Irgendwann kommt der Klassik-to-stay-Effekt

NDR Elbphilharmonie Orchester, Iveta Apkalna, Thomas Hengelbrock, Poulenc, Beethoven, Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Claudia Höhne (c)
NDR Elbphilharmonie Orchester
Iveta Apkalna Orgel
Dirigent Thomas Hengelbrock
Francis Poulenc
Konzert für Orgel, Streichorchester und Pauken g-Moll FP 93
Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92

Leon Battran

Eine Stunde Klassik zum Probieren. Mit der Reihe „Konzerte für Hamburg“ kann die Elbphilharmonie bei der Bevölkerung punkten – zumal schon zum Freundschaftspreis ab sechs Euro. Als Solistin konnte diesmal Iveta Apkalna, die Titularorganistin der Elbphilharmonie, mit einem Orgelkonzert von Francis Poulenc bezaubern. Und einen besonders schmackhaften musikalischen Appetithappen gab es noch obendrein: Beethovens Siebte – was will man mehr an einem trüben Samstagnachmittag?

Klassik-begeistert.de war bereits hin und weg, als Iveta Apkalna Anfang des Jahres den Hamburgern einen spektakulären Orgelabend schenkte und mit ihrem facettenreichen Spiel den stolzen Farbreichtum ihres Instruments präsentierte. Damals blieben die Sitzblöcke direkt bei den Orgelpfeifen gesperrt, aus Unsicherheit gegenüber der Wucht des Klangs. Diesmal war die Elphi hingegen voll besetzt.

Ordentlich Wucht hat diese Orgel aber immer noch, wenn die 40 Jahre alte Lettin die Komposition Francis Poulencs solistisch eröffnet. Ein mächtiges g-Moll strahlt voll und majestätisch durch den Saal und sorgt so gleich zu Beginn für ein Wow-Empfinden. Der zweite Akkord überrascht und steckt so voller harmonischer Spannung, dass man den Eindruck hat, hier verjazzt jemand eine Bach-Toccata.

Der Franzose Poulenc hatte immer auch ein Herz für Chanson und Variété, das lässt sich auch aus seinen Kompositionen heraushören. Manchmal mit dramatischer Schwere – stellenweise kommt dieses Werk aber auch angenehm leicht daher, eingängig und unbeschwert, eben „jazzy“. Da wippen im Publikum die Finger mit.

Dieses Konzert ist wie eine Unterhaltung zwischen der Orgel und dem Orchester, und die haben sich offenbar einiges zu erzählen! Da erfreuen Violinen mit luftigen Linien, machen Cellokantilenen seufzen. Auch die Bass-Sektion und die Pauken mischen sich darunter, sorgen ohne großen Druck für Wumms, können aber auch mit Zartgefühl aufwarten. Schade nur, dass bei jeder Generalpause im Publikum gehustet wird.

Gleichzeitig funktioniert das Orchester wunderbar als Ganzes und lässt der Solistin viel Raum, um sich zu entfalten. Iveta Apkalna ist in ihrem Element und mit großer Spielfreude bei der Sache. Die Titularorganistin holt alles aus ihrem Instrument heraus, lässt die Orgel blühen und strahlen, „umarmt“ das Publikum mit ihrer Klangschönheit. Die Tiefen sind wie ein warmer Schauer auf der Haut.

Und das Publikum ist in hohem Maße angetan und spendet Apkalna und dem NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Thomas Hengelbrock großzügig den verdienten Applaus für diese mitreißende Performance. Hochsympathisch, wie sich Iveta Apkalna immer auch mit Kusshand in Richtung der Orgel verbeugt!

Zum Mitwippen lud dann auch der herrlich schwungvoll-tänzerische erste Satz aus Ludwig van Beethovens siebter Sinfonie ein. Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielte in Topform: dynamisch und mitreißend, beflügelt und beflügelnd, mit viel Freude und Leichtigkeit: das beschwingte Thema kommt immer wieder aufs Neue daher, im forte freudig erregt, charmant zwinkernd im piano. Dieses Allegro giocoso entfaltete einen natürlichen Drive; ein großes Vergnügen für Musiker und Zuhörer.

Das muss Gustavo Dudamel erst einmal toppen, wenn er im März mit seinem Orquesta Sinfónica Simón Bolívar in Hamburg gastiert, um innerhalb einer Woche alle Neune von LvB aufzuführen!

Die siebte Sinfonie: heute ein Klassiker, zu Beethovens Zeiten Avantgarde? Bei der Uraufführung hagelte es Protest: eine wirre Ansammlung immer gleicher Ideen sei das, nun könne man ihn einliefern, beschreibt Thomas Hengelbrock die Reaktion einiger Zeitgenossen auf Beethovens Werk und verknüpft die Anekdote mit einer kleinen Belehrung in Sachen musikalischer Moderne: Hätten die Komponisten immer nur en vogue komponiert, um dem allgemeinen Geschmack zu entsprechen, wäre die Musikgeschichte stehengeblieben.

Im krassen Gegensatz zu der überschwänglichen Heiterkeit steht die Trauermarsch-Manier des zweiten Satzes. Hier kommt das typisch Beethovensche Pathos zum Ausdruck: ein genial auskomponiertes Aufbäumen, das immer wieder eingetrübt wird. Hier hätten die Musiker ruhig noch etwas mehr Mut an den Tag legen können, um die Zuhörer mit diesem außergewöhnlichen Stück Konzertliteratur zu verblüffen. Mitgenommen haben sie sie aber allemal.

Mit volkstümlich-fröhlicher Ausgelassenheit dreht sich das Scherzo in wildem Kreis. Ein Kompliment dem Oboisten der Elbphilharmoniker, der hier mit einem sportlich agilen Ton hervortritt. Gerade als man denkt, hui, das war ja vergnüglich, aber nun langt’s auch mit den Wiederholungen, schließt sich nahtlos der furiose vierte Satz an – und der hat alles, was er braucht: Tempo, Leidenschaft, Spannung; ein musikalischer Selbstläufer, der durch den Großen Saal sprudelt. Tosender Beifall!

Bei den „Konzerten für Hamburg“ kommt ein sehr heterogenes und buntes Publikum in der Elbphilharmonie zusammen: Da gibt es Selfie-Jäger und Handy-Hobby-Fotografen, die auch während der Vorstellung schnell mal einen Schnappschuss machen wollen. „Nicht zu fassen!“, um die Dame aus Block D, Reihe 1 zu zitieren. Ferner reden auch manche, sagen während der Vorstellung Dinge wie „nicht zu fassen!“. Wiederum andere lauschen brav ausgerüstet mit Taschenpartitur, haben aber keine Lust zu klatschen. Man hat ja schon den Höchstpreis von 18 Euro (!) bezahlt, das muss doch reichen…

Und es ist wunderbar, dass diese vielen Menschen in der Elbphilharmonie zusammenkommen, weil sie Interesse und Freude an Musik haben (oder weil Mama und Papa es gesagt haben). Und mit Sicherheit zieht bei dem einen oder der anderen ein solch kurzweiliges Klassik-to-go-Konzert auch einen nachhaltigen Klassik-to-stay-Effekt nach sich.

Leon Battran, 19. Februar 2017,
für klassik-begeistert.de

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