Wo Elefanten und Libellen tanzen – Lübeck begrüßt das neue Jahr mit einem wundervollen Programm

Neujahrskonzert 2026 in Lübeck  Lübeck, 1. Januar 2026

Stefan Vladar und Orchester – Photo Andreas Ströbl 

Neujahrskonzert in der Lübecker Musik- und Kongresshalle,
1. Januar 2026

Stücke der Familie Strauß sowie von Chatschaturjan und Strawinsky

Stefan Vladar, Dirigent
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Von Dr. Andreas Ströbl

Ist es in Zeiten, wo fast täglich Dinge passieren, die man vor Jahren noch für unmöglich gehalten hätte, und eine Horror-Meldung die nächste jagt, nicht beruhigend und herzerquickend, wenn man einmal für wenige Stunden nur Positives erlebt und Vorhersehbares wie ein magischer Seelenbalsam wirkt? Das Neujahrskonzert in Lübeck am 1. Januar 2026 bot genau das: Ein erfrischendes, wunderbar abgestimmtes Programm mit vielen beliebten Wiener Klassikern und ein paar Überraschungen, dargeboten mit Schwung und in hervorragender Qualität. Prosit Neujahr aus Lübeck!

Strauß ist nicht gleich Strauß

Klar, die Familie Strauß hat gleich mehrere hervorragende Tonsetzer hervorgebracht, die ja durchaus ihre individuelle musikalische Sprache gefunden haben, wenngleich sie allesamt Unterhaltungsmusik schrieben. Aber wie vielfältig und facettenreich die Walzer, Polkas oder klingenden Galopp-Ritte in sich gestaltet sind, wurde bei der gleichermaßen temporeichen wie feinnervigen Wiedergabe der einzelnen Stücke im Lübecker Neujahrskonzert deutlich hörbar. GMD Stefan Vladar und das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck zeigten erneut, dass man tausendmal gehörte Wiener Klassiker nicht nur mitreißend spielen kann, sondern dass der Reichtum an Klangfarben, Dynamik und Stimmungen so gewürdigt werden kann, dass die Stücke klingen, als höre man sie zumindest teilweise zum ersten Mal.

Türöffner für das musikalische neue Jahr war „Wein, Weib und Gesang“ von Johann Strauß (Sohn) mit warmem, vollem Klang; die farbenfrohe, liebenswerte Musik wirkte wie die Umarmung einer großen Gastgeberfamilie, die glücklicherweise über begabte Musikanten verfügt. Sicheres, starkes Blech, heimelige Holzbläser und leidenschaftliche Streicher formten diesen Willkommensgruß so überzeugend, dass das Orchester das Publikum gleich mit den ersten Takten für sich gewonnen hatte. Der Wiener Vladar war ganz in seinem Element und aus der Walzerseligkeit ging es sofort in die zackige Frische mit der Polka „Leichtes Blut“ des gleichen Komponisten. Diese Musik schmeckte nach Champagner!

„Wir können auch anders“, schienen die Lübecker mit dem folgenden „Maskerade-Walzer“ von Aram Chatschaturjan eingeräumt zu haben. Mit melancholischem Grundton und viel Leidenschaft breitete sich dieses Stück in den Saal. Die Schwermut durchbrach Vladar immer wieder durch fein austarierte Crescendi und Betonung der Kontraste innerhalb des Stücks, in dem immer ein bisschen Katerstimmung durchklingt.

Von Armenien, der Heimat Chatschaturjans, ging es dann mit dem fliegenden Teppich nach Ägypten. Man verzeihe die plakative Metaphorik, aber im „Ägyptischen Marsch“ beschwört Johann Strauß ja einen Orientalismus, der augenzwinkernd durchweg zwar morgenländische Musik zitiert, aber doch ganz klar in Wien entstand. Kulturelle Aneignung kann so zauberhaft sein, vor allem mit dem Chor der Orchestermitglieder, die mit viel Humor die phrygische, dadurch orientalisch wirkende Tonleiter durchblitzen ließen.

Völlig ungehemmt sauste anschließend Bruder Eduard Strauß mit seiner schnellen Polka „Ohne Bremse“ quirlig durch den Saal; das Stück erinnert an Kindertage, wo man mit dem selbstgebauten Seifenkistenwagen den steilen Abhang am Stadtrand herunterfuhr und, schon triumph-jauchzend, plötzlich feststellte, dass man eines bei der Konstruktion vergessen hatte: die Bremse!

Der „Schatzwalzer“, wiederum von Johann Strauß, versprach nicht zu viel, denn dies ist ein echter Schatz an zauberhaften Melodie-Ideen mit funkelnden Preziosen aus dem „Zigeunerbaron“. Damit ging es in die Pause, aber zuvor nahmen Dirigent und Orchester bereits minutenlangen, stürmischen Beifall entgegen.

Ein Flattertier, ein Dickhäuter und ein schillerndes Insekt

Den zweiten Teil eröffnete eine atemberaubend flotte „Fledermaus“-Ouvertüre, die Vladar tatsächlich noch rasanter vom Stapel ließ, als er es in der Lübecker Produktion bereits temporeich getan hatte (https://klassik-begeistert.de/die-fledermaus-operette-von-johann-strauss-theater-luebeck-28-oktober-2022/).

Etwas gemächlicher ging es darauf in „Dynamiden. Geheime Anziehungskräfte“ zu, in denen Bruder Josef Strauß aus leichter Wehmut seinen Walzer entwickelt. Ein optimistischerer Ton erhebt sich, aber es bleibt immer die berühmte Träne im Knopfloch spürbar. Motivisch hat sich Richard Strauss hier für seinen „Rosenkavalier“ bedient. Das „Plappermäulchen“, ebenfalls von Josef Strauß, spricht eine völlig andere, gewollt alberne Sprache; es gibt viele lustige Geräusche, es knallt, hupt, quietscht. Dirigent wie Orchester ließen hier mit großem Spaß die Sau raus; „trallala“, „hopsasa“, „eins-zwei-drei“ und tatsächlich „VFB“ intonierten die Lübecker die ausgerufenen Interjektionen (für die Nicht-Lübecker: es handelt sich hier um einen der beiden Traditions-Fußballvereine der Hanse-Königin).

Stefan Vladar und Orchester Photo Andreas Ströbl

Die „Circus Polka: Für einen jungen Elefanten“ von Igor Strawinsky als rhythmisch anspruchsvoll zu bezeichnen, ist noch untertrieben. Hier stapfte und stolperte ein kleines Rüsseltier durch die Manege, kaum zu bändigen und herrlich verspielt.

Das Zitat aus Schuberts Militärmarsch (D. 733) lässt eine Szene im Geiste entstehen, in der der Dickhäuter das Notenpult des Kapellmeisters mit dem Hintern umstößt.

Manche machen aus einer Mücke einen Elefanten, aber die Lübecker verabschiedeten in größtmöglichem Kontrast den kleinen Riesen und ließen Josef Strauß’ „Libelle“ mit schillernden, zerbrechlich zarten Flügeln durch den Saal schwirren. Sanft entschwebte das Insekt, denn ein Gewitter drohte. „Unter Donner und Blitz“ von Johann Strauß beendete den offiziellen Teil des Konzerts, sicherlich das denkbar fröhlichste Unwetter. „Donnergott“ Vladar dirigierte mit witzigen Faxen die humorvoll-liebenswerte Polka.

Große Teile des Publikums erhoben sich dann schon zu stehenden Ovationen, aber es war ja völlig klar, dass das Beste noch kam – kommen musste!

Erste Zugabe: die wieselflinke Tritsch-Tratsch-Polka, ein Klassiker und Selbstläufer. Hätte man die tanzen wollen, wäre man arg ins Schwitzen gekommen. Dann aber endlich die wundervoll schwelgerischen, erlaubt vom Applaus unterbrochenen, ersten sanften Töne des „Donauwalzers“, in dem sich der Fluss und damit die Größe Wiens breit in die Herzen ergießt. Auf die Gefahr der Wiederholung hin – aber das kann man in der alten Kaiserstadt auch nicht schöner haben. Vladar betonte die Tradition seiner Heimatstadt und entließ den weltberühmten Neujahrsgruß von der Donau an die Trave.

Dann aber rasch die KuK-Uniform angezogen und bereitgemacht für den krönenden „Radetzky-Marsch“! Das Mitklatschen verlief hier deutlich organisierter als in Wien, wo der sympathische Yannick Nézet-Seguin bereits durch das Publikum gelaufen war und seine Honneurs gemacht hatte. Beides geht – Hauptsache: Das Publikum ist glücklich und das galt für Österreichs Hauptstadt, wie für Lübeck. Mit sehr viel dankbarer Wärme im Herzen verließ man die „Muk“ und vergaß fast den scheußlichen Schneeregen in der Hansestadt. So kann 2026 beginnen: Prosit Neujahr!

Dr. Andreas Ströbl, 2. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Lübeck, 1. Januar 2026“

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