Elbphilharmonie, Hamburg: Es fällt ein Programmheft zu Boden, und Maestro brechen ab

musicAeterna, Teodor Currentzis  Elbphilharmonie, 14. April 2022

Elbphilharmonie, 14. April 2022

musicAeterna Orchester
Dirigent Teodor Currentzis

Richard Strauss

Metamorphosen / Studie für 23 Solostreicher
Piotr I. Tschaikowsky
Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 74 »Pathétique«

Fotos: Daniel Dittus ©

von Harald Nicolas Stazol

Es fällt ein Programmheft zu Boden, und Maestro brechen ab. Nicht irgendetwas, kaum sind die ersten, zärtlichsten Takte Tschaikowskys im Aufblühen, da fällt das Heft, und Teodor Currentzis hat genug. Also, nun noch einmal.

Noch einmal? Nie wieder! Da steht sein Orchester, es gibt keine Stühle, nun ja, für die Cellisten, gerade hat man das Programm auf Wunsch des ukrainischen Botschafters in Wien abgesetzt – nun, der kann uns hier in Hamburg gestohlen bleiben, der ukrainische Botschafter in Wien, etwas vorlaut zuletzt ohnehin, aber das ist vor diesem Hintergrunde eines nicht geringer als überweltlichen Richard Strauss von nicht dem geringsten Belang.

Von Belang ist, das dieses Orchester und dieser Dirigent eine Einheit eingehen, die schlicht und schier staunenswert ist. Erstaunlich, das Wort allein ist schon so inflationär, aber da ist dieser Grieche mit dem russischen Pass, umringt von einem geradezu ihm innig ergebenen Instrumenten-Team, dass sich hier austoben kann, wie etwa ganz rechts der dritte Geiger mit dem Undercut, der fast vom Podium zu fallen droht in seinen Ausfallschritten… und genau vor ihm, gleichen Alters, keine dreißig, die zweite Geige, deutlich reservierter, aber der Maestro ist ja eh kaum zu halten: Theodor Currentzis at his best.

Hielten Sie nicht auch die einmalige Einspielung der 6. von Tschaikovsky unter Sir John Barbirolli mit dem Hallé Orchestra für die beste?

Dann habe ich nur drei Worte für Sie:

Ha. Ha. Ha.

Das Pièce de Résistance jedes Dirigenten ist – nachrangig nur das Brahmssche Requiem – die Pathétique.

Tschaikowskys Vermächtnis, gerade hat er sich in Sewastopol ein Glas unabgekochtes Wasser kommen lassen, trotz Cholera-Epidemie, wird krank, und dann kocht man ihn zu Tode – man übergoss die Kranken mit siedendem Wasser, in der Hoffnung, das Tuberkel denaturierte eher, als das Blut.

Was wir hier hören ist keine Symphonie, es ist eine Offenbarung. Eine letzte vielleicht.

Die Ländereien eines zaristischen Russlands – darf man es noch  sagen – sie scheinen auf die reine Weite ein immer langsamer werdendes Thema, voller Freude, gerade noch fast totgetreten. Und es wird variiert und variiert, bis man selbst zu Tränen gerührt.

Anschließend der untanzbare Walzer, 3/4, 4/4, immer von vorn, immer hinterdrum, immer zu spät -meines Gedankens schon eine frühe Vorwegnahme der Revolution.

Ich schrieb schon an anderer Stelle, „Der König tanzt“, – und wahrlich, Teodor, mein Teodor, ihn hält es kaum auf seinen Zehenspitzen. Er tanzt vor. Und: Sein Orchester tanzt mit.

Nein wirklich, ich wünschte es genauer vor Augen führen zu können, wenn die Streicher in den Fortissimi alle STEHEND in einer einzigen Bewegung der ihres Meisters folgen – und das, geschätzte Leser dieser Zeilen, er ist er: ein Meister.

Und ja, das Ensemble kommt aus St. Petersburg – aber ist das denn wichtig? Und woher das Geld kommt soll doch Brüggemann mit sich selbst ausmachen.

Pecunia non olet, und mir scheint in diesen zwei Stunden jeder Oligarchenrubel, der in Richtung dieses Klangkörpers floss, bestens angelegt. SWIFT hin – oder her!
Dann eben die Eisenbahnfahrt, der berühmte dritte Satz. Wir wissen nicht, in welche Richtung es geht, von Moskau nach St. Petersburg oder zurück, abgesehen davon, dass sich Anna Karenina vor den Zug wirft, und man sich verspätet – allein: Nun, da sieht er sich selbst im Abteil, Piotr Iljitsch Tschaikowsky, und er will dorthin, wer wartet dort?

Und ich widerspreche hiermit in aller Entschiedenheit der Deutung des vierten Satzes als Requiem. Nein. Es ist das Sehnen eines Einsamen. Eines, der des Lebens überdrüssig, aus reinem Leid, weil er es nicht mehr erträgt. Und dann schluchzen die Geigen, nein, die Streicher weinen. „Daaaaaaa-da-da-da-“ „da-“ „daaaaaaa…“ Ein Ersterben, bei Karajan so lang, wie es seiner gemäß, so interpretiert er, wie der Komponist  es dachte, langsam, ganz langsam.

Currentzis? Man hat im Hören die Tempi längst vergessen, nein im Sehen, ach welche Eleganz!

Was uns direkt zu den „Metamorphosen“ des Richard Strauss bringt.

Die Suite für 23 Solisten ist eine ins Ewige erstrebende Weise, die sich in Kriegsgräuel ausformt, dem dennoch etwas Göttlich-Vorausschauendes gibt. Man gerät in eine Art Trance-Zustand, geradezu.

Einmal, es gibt einen Schwarz/Weiß-Film. 1936, wird Richard Strauss in Bayreuth vorgefahren, in der langen, lackschwarzen Führerlimousine der Firma mit dem Stern, und wird mit „Maestro“ am Portal mit Salutieren und Kopfnicken begrüßt.

Ja, wer hat denn das alles bezahlt?

Die Russen jedenfalls nicht.

Harald Nicolas Stazol, 14. April 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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