Das aron quartett. V.l.n.r.: Ludwig Müller, Barna Kobori, Georg Hamann, Christophe Pantillon. Foto: privat.
Das aron quartett gestaltete einen faszinierenden Abend in der von Adolf Loos gestalteten Wohnung des Industriellen und Mäzens Emil Löwenbach. Es erklangen Auszüge aus Quartetten von Mozart, Beethoven, Schönberg, Webern, Zemlinsky, Korngold, Bartók und Ravel. Daniel Große Boymann las Texte, die gemeinsam mit der Musik die Ziele und die Atmosphäre der Umbruchszeit in Wien um 1910 plastisch heraufbeschworen.
aron quartett
Ludwig Müller und Barna Kobori, Violine
Georg Hamann, Viola
Christophe Pantillon, Violoncello
Daniel Große Boymann, Sprecher
Bridgeclub Wien, 10. April 2026
von Dr. Rudi Frühwirth
Der Bridgeclub Wien ist in der Wohnung der Familie Löwenbach beheimatet; Adolf Loos stattete die Wohnung im Jahr 1913 aus. Sie ist ein Musterbeispiel der künstlerischen Prinzipien des bedeutenden Architekten: individuelle Gestaltung der Räume gemäß ihrer Funktion, weitgehender Verzicht auf Ornamente, gezielte Wahl der Materalien: edle Hölzer, Marmor und Messing. Die weitgehend erhaltene Originalausstattung verleiht dem Ort eine ganz beondere Aura und prädestiniert ihn zum Begegnungspunkt der Künste.
Emil Löwenbach war ein Kunstmäzen aus Leidenschaft. In seinem Salon trafen viele der bedeutendsten Wiener Künstler der Zeit aufeinander: Adolf Loos, Arnold Schönberg, Anton Webern sowie Oskar Kokoschka, der ihn porträtierte. Auch Béla Bartók war während seiner Aufenthalte in Wien bei Löwenbach zu Gast. Sehr wahrscheinlich wurde im Salon auch Kammermusik von Schönberg und seinen Schülern gespielt.

Loos und Schönberg bewunderten einander außerordentlich. In Loos’ Ablehnung des Ornaments, in seiner Schrift “Ornament und Verbrechen” auf den Punkt gebracht, wie auch in seinem Gesamtwerk ist eine klare Parallele zu musikalischen Entwicklung Schönbergs in den Jahren um 1910 zu sehen: Konzentration auf das Wesentliche, Verzicht auf alles Überflüssige, Betonung der Struktur, und schließlich der unvermeidliche Bruch mit der Konvention. Loos war seinerseits ein glühender Verfechter der radikalen Neuorientierung, die Schönberg und in seinem Gefolge Berg und Webern vollzogen hatten. Als nach dem “Skandalkonzert” des Jahres 1913 ein Rezensent unter dem Pseudonym “Veritas” Loos ob seines Eintretens für Schönberg und dessen Schüler verhöhnt hatte, schrieb Karl Kraus in der “Fackel”:
Der bekannte schwerhörige Architekt, dessen Ohr eben noch die Kunst erkennt, aber leider selbst dem lautesten Geschwätz verschlossen ist, ist wohl der letzte, der dem Künstler nicht den Widerstand der Dummheit gönnt, aber der erste, der in einem Saal Ordnung macht, wenn die Frechheit ihm durch Lärm das Hören erschweren möchte. Sein Leben ist Veritas, aber er steht mit seinem vollen Namen dafür ein und heißt Adolf Loos.
Loos scheute nicht davor zurück, Schönberg mit Rembrandt zu vergleichen, um klarzumachen, dass das Fortschreiten von den Gurreliedern zur Atonalität und schließlich zur Zwölftontechnik zutiefst organisch war, so wie auch von den Jugendzeichnungen Rembrandts zu den großen Werken des Meisters eine ununterbrochene Entwicklungslinie gezogen werden kann. Loos war übrigens ein Dandy, der in Wien als erster Fachmann in Toilettefragen galt, wenn man den Worten von Egon Friedell in der in der “Fackel” erschienenen Skizze “Der Panamahut” glauben schenken darf. Er war mit Josephine Baker befreundet, entwarf für sie ein Haus in Paris, das leider – wie viele seiner Pläne – unausgeführt blieb. Als Baker einmal in Wien auftrat, war er bitter enttäuscht über die mangelnde Begeisterung des Publikums.

Auch Béla Bartók war ein Bewunderer Schönbergs, obgleich er künstlerisch einen anderen, nicht minder radikalen Weg eingeschlagen hatte. In einem Artikel, den Daniel Große Boymann auszugsweise zu Gehör brachte, berichtet Bartók vom großen Interesse seiner Schüler an Schönberg, er schlägt vor, Lieder und Kammermusik von Schönberg in Budapest aufzuführen, und bedauert, dass an eine Aufführung von Orchesterwerken nicht gedacht werden kann.
Schönberg bekannte einmal, dass er – von seinen Eltern kaum gefördert – seinen Weg zur Musik vor allem drei Freunden zu verdanken hatte, von denen Alexander Zemlinsky der bei weitem wichtigste war. Zemlinsky wurde sein Lehrer, sein Förderer und schließlich auch sein Schwager. Obwohl nicht belegt ist, dass er im Hause Löwenbach verkehrte, gehört er doch unbedingt zum illustren Kreis um Loos und Schönberg.

Die hier skizzierten künstlerischen und menschlichen Beziehungen dienten dem aron quartett als Ausgangspunkt zur Gestaltung des Abends, der vom Verein musicmeetsarchitecture initiiert wurde. Das klug zusammengestellte Programms ließ Mozart und Beethoven zu Wort kommen, selbstverständlich Schönberg, Webern, Zemlinsky und Bartók, und als Kontrast zu den letztgenannten Korngold und Ravel. Die Musiker des aron quartett zeigten wieder ihre technische Brillanz, ihre Vielseitigkeit und Stilsicherheit.
Die langsame Einleitung des ersten Satzes von Mozarts Quartett KV 465 macht verständlich, dass es mit der Bezeichnung “Dissonanzenquartett” bedacht wurde. Die durch erstaunliche harmonische Fortschreitungen aufgebaute Spannung entlädt sich schießlich in einem unbeschwerten C-Dur-Thema, heiter und bezaubernd vorgetragen von den vier Streichern.
Zwischen KV 465 und Beethovens op. 95 liegen nur 25 Jahre, und doch könnte man im ersten Satz den Eindruck gewinnen, dass Beethoven schon den halben Weg bis zu Schönbergs erstem Quartett zurückgelegt hatte. Die rohe Intensität, die scharfen Rhythmen und die rücksichtslosen Klangeffekte, die den Satz prägen, brachten die Spieler zu starker Geltung.
Die ersten beiden Sätze von Schönbergs zweitem Streichquartett zeigen ihn wieder einen Schritt weiter auf dem Weg zum Bruch mit der Tonalität. Der erste Satz beginnt und endet wohl in fis-Moll, dazwischen führt die intensive motivische Arbeit in weit entlegene Bereiche mit ständigen wechselnden tonalen Zentren, die den Laien keinen Bezug zur Grundtonart mehr erkennen lassen und ihn dennoch auf das stärkste fesseln. Der zweite Satz huscht gespentisch dahin, mit atemlosen Läufen in den vier Instrumenten, denen das Trio allerdings etwas Beruhigung entgegensetzt, bevor der Satz abrupt endet. Die Interpretation durch das aron quartett war mustergültig.

Weberns Quartett op. 5 zeichnet sich durch extreme Reduktion und Kargheit des Ausdrucks aus. Im Gegensatz dazu begeisterte der zweite Satz von Bartóks drittem Streichquartett durch volksliedhafte Melodien und pulsierende Rhythmen in häufig wechselnden Metren, höchst temperamentvoll vorgetragen.
Zemlinskys 4. Streichquartett macht deutlich, wieviel Schönberg seinem Lehrer zu verdanken hat. Gleichermaßen reich an melodischen wie harmonischen Einfällen zeugt es von der Erfindungskraft seines Schöpfers, die die jahrzehntelange Vernachlässigung seines Schaffens heute vollkommen unverständlich erscheinen lässt.
Das Scherzo aus Korngolds drittem Streichquartett, entstanden 1944-1945, zeigt gar nichts von der spätromantischen Opulenz, mit der er das Genre der symphonischen Filmmusik in Hollywood etablierte. Es wirkt vielmehr wie eine bittere Parodie auf das klassische Scherzo des klassischen Quartetts und ist damit gar nicht so weit enfernt vom Scherzo in Schönbergs op. 10. Das Trio ist freilich ganz ungeniert romantisch mit einem süßen Thema in E-Dur, zu schön, um wahr zu sein.
Das Scherzo in Ravels einzigem Streichquartett ist ein Kabinettstück, klanglich hinreißend, mit sichtlichem Genuss präsentiert von den vier Streichern. Das spanisch-französische Kolorit ließ es allerdings als einen Ausreißer im Programm erscheinen – der Anknüpfungspunkt war der Aufenthalt von Adolf Loos in Paris in den Jahren 1924-1928, in denen er für den Dadaisten Tristan Tzara die “Maison Tzara” im Viertel Montmarte entwarf und bauen ließ.
Das Konzert endete mit dem Schluss von Schönbergs erstem Streichquartett. Die Coda des letzten Teils nimmt das Anfangsthema mit seinem charakteristischen Rhythmus wieder auf und lässt das Werk in ätherischem D-Dur ruhig und sanft verklingen. Es war das Ende eines großartigen, faszinierenden Abends, der die musikalischen Neuerungen in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts eindrücklich hörbar machte. Neben den hervorragenden Leistungen der vier Musiker machte das exquisite Ambiente, der von Adolf Loos gestaltete Salon den Abend vollends unvergesslich.
Dr. Rudi Frühwirth, 12. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Programm:
Arnold Schönberg: Quartett Nr. 2 fis-Moll op.10, 1. Satz Wolfgang Amadeus Mozart: Quartett “Dissonanzen” in C-Dur KV 465, 1. Satz
Arnold Schönberg: Quartett Nr. 2 fis-Moll op.10, 2. Satz
Erich Wolfgang Korngold: Quartett Nr. 3 in D-Dur, 2. Satz
Ludwig van Beethoven: Quartett f-Moll op. 95, 1. Satz
Anton Webern: Quartett op. 5, 3. Bis 5. Satz
Béla Bartók: Quartett Nr. 3 in cis-Moll, 2. Satz
Alexander Zemlinsky: Quartett Nr. 4 op. 25, 5. Satz
Maurice Ravel: Quartett, 2. Satz
Alexander Zemlinsky: Quartett Nr. 4 op. 25, 3. Satz
Arnold Schönberg: Quartett Nr.1 in d-Moll op. 7, 4. Teil
Texte von Adolf Loos, Elsie Altmann-Loos, Arnold Schönberg, Béla Bartók und anderen
Béla Bartók, Herzog Blaubarts Burg, Minimal Opera Kammerspiele, München, 15. März 2026
Sommereggers Klassikwelt 206: Alexander Zemlinskys schwieriger Lebensweg