L’Orontea © Herwig Prammer
Mit einem äußerst unterhaltsamen Fund in der barocken Opernschatzkiste – Antonio Cestis L’Orontea – begeisterte ein exzellentes Ensemble in der ausverkauften Kammeroper ein restlos enthusiastisches Publikum. Dieses Haus soll nun schließen? Was hör ich?
L’Orontea
Musik von Antonio Cesti
Libretto von Giacinto Andrea Cicognini
MusikTheater an der Wien in der Kammeroper, Wien, 21. Dezember 2025
von Johannes Karl Fischer
Vor dem Eingang versuchten einige Gäste noch ihr letztes Restkartenglück für die restlos ausverkaufte Produktion der Kammeroper. Dahinter und überall im Hause verteilt waren die Flyer „Rettet die Kammeroper“ kaum zu übersehen. Leider kein Witz. Wie Der Standard berichtete, soll diese kleine doch feine Spielstätte in der Inneren Stadt ab nächster Spielzeit aufgrund von niedriger ausfallenden Subventionen für die Vereinigen Bühnen „zumindest vorübergehend“ den Betrieb einstellen. Die Kammeroper schließen? Eine Frechheit für die Wiener Kulturszene wäre das! Dann wird wohl in dieser Stadt bald nur noch Fidelio, Figaro und vielleicht ein bisschen Beethoven 5 gespielt.
Ein Fund in der Opernschatzkiste
Egal, diese Neuproduktion von Antonio Cestis „L’Orontea“ war ein Fund in der alten Opernschatzkiste! Entstehungszeitraum: Eher so ganz am Anfang der Operngeschichte, kurz nach Monteverdi und einige Jahrzehnte vor Händel. Im kaum abgesenkten Graben waren deutlich mehr Instrumente als Musiker vertreten – gerade mal neun weitere Instrumentalisten neben dem musikalischen Leiter Wolfgang Katschner. Theorben, Cembalo und natürlich die altgeliebten, klanglich irgendwo zwischen Trompete und Dudelsack einzuordnenden Zinken, alles am Start. Mit viel Eifer und Einsatz sorgte die lautten compagney Berlin für eine reichlich stimmige Begleitung, verbreiteten dabei viel Freude und Melodien zum Mitschwingen!

Dieser wunderbar beschwingten Stimmung stand Tomo Sugaos Regie um nichts nach. Mit schlichten, die bildhafte Architektur zeichnenden Bühnenbildern führte er das Publikum über Bella Italia in die prächtigen Paläste der ägyptischen Königin. Die sonnige Atmosphäre auf der Bühne war eine willkommene Abwechslung zu dem draußen herrschenden winterkalten Wiener Dezemberwetter, die heiteren Liebesintrigen sorgten für einen amüsierenden Abend in der Kammeroper. Einfach nur Spaß, viel mehr passiert in dieser Oper auch nicht.

Abend der Countertenöre
Gesanglich gehörte der Abend ausnahmsweise mal zwei Countertenören. Für so einige Ohren – die meinigen inklusive – klingt diese Stimmlage mindestens ein wenig gewöhnungsbedürftig, nicht aber, wenn Johannes Wieners die Melodien des Corindos dermaßen klar und glanzvoll von der Bühne schweben lässt. Selbst weit über das klassische Tenorregister hinaus klang sein Gesang vollkommen natürlich, ohne den Hauch eines Drückens oder Pressens segelten die Arien in die Ohren des Publikums. Auch schauspielerisch gestaltete er seine Partie mit Bravour, besonders im ersten Akt sprang er stets zur rechten Stell’.
Gabriel Díaz, der zweiter Sänger des Abends dieser Stimmlage, war ein ebenfalls sehr guter Alidoro. Seiner Rolle entsprechend trat er ein wenig passiver auf als Herr Wieners, doch flossen auch seine Melodien mühelos und liebevoll der thronenden Orontea entgegen.
Die Titelpartie der ägyptischen Königin Orontea war mit Hilary Cronins kraftvollem Sopran prächtig besetzt. Ihre Stimme thronte mit ausdrucksvoll gesungen Phrasen über die Handlung und Bühne, mit den tiefen Emotionen der Herrscherin füllte sie den Saal musikalisch randvoll. Maria Ladurner ließ die Rolle ihrer Rivalin Silandra wie eine leuchtende Gesangssonne aufblühen, ihre liebevollen Melodien spürte man mit viel Wärme in die musikalische Seele eindringen. Vor allem im zweiten Akt drehte sie ihre ohnehin brillante Leistung nochmal richtig auf, neben Herrn Wieners Spitzenleistung in der Rolle ihres Liebhabers war sie der zweite gesangliche Leuchtturm des Abends!

Viele unterhaltsame Partien
Die wohl unterhaltsame Partie des Abends hatte Alexander Strömer als Gelone/Creonte. Im besten Wienerisch singend und spielend spannte er souverän den Bogen zwischen dem Publikum und Libretto, beinahe hätte er hier und da wohl noch eine Flasche Bier im Parkett ausgeschenkt. Reichlich begeistert zeigte sich das Publikum auch für Stephen Chaundys Aristea. Seine Darbietung dieser etwas mysteriösen Partie geriet ihm amüsierend und stimmlich souverän, eine Meisterleistung der barocken Unterhaltungskunst! Auch Manhan Qi überzeugte mit kraftvollem Sopran als Tibrino, ihre Darbietung der handlungstechnisch etwas im Hintergrund agierenden Rolle stand den größeren Partien um nichts nach!

Die zweite Spielstätte von Stefan Herheims Theater an der Wien entdeckt mal wieder Klassik jenseits der Kassenknaller, das Publikum nahm die Vorstellung mit begeistertem Applaus an. Nicht umsonst sind alle verbleibenden Vorstellungen dieser Serie restlos ausverkauft. Eine geschlossene Kammeroper wäre ein herber Verlust für die Wiener Theaterszene. Wie kann die Kunst nur unwert sein?
Johannes Fischer, 24. Dezember 2025 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Johann Strauss (jun.), Die Fledermaus Musiktheater an der Wien, 20. Oktober 2025
Francesco Gasparini, Ambleto (Hamlet), MusikTheater an der Wien, 8. Mai 2025