Rouvali entfacht nordische Feuer in Frankfurter Nacht

Philharmonia Orchestra, Alena Baeva, Violine, Santtu-Matias Rouvali  Alte Oper Frankfurt, 25. Januar 2026

Fotos: © Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto

Dieser Abend war mehr als ein Konzert; er war eine humane Feier der Musik, die verbindet, heilt und zum Schmunzeln bringt. Baeva und Rouvali, unterstützt vom wunderbaren Philharmonia Orchestra, zeigten, dass Klassik lebendig ist – mit Herz, Humor und ein bisschen Magie. Frankfurt wird das so schnell nicht vergessen.

Jean Sibelius
En Saga op. 9

Sergej Prokofjew
Violinkonzert Nr. 2 g-Moll op. 63

Sergej Rachmaninow
Sinfonische Tänze op. 45

Philharmonia Orchestra

Alena Baeva, Violine (anstelle von Hilary Hahn)
Santtu-Matias Rouvali, musikalische Leitung

Konzert in der Alten Oper Frankfurt, 25. Januar 2026

von Dirk Schauß

In einer Welt, in der Konzerte manchmal wie Wettervorhersagen unvorhersehbar sind – mal sonnig, mal stürmisch –, hat das legendäre Philharmonia Orchestra unter Santtu-Matias Rouvali in der Alten Oper Frankfurt am 25. Januar 2026 ein wahres musikalisches Feuerwerk gezündet.
Ursprünglich sollte die Star-Geigerin Hilary Hahn die Solistin sein, doch aufgrund ihrer anhaltenden Genesung nach einem doppelt eingeklemmten Nerv – eine Verletzung, die selbst den robustesten Virtuosen zum Pausieren zwingt – musste sie absagen.

Stattdessen sprang Alena Baeva ein, und was für ein Glücksfall das war! Baeva, eine Geigerin mit einem Ton so warm wie ein russischer Tee an einem kalten Winterabend, passte gut in dieses Programm aus finnischen Sagen, prokofjewschen Melancholien und rachmaninowschen Tänzen.
Das Orchester blieb unverändert, und Rouvali, der finnische Maestro mit dem Charme eines Wikinger-Kapitäns, der sein Schiff durch arktische Gewässer lenkt, sorgte für einen Abend, der nicht nur die Ohren, sondern auch die Seelen der Zuhörer berührte. Ein Blick auf die Biografien dieser Künstler und die Werke, die sie zum Leben erweckten.

Zuerst zum Dirigenten: Santtu-Matias Rouvali, geboren am 5. November 1985 in Lahti, Finnland, stammt aus einer Familie, in der Musik so selbstverständlich war wie Sauna-Besuche. Seine Eltern spielten im Lahti Symphony Orchestra, und als Ältester von drei Söhnen – einer tragischerweise bei einem Autounfall ums Leben kam – lernte er früh, dass Leben und Kunst zerbrechlich sind. Rouvali begann als Schlagzeuger, studierte an der Sibelius-Akademie und wechselte dann nahtlos zum Dirigieren, als ob er sagen wollte: „Warum nur trommeln, wenn man das ganze Orchester zum Tanzen bringen kann?“ Seit 2017 war er Chief Conductor des Gothenburg Symphony Orchestra, ein Posten, den er bis 2025 innehatte und der ihn zu einem der aufstrebendsten finnischen Maestros machte.

Aktuell ist er Principal Conductor des Philharmonia Orchestra in London und Honorary Conductor des Tampere Philharmonic Orchestra. Rouvali hat mit Orchestern wie dem New York Philharmonic, der Chicago Symphony und vielen mehr gearbeitet, immer mit einem Stil, der Präzision mit Leidenschaft verbindet. Er ist bekannt für seine energiegeladene Präsenz am Pult – kein steifer Stockhalter, sondern ein Mann, der dirigiert, als würde er ein Hockey-Spiel leiten, mit Schwung und einem Hauch von Abenteuer. In Frankfurt zeigte er genau das: Eine Interpretation, die die Musik atmen ließ, als ob sie frische Luft aus den finnischen Wäldern schnupperte.

Die Solistin Alena Baeva, die spontan einsprang, ist eine Geigerin, deren Karriere so vielfältig ist wie ihre Herkunft. Geboren 1985 in Kirgisistan (damals Teil der Sowjetunion) mit slawisch-tatarischen Wurzeln, begann sie mit fünf Jahren Violine zu spielen bei Olga Danilova in Kasachstan. Ab 1995 studierte sie bei Professor Eduard Grach an der Zentralen Musikschule des Moskauer Tschaikowsky-Konservatoriums und später direkt am Konservatorium. Heute lebt sie in Luxemburg mit ihrem Mann, dem Pianisten Vadym Kholodenko, und ihren drei Kindern – eine moderne Musikerfamilie, die wahrscheinlich zu Hause mehr Noten als Spielzeug hat.

Baeva ist eine Meisterin seltener Werke von Komponisten wie Bacewicz oder Silvestrov, aber in Frankfurt bewies sie, dass sie auch im Standard-Repertoire glänzt, mit einem Ton, der mal zart wie Seide, mal feurig wie ein Wodka ist. Sie spielt auf einer „ex-William Kroll“ Guarneri del Gesù von 1738, einem Instrument, das wahrscheinlich mehr Geschichten erzählen könnte als ein altes Tagebuch.

Den Auftakt des Abends machte Jean Sibelius’ „En Saga“ op. 9, eine klangmalerische Tondichtung aus dem Jahr 1892, die ursprünglich als Ballettmusik gedacht war, aber letztlich als freie Fantasie über nordische Sagen und skandinavische Natur endete. Sibelius, der finnische Nationalkomponist, der oft mit Wäldern und Seen assoziiert wird, schuf hier ein Werk, das zwischen epischer Erzählung und impressionistischer Landschaftsmalerei wechselt – wie eine musikalische Version von „Der Herr der Ringe“, aber mit mehr Nebel und weniger Hobbits.

Foto: © Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto

Rouvali entfaltete die reichhaltigen Klangbilder mit merklich langsamen Tempi, was dem Stück einen meditativen Effekt gab, ohne es schläfrig wirken zu lassen. Das Philharmonia blieb schlank und transparent, als ob Rouvali die Musiker ermahnt hätte: „Lasst die Noten atmen, nicht ersticken!“ Die Interpretation lebte von ihrer tänzerischen Leichtigkeit, mit Streichern, die wie Wind durch Birken rauschten, und Bläsern, die ferne Sagenrufe simulierten. Es war, als würde man durch einen finnischen Wald spazieren – erfrischend, ein bisschen mysteriös und mit dem Risiko, dass ein Elch um die Ecke biegt. Humorvoll gesagt: Rouvalis Tempo war so bedächtig, dass man Zeit hatte, über das Leben nachzudenken, aber schnell genug, um nicht einzuschlafen.

Eine fabelhafte Gelegenheit für das traditionsreiche Philharmonia Orchestra, das in dieser Saison sein 80-jähriges Bestehen feiert. Obwohl viele Spitzenorchester der klanglichen Globalisierung zum Opfer gefallen sind und oftmals austauschbar klingen, wenn auch auf hohem Niveau, bleibt die sonore Wärme des Philharmonia ganz besonders. Sibelius beschäftigt in seinen Werken äußerst intensiv die Streicher, und hier konnten die gebannten Zuhörer staunen, wie brillant und dynamisch aufgefächert ein Orchester klingen kann. Superbe Holz- und Blechbläser, dazu Schlagzeuger als feine Farbgeber. Hinreißend!

Als Nächstes kam Sergej Prokofjews Violinkonzert Nr. 2 g-Moll op. 63, komponiert 1935 in Paris, kurz vor Prokofjews Rückkehr in die Sowjetunion. Dieses Werk ist ein Meisterstück der Balance: neo-klassizistisch in der Anlage, es mischt liedhafte Melancholie mit scharfen, brüsken Einwürfen, inspiriert von spanischen Einflüssen (die Kastagnetten im Finale!) und Prokofjews typischem Witz – ein Konzert, das mal weint, mal lacht, wie ein Clown mit Herzschmerz.

Die einsame, brodelnde Sololinie am Anfang evoziert eine geisterhafte Atmosphäre, und Alena Baeva traf genau diesen Ton, als ob die Geige flüstern würde: „Ich bin allein, aber ich klinge fantastisch!“ Schon die beginnende Solo-Intonation sorgte für sofortige Aufmerksamkeit. Sie gab dem liedhaften Hauptthema durch ihre Sensitivität ein prägnantes Profil, suchte immer wieder einen natürlichen Tonfall und arbeitete die kantablen Elemente im zweiten Satz mit großer Ruhe heraus.

Das erhabene Andante wurde zum emotionalen Höhepunkt: Hier verschmolzen Solistin und Orchester zu einer beeindruckenden Einheit, herzlich und tief empfunden. Baeva beherrschte den Amalgam aus Prokofjews Stil der 1930er – lyrisch im Kern, aber mit beißenden Einsätzen, die sie pointiert balancierte.

Im beschließenden Allegro dann die volle Virtuosität: Das wiederkehrende Thema rhythmisch robust, die klappernden Kastagnetten gaben ein besonderes, tänzerisches Kolorit, und Baeva zeigte ihre technischen Möglichkeiten in vollem Glanz. Doch bei aller Brillanz war es vor allem der intensiv tönende, warme Klang, den sie ihrem Instrument entlockte, kombiniert mit großer Natürlichkeit und echtem, empfundenem Ausdruck, der faszinierte – genau wie vor Jahren, nur noch reifer und selbstverständlicher.

Rouvalis scharfes Gehör machte die Aufführung besonders packend: Das Philharmonia malte Farben mit Feingefühl, der Impetus war stark, und die Stimmungswechsel flossen nahtlos. Es war, als würde man ein russisches Märchen hören, mit Baeva als heldenhafter Prinzessin und Rouvali als weiser Erzähler.  Große Begeisterung! Zum Dank gab es eines der bekanntesten Violinstücke von Grażyna Bacewicz, die „Polish Caprice“. Das Werk strotzt voller technischer Herausforderungen: viele Passagen mit Sechzehntelnoten, Spielen in hohen Lagen auf der G-Saite und intensive Doppel- und Dreifachgriffe. In wenigen Minuten nochmals die staunenswerte Virtuosität der Alena Baeva. Ovationen!

Den krönenden Abschluss bildeten Sergej Rachmaninows Sinfonische Tänze op. 45, sein letztes großes Werk aus 1940, eine dreisätzige Suite, die orchestrale Farben, dynamische Spannungen und autobiografische Elemente vereint – Rachmaninow, der russische Romantiker im Exil, verarbeitet hier Themen aus seinem Leben, inklusive der „Dies irae“-Melodie, die den Tod anklingt. Es ist Musik, die tanzt, aber mit einem Hauch von Melancholie, als ob man auf einem Ball wäre, wo Geister mitfeiern. Rouvali verwandelte die düstere, faszinierende Atmosphäre in ein intensives Erlebnis, geprägt von Disziplin und Finesse.

Foto: © Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto

Der erste Satz, ein verhaltener Tanz, begann mit rhythmischem Pulsschlag der Streicher, der Spannung aufbaute wie ein Thriller. Die Klarinetten schwebten wie Schatten, die Holzbläser zeigten sich keck und makaber, und das Alt-Saxophon sang ein lyrisches Solo – ein Moment so melancholisch, dass es wie eine verlorene Liebe klang. Das Orchester zeigte absolute Präzision in Dynamikwechseln, steigernd zu einem Höhepunkt, bevor es in Stille mündete. Rouvalis Genauigkeit war chirurgisch, als ob er operierte, ohne dass das Orchester blutete.

Der zweite Satz, eine groteske Walzer-Variation, setzte die gespenstische Stimmung fort, mit Schwung und Schattenseiten. Die Violinen zeigten sich klanglich biegsam, Bratschen und Celli legten einen spukhaften Teppich, das Flötensolo hauchte Unschuld, nur um von Blechbläsern unterbrochen zu werden – ein Wechselspiel von zart und hart, das beunruhigte. Rouvali ließ das Philharmonia wie geisterhafte Tänzer wirken, schwindelerregend.

Im Finale triumphierte das Werk: Das „Dies irae“-Motiv klang sakral, Blechbläser gaben Gravität, das gewaltige Schlagzeug (große und kleine Trommel, Becken, Tam-Tam, Glocken, Tamburin) addierte Apokalypse. Rouvali steigerte zu einem furiosen Ende, das den Saal erschütterte – ein Sieg über den Tod, hymnisch und brillant. Höchste Orchesterkunst, fulminant dargeboten.

Zum Schluss dann nochmals Jean Sibelius mit seinem Evergreen „Valse triste“. Rouvali wagte hier eine extrem freie Darbietung. Die Anfangstakte traten auf der Stelle, setzten sich kaum in Bewegung, ein Totentanz, ersterbend, doch dann ein kleiner Lichtpunkt, der immer größer wurde. Die Musik zog an und geriet in ekstatischen Taumel, ehe nachtschwarze Tremoli der Streicher den Todesschleier über die Musik zogen. Ein letztes Aushauchen, dann Stille. Was für ein Geschenk!

Dieser Abend war mehr als ein Konzert; er war eine humane Feier der Musik, die verbindet, heilt und zum Schmunzeln bringt. Baeva und Rouvali, unterstützt vom wunderbaren Philharmonia Orchestra, zeigten, dass Klassik lebendig ist – mit Herz, Humor und ein bisschen Magie. Frankfurt wird das so schnell nicht vergessen.

Dirk Schauß, 26. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Alena Baeva, Nicholas Collon und das Aurora Orchestra Bremer Konzerthaus Die Glocke, 30. August 2025

Aurora Orchestra, Alena Baeva und Nicholas Collon Bonn, Opernhaus, 29. August 2025

Düsseldorfer Symphoniker Kahchun Wong, Dirigent, Alena Baeva, Violine Tonhalle Düsseldorf, 11. Oktober 2024

Philharmonia Orchestra London, Santtu-Matias Rouvali, Christian Tetzlaff, Violine Wolkenturm, Grafenegg, 20. August 2023

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