Foto: Höhne (c)
Ingo Metzmacher Dirigent
Gustav Mahler Jugendorchester
Jean-Yves Thibaudet Klavier
Valérie Hartmann-Claverie Ondes Martenot
Olivier Messiaen Turangalîla-Sinfonie für Klavier, Ondes Martenot und Orchester
von Julian Bäder
Zehn Sätze,
achtzig Minuten Spieldauer,
ein riesiges Orchester
und zwei Solisten.
»Monolithen« hat die Elbphilharmonie eine Konzertreihe in ihrer neuen Spielzeit genannt, und bei den Ausmaßen von Olivier Messiaens riesiger Turangalîla-Sinfonie ist dieser Titel wohl definitiv passend. Zwei Tage vor der offiziellen „Opening Night 2017“ war das Gustav Mahler Jugendorchester zu Gast im neuen 866-Millionen-Euro Bau am Hafen um gemeinsam mit Ingo Metzmacher diese monumentale Komposition aufzuführen.
Eine wahnsinnig spannende Kombination, denn Metzmacher, Hamburg und die Musik des 20. Jahrhunderts verbindet eine lange Tradition. Vor allem die Aufnahmen der Silvesterkonzerte mit dem Philharmonischen Staatsorchester unter dem Titel »Who is afraid of 20th Century Music« sind bis heute renommiert. Und auch die Solisten des Abends versprechen ein äußerst interessantes Konzerterlebnis. Der französische Pianist Jean-Yves Thibaudet interpretierte Messiaens Sinfonie schon öfter und arbeitete 2013 bereits mit dem GMJ zusammen; Valérie Hartmann-Claverie ist ohnehin eine Ikone an der Ondes Martenot.
Der Begriff Turangalîla ist aus dem Sanskrit übernommen und bedeutet so viel wie »Liebesspiel«. Grundbaustein des Werks sind vier Themen: ein einschüchterndes »Statutenthema«, das von den Posaunen gespielt wird, ein »Blumenthema« von der Klarinette, ein »Thema der Liebe«, das durch Streicher und das Ondes Martenot vorgetragen wird und eine von Messiaen vorgesehene Akkordfolge, die »Klangkulisse«.
Als ein Liebesspiel mutet die Sinfonie dann am Anfang nicht an, denn bevor es um Liebe und Blumen geht, erschüttert die Posaunen-Stimmgruppe den großen Saal mit ihrem gewaltigen Thema, gekrönt mit klirrenden Arpeggios des Pianisten. Jean-Yves Thibaudet brilliert bereits hier und spielt die immens virtuose Klavierstimme mit einer furchteinflößenden Souveränität und Unaufgeregtheit – nie hämmernd, immer weich und sehr französisch.
Das Ondes Martenot, eines der ersten elektronischen Instrumente, kommt in den expressiv lauten Passagen meist als Klangeffekt vor. Die Möglichkeit stufenlose Glissandi zu spielen, wird von Messiaen während der Sinfonie oft genutzt. Besonders im zweiten und dritten Satz nutzt er das Instrument auch als Melodiestimme und sorgt besonders im Zusammenklang mit Klarinette und Streichern für wirklich gänsehauterregend schöne Stimmungen. Messiaen war ein Meister der Klangfarben, und Metzmacher, das Orchester und besonders die beiden Solisten repräsentieren diese wirklich wunderbar.
Das Versprechen des »Liebestanzes« löst Messiaen dann spätestens im fünften Satz endgültig ein. Wie ein ekstatisches Spiel lösen sich die verschiedenen Stimmgruppen ab; als Hörer versucht man die entstehenden Klangkombinationen auf der Bühne nachzuverfolgen, da wird das Klavier mit der Celesta gedoppelt und es entsteht ein wunderschön glitzernder Klang. Im weiteren Verlauf übernimmt eine Pauke das Doppeln der tiefen Klavierregister und sorgt damit für einen erschütternden Sub-Bass, den man einem klassischen Orchester davor so nicht zugetraut hat. Und spätestens ab jetzt fängt auch das Publikum an, die Pausen zwischen den Sätzen mit zunehmend impulsiveren Applaus zu füllen.
Nach dem zärtlich fragilen Ende des sechsten Satzes hat Metzmacher noch nicht wirklich abgewunken, bevor der Applaus schon wieder losbricht. Insgesamt dirigiert er sehr kontrolliert, lässt ein moderates bis schnelles Tempo spielen, was dem Orchester guttut. Bei einer Spielzeit von 80 Minuten ohne längere Pause schafft Metzmacher es, die Kräfte bei dem Orchester gut einzuteilen.
So lässt er zum Ende des Stückes den erfahrenen Solisten immer mehr Raum und bemüht sich um intensiven Blickkontakt mit den Musikern. Besonders im letzten Satz spürt man, dass dem Orchester verständlicherweise so langsam die Kraft abhandenkommt. Metzmacher zügelt das Tempo und fordert vor dem Schlussakkord nacheinander noch einmal alles von seinen Stimmgruppen. Das Orchester liefert und wird mit einem wirklich außerordentlichen Schlussapplaus von fast zehn Minuten belohnt. Angst vor der Musik des 20. Jahrhunderts hat man danach nicht mehr – Hochachtung für sie und ihre Interpreten umso mehr.
Julian Bäder, 1. September 2017, für
klassik-begeistert.de