Anna Netrebko trotzt der Killerrolle

Giuseppe Verdi, Nabucco (Libretto, Temistocle Solera)  Wiener Staatsoper, 5. März 2026

Nabucco, Anna Netrebko © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Singt sie oder singt sie nicht? Das war die alles beherrschende Frage im Vorfeld der Nabucco-Vorstellung an der Wiener Staatsoper. Dass man bis zuletzt zittern musste, lag daran, dass der wohl letzte echte Superstar der Opernwelt die vorherige Vorstellung absagen musste. Als einer der Lang-Brüder gegen 19:00 Uhr die Bühne betritt, ahnte man bereits Böses. Doch gleich die Entwarnung: „Anna Netrebko ist wieder gesundet“. Erleichterung und erster Applaus aus dem Publikum.

Giuseppe Verdi, Nabucco (Libretto, Temistocle Solera)
Wiener Staatsoper,
5. März 2026

von Jürgen Pathy

Dass Anna Netrebko die unheimlich anspruchsvolle Partie der Abigaille beherrscht, stellte die russisch-österreichische Sopranistin bereits vor der Pause eindrucksvoll unter Beweis. Mit kraftvoller Attacke, enormer stimmlicher Präsenz und jenem unverwechselbaren, dunkel schimmernden Timbre gestaltet sie die Partie mit großer Autorität. Von Schwierigkeiten in der Höhe ist kaum etwas zu hören. Auch wenn die Energie und der Ausdruck nach der Pause etwas sinken, bleibt die stimmliche Souveränität jederzeit gewahrt.

Amartuvshin Enkhbat gestaltet die Titelpartie des Nabucco mit mächtig-baritonalen Fundament. Die Stimme trägt mühelos und spannt lange Bögen mit großer Sicherheit. Dass feinere Nuancen und differenzierte Farbwechsel gelegentlich fehlen, macht der mongolische Bariton durch enorme Durchschlagskraft und Ausdruck wett.

Nabucco – Enkhbat, Vinogradov, Bohinec © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Ivan Magrì gibt einen hell timbrierten Ismaele, während Alexander Vinogradov als Zaccaria mit profundem Bass und autoritärer Bühnenpräsenz den beiden Hauptpartien mehr als nur Konkurrenz macht.

Mit Szilvia Vörös kann die Wiener Staatsoper sowieso auf ein verlässliches Ensemblemitglied zählen, das jede Vorstellung bereichert.

Aufführung 27.02.26 Nabucco – Enkhbat, Vinogradov, Netrebko © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Blasse Inszenierung

Das kann man von der Inszenierung nicht behaupten. Warum andere Produktionen aus dem Repertoire verschwinden mussten, während diese farblose Regiearbeit von Günter Krämer (2001) bestehen bleibt, lässt sich schwer nachvollziehen. Die Geschichte des unterdrückten hebräischen Volkes wird kaum greifbar erzählt.

Dass der gut disponierte Chor der Wiener Staatsoper den berühmten Gefangenenchor „Va’, pensiero“ liegend intoniert, um sich danach zu erheben, ist der einzige Moment mit klarer Symbolkraft. Die an der Rampe abgelegten Bilderrahmen sollen offenbar an Opfer der Shoah erinnern – zumindest liegt diese Deutung nahe, ohne sie klar interpretieren zu können.

Der Mann für die Großen: Marco Armiliato

Dass Marco Armiliato nicht fern ist, wenn die etablierten Stars auf der Bühne stehen, ist kein großes Geheimnis. Im klassisch schwarzen Frack animiert der Italiener das Wiener Staatsopernorchester zu leidenschaftlicher Spielfreude, die sich gezielt im Dezibelrausch entlädt, ohne die Balance zwischen Bühne und Graben zu verlieren. Dabei legt er einen enormen Zug voran. Die Partitur am Pult dient eher nur zur Stütze. Eigentlich dirigiert Armiliato meistens alles auswendig.

Nabucco – Magrì © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Der Schlussapplaus fällt erstaunlich verhalten aus. Fast zu verhalten, bedenkt man, dass hier eine Sängerin eine der schwierigsten Partien des gesamten Verdi-Repertoires überzeugend bewältigt. Die Abigaille gilt als regelrechte „Killerrolle“: Extreme Höhen, dramatische Ausbrüche, rasante Koloraturen und eine hoch liegende Tessitura verlangen der Stimme alles ab. Anna Netrebko zeigt an diesem Abend, dass sie diese mörderische Partie überwiegend im Griff hat. Ein klares Zeichen, dass sie noch immer zu den Ausnahmephänomenen der Oper zählt.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 6. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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