Geniale Oper mit "The Path of Genesis" in Hamburg-Harburg

„Path of Genesis“, Marias Ballroom, Hamburg-Harburg, 31. Januar 2020

Ulrich Poser berichtet über das Konzert der Band „The Path of Genesis“ in Hamburg-Harburg (Marias Ballroom) vom 31. Januar 2020

Foto: (c) Ulrich Poser

Das ist klassische Musik!
Darf man in einem Blog, der sich „klassik-begeistert“ nennt über das Konzert einer Rockband berichten? Man darf nicht nur, man muss!
Der Rezensent liebt die Oper, insbesondere diejenigen Werke des Bayreuther Meisters. Danach kommt (zeitlich) der ebenfalls höchst geschätzte Richard Strauss. Aber dann wird es eng. Sicherlich sind die Opern von späteren Komponisten wie z.B. Henze oder Rihm interessant. Aber so richtig vom Hocker hauen diese dissonanten Schöpfungen allenfalls eine intellektuelle Minderheit. Zudem ist das Wort „interessant“ als Beschreibung eines Werkes eher eine Beleidigung.

Deshalb seien folgende zwei Thesen aufgestellt:
1. Die Gattung Oper in ihrer alten, wunderbaren, melodiereichen und große Teile der Musikliebhaber begeisternden Form als durchkomponierte Kombination von Orchestermusik mit Gesang ist zusammen mit Richard Strauss gestorben.
2. In den 1960er-Jahren ist eine neue Form der Oper entstanden: Der Progressivrock. Zahlreiche Bands wie King Crimson, Pink Floyd und Genesis schufen epochale ebenfalls durchkomponierte Konzeptalben, d.h. durch eine Handlung verbundene Miniopern mit derjenigen Musik, welche die „alte“ Oper bis Richard Strauss ausmachte, bei der insbesondere die Melodie und der Melodienreichtum im Vordergrund stehen. Auch vorgenannte Bands schufen Gesamtkunstwerke, die man durchaus als Opern bezeichnen kann.

Die Band Genesis hat mehrere solch genialer Opern geschrieben; das Werk „The Lamb lies down on Broadway“ muss jeder Wagner-Liebhaber kennen. Auch Stücke wie „The Musical Box“, „The Cinema Show“ oder „Supper’s ready“ sind geniale Miniopern, die die Tradition der „alten“ Oper mit anderen neuen Mitteln aufgreifen und fortsetzen.

Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund für Liebhaber der konventionellen Oper, sich vom Einsatz moderner Instrumente abschrecken zu lassen.

Es ist sehr erfrischend, einmal nicht in die Elphi oder ins Opernhaus zu gehen, sondern – wie in diesem Fall – in einen sehr sympathischen kleinen Club in Harburg: Marias Ballroom. Hier ist die Zeit stehen geblieben; man fühlt sich irgendwie in die Jugend zurück versetzt. Und die Leute dort sind nicht so blasiert und unfreundlich wie in den Hamburger Schickeria-Stadtteilen Eppendorf und Winterhude, sondern einfach nett.

Auf der Bühne spielte an diesem Abend eine Genesis-Coverband namens „The Path of Genesis“ mehrere Miniopern der großen Genesis (Hinweis für Neulinge: Mitglieder waren u.a. Peter Gabriel und Phil Collins). Insoweit sei rein vorsorglich angemerkt, dass die Orchester dieser Welt auch nur „Coverbands“ sind, da sie die Werke der Komponisten, wie eben auch „the Path of Genesis“, nachspielen.

Das Konzert in Marias Ballroom hat den Rezensenten (eingefleischter Genesis-Fan seit 1980) umgehauen bzw. geflasht, wie man auf „Neudeutsch“ sagt. Das Programm war mit Liebe zusammengestellt und bot ausschließlich Highlights aus den Perioden „Lamb lies down on Broadway“ und „Wind & Wuthering“.

Der Frontman und Chef der Band, Michael Maschuw, hauptberuflich Beamter, hat eine einzigartige Stimme, die sehr stark an die Stimme Peter Gabriels herankommt. Manchmal traut man seinen Ohren nicht. Er hat einen sehr großen Stimmumfang und meistert so die oft nicht leichten, weil sehr hohen, Gesangsparts spielend. Maschuw hat die Stücke derart verinnerlicht, dass er sie nicht nur singt, sondern auch lebt und so jedem Titel eine anrührende eigene akustische und optische Note gibt. Dieser Mann steht mit anderen großen Genesis-Cover-Sängern wie Nad Sylvan (Steve Hackett Band) auf einer Stufe: Großartig!

Mehr als überzeugend (wie der Rest der Band auch) war auch Armin Seibert an der Gitarre. Auch hier traute man stellenweise seinen Ohren nicht: Spielt hier Steve Hackett? Insbesondere die Akustik-Einlagen (Blood On The Rooftops) und die typischen Hackett-Gibson-Sustains verblüfften. Dazu sein 1:1-Querflötenspiel: Wow!

Der Keyboarder Dieter Siegmund (ehemals Mitglied in einer bekannten DDR-Bigband) meisterte seine schwierigen Tony-Banks-Vorlagen fehlerfrei und durchwegs mit den Orginalsounds. Besser kann man diese klassischen (!) Partituren nicht spielen.

Der Bassist Michael Jurkat (der aus der Ferne wie Nad Sylvan aussieht) lieferte mit Händen (Bassgitarre) und Füßen (Basspedal) souverän die tiefen Töne. Insbesondere das Basspedal gab seinem Vortrag und damit dem Konzert als solchem den für ein Rockkonzert notwenigen Druck.

Michael Hahn am Schlagzeug begann ökonomisch, um sich schon nach ein paar Minuten den „Chester-Tompson-Award“ zu verdienen. Ein Bilderbuch-Drummer für diese Songs: Auf den Punkt, akkurat, verspielt, dynamisch, sicher und mit dem erforderlichen Druck.

All diese hervorragenden Einzelleistungen verdichteten sich an diesem Abend zu einem unvergesslichen Konzerterlebnis. „I Know What I Like!“ … und gehe nächstes Mal mit Sicherheit wieder hin.

Ulrich Poser, 2. Februar 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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