Mireille Mathieu kann nicht mehr so gut singen wie früher – sie macht ihre Fans allein durch ihre Anwesenheit glücklich.

Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 1. Mai 2018
Mireille Mathieu

von Mirjana Plath

Seit ich mich erinnern kann, gibt es in meiner Familie eine CD von Mireille Mathieu. Einmal im Jahr, am Geburtstag meines Vaters, läuft diese CD schon am Morgen in voller Lautstärke. Alle Verwandten schmettern inbrünstig „Marrrrtinnnn“ am Frühstückstisch mit, zufälligerweise trägt mein Vater den gleichen Vornamen. Wohl aus Jux hat meine Mutter einst das Album mit dem Titel gekauft. Wobei wir – soweit ich weiß – nie gefragt haben, ob meinem Vater das Lied überhaupt gefällt. Womöglich kann er es nicht mehr hören, aber er lauscht dem Gesang jedes Jahr mit bewundernswerter Gelassenheit.

Wie dem auch sei, die Schlagerlegende Mireille Mathieu begibt sich nun mit über 70 Jahren auf eine Welttournee. Keine Frage, dieses Ereignis kann ich mir nicht entgehen lassen.

Der liebenswerte Akzent, das starke Tremolo in ihrer Stimme und die Durchdringungskraft ihres Gesangs haben Mireille Mathieu zu einer Ikone des Schlagers gemacht. Fleißig betonen noch heute die Programmhefttexte das romantische Aschenputtelmärchen, wie die kleine Französin von einem armen Arbeiterkind zur gefeierten Sängerin emporstieg. Sie hat Fans auf der ganzen Welt, die sie seit einem halben Jahrhundert auf der Bühne beglückt. Ob sie heute noch die gesanglichen Leistungen erbringen kann, die sie früher gezeigt hat?

Sie füllt keine Stadionhallen wie Helene Fischer. Beim „Spatz von Avignon“ geht es gesitteter zu, in Wien gastiert sie im ehrwürdigen Wiener Konzerthaus. Viele Menschen tummeln sich schon vor dem Gebäude, zu meiner Verwunderung sogar einige junge Leute. Auf dem Sitzplatz angekommen, erreichen mich Sprachfetzen aus verschiedenen Ländern. Viele Franzosen sind dabei, und selbst Amerikaner haben die weite Anfahrt nicht gescheut.

Für ihren Auftritt hat Mireille Mathieu eine Band mit Streicherergänzung mitgebracht, drei Backgroundsänger unterstützen den Gesang. Bevor sie die Bühne betritt, produzieren Nebelmaschinen einen mystischen Rauch und eine beachtliche Lichtershow steigert die Spannung. Kurz hört man sie ein paar Töne einsingen, ehe sie den Saal betritt. Schon dafür gibt es stürmischen Applaus.

Dann ist sie endlich da. Das Rrrr perlt noch immer aus ihrer Kehle, der französische Akzent ist so unschuldig und liebenswert wie auf jeder ihrer Platten. Auch an Durchdringungskraft hat ihre Stimme nichts verloren. Kein Wunder, denn das Mikrofon ist voll aufgedreht. Anfangs scheppert es noch überfordert von der Lautstärke, mit der die Sängerin ihre Lieder darbietet. Es klingt ein bisschen nach Dorffest, wie die Instrumente und der Gesang miteinander wetteifern. In den hohen Lagen schwächelt Mireille Mathieu, ihre Spitzentöne von früher sind passé. Aber das macht nichts.

Anscheinend ist im Saal kein Mensch, der musikalische Spitzenleistungen erwartet. Sie sind alle hier, um die vergangenen Zeiten zu feiern. Das Publikum liebt Mireille Mathieu abgöttisch. Nach fast jedem Lied stürmen Fans nach vorne an die Bühne und überreichen der Grande Dame des Schlagers unzählige Blumensträuße. Wahrscheinlich gibt es seit diesem Abend in ganz Wien keine Maiglöckchen mehr. Während man sich noch fragt, was Frau Mathieu mit so vielen Blumen anstellt, kann man beobachten, wie der Sicherheitsdienst erfolglos Besucher von den Gängen verscheuchen will. Dort stehen die Menschen mit ihren Digitalkameras, schießen Selbstporträts vor der Bühne und hoffen, dabei noch ein Stückerl von ihrem Idol aufs Bild zu bekommen.

Das Konzert sprüht vor guter Laune. Jeder kann den Text mitsingen, wenn Mireille Mathieu ihre bekanntesten Hits anstimmt. Egal, ob „Es geht mir gut, merci Chérie“, „Hinter den Kulissen von Paris“ oder „An einem Sonntag in Avignon“ ertönt, alle wippen fröhlich mit. Sie bedient das Klischee der französischen Chansonnière. Als gehandelte Nachfolgerin der Bühnenlegende Edith Piaf darf dabei selbstverständlich auch eine Coverversion von „Non, je ne regrette rien“ nicht fehlen. Die stimmlichen Fähigkeiten der Sängerin sind dabei unwichtig. Bewundernswert ist allerdings, wie agil sie auf der Bühne performt. Mireille Mathieu läuft eifrig auf und ab und vergisst nicht, jeden Winkel des Zuschauerraumes mit ihrem Lächeln einmal anzustrahlen.

Skurril wird der Abend, als Mathieu ein Medley in verschiedenen Sprachen anstimmt. Neben chinesischen und spanischen Titeln gibt sie auch Händels Barockarie „Lascia ch’io pianga“ zum Besten. Eine weitere Verschlagerung von klassischer Musik präsentiert sie herzergreifend an den Flügel gelehnt: „Die Tage der Liebe, wie Rosen so schön…“, singt sie auf die Melodie eines Impromptus von Franz Schubert. Die musikalische Qualität der originalen Werke von Händel und Schubert geht dabei verloren. Stattdessen erklingt eine kitschige Schmalzversion berühmter Melodien aus vergangenen Jahrhunderten. Vielleicht hilft Mireille Mathieu ja dadurch, neues Publikum für die Klassik zu begeistern. Vielleicht ist es aber auch nur verstörend. Hoffen wir auf Ersteres.

Drei Zugaben erklatschen sich die Zuhörer. Da wird es kurzzeitig sentimental. Als Mathieu „Maman la plus belle du monde“ anstimmt, zittert ihre Stimme. Das Lied muss ihr sehr nahe gehen, erst nach einigen Takten kann sie sich wieder fassen. Aber was wäre die Schlagerwelt ohne heile Welt und Happy End? Mit „Hinter den Kulissen von Paris“ in unzähligen Wiederholungen treibt die Band die Stimmung wieder nach oben. Ist das Leben nicht schön, scheinen die Musiker dem Publikum zuzurufen.

Das Konzert hat seinen Zweck erfüllt. Mireille Mathieu kann nicht mehr so gut singen wie früher, aber das muss sie auch nicht. Sie macht ihre Fans allein durch ihre Anwesenheit glücklich.

Mirjana Plath, 2. Mai 2018, für
klassik-begeistert.de

Foto: Wikipedia

Ein Gedanke zu „Mireille Mathieu, Welttournee,
Wiener Konzerthaus“

  1. Liebe Frau Mirjana Plath,
    Wie viele Konzerte in wie vielen Jahren haben Sie persönlich erlebt, um zu dieser Ihrer Bewertung
    “ … kann nicht mehr so GUT singen wie früher … keine musikalische Spitzenleistung“ zu gelangen? Oder genügt Ihnen dazu einfach der Vergleich mit dem Schallplattentitel „Martin“ einmal jährlich am Geburtstag Ihres Vaters?
    Wie „gut“ soll Ihrer Meinung nach eine Singstimme einer nunmehr 72-jährigen Sängerin sein, nach über 50 Jahren Gesangskarriere? Stimmbänder mit dieser Beanspruchung sollen über 50 Jahre gleich schöne Töne mit konstanter Spitzenleistung hervorbringen?
    Daher finde ich Ihre Kritik und Bewertung sehr unpassend, unwürdig und nicht zutreffend.
    Die Stimmlage von Mireille Mathieu ist ihrem Alter entsprechend tiefer geworden, die vorgetragenen Lieder wurden bei diesem Konzert sehr wohl darauf abgestimmt und haben, meiner Meinung nach, ein harmonisches Gesangsbild ergeben. Wer das perfekte Klangbild einer oftmalig gehörten Schallplattenaufnahme bei einem Liveauftritt sucht, sollte lieber keinerlei Konzert besuchen und darüber in dieser Form berichten.

    Gabriele Seemann

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