
Fuchs: Magdalena Kožená
Der Förster: Svatopluk Sem
Die Försterin, Eule: Natalia Skrycka
Der Schulmeister, Mücke: Florian Hoffmann
Der Pfarrer, Dachs: David Oštrek
Harašta: Carles Pachon
Matthias Pintscher, Das kalte Herz Uraufführung Staatsoper Unter den Linden, Berlin 11. Januar 2026