© Schürer/Staatstheater Mainz
Fritz Kreisler
Drei Alt-Wiener Tanzweisen (orchestriert von Clark McAllister)
Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 2 c-moll „Auferstehungssinfonie“
Nadja Stefanoff, Sopran
Verena Tönjes, Mezzosopran
LandesJugendOrchester Rheinland-Pfalz
LandesJugendChor Rheinland-Pfalz
Chor des Staatstheater Mainz
Philharmonisches Orchester Mainz
Gabriel Venzago, musikalische Leitung
Sinfoniekonzert Staatstheater Mainz, 11. April 2026
von Dirk Schauß
Das Wienerische ist eine höchst diffizile Angelegenheit – eine unwiederholbare Mischung aus Melancholie, Schmäh und morbider Eleganz, die man nicht lernen, sondern nur im Blut haben kann. Fritz Kreisler besaß dieses Gen im Übermaß.
Gabriel Venzago nutzte dessen „Alt-Wiener Tanzweisen“ als charmanten Türöffner zum Konzert des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz und des Landesjugendorchesters Rheinland-Pfalz. In seiner Moderation verwies der Dirigent auf die tiefe Verbindung: Gustav Mahler, langjähriger Direktor der Wiener Hofoper, hatte jene Atmosphäre geschaffen, in der auch Kreisler gedieh.
In der Orchestrierung von Clark McAllister entfalteten Liebesfreud, Liebesleid und Schön Rosmarin einen unwiderstehlichen Glanz. Das Philharmonische Staatsorchester hielt sich vornehm zurück und überließ den jungen Talenten den Vortritt. Es war eine Freude zu sehen, wie jugendliche Spielfreude mit professioneller Routine zu einer lebendigen Einheit verschmolz.

Venzago zelebrierte die Freiheit des Rubato mit einer Hingabe, die jeden Takt atmen ließ. Nach einer enthusiastischen Ansprache des Dirigenten schob das junge Ensemble noch eine lateinamerikanische Zugabe ein – der erst 16jährige Geiger Noah Sahinkuye aus dem Landesjugendorchester übernahm das Dirigat und feuerte seine Kollegen vom Pult aus an. Ein kühner Klang-Kontrast zur folgenden metaphysischen Schwere, der das Publikum jedoch in pure Euphorie versetzte.
Nach der Pause änderte sich die Szenerie grundlegend. Mahlers zweite Sinfonie ist kein Werk für flüchtige Zuhörer. Hier geht es um Leben, Sterben und das, was danach kommen mag. Venzago, ein Dirigent, der sichtlich aus dem Moment heraus agiert und seinen Impulsen freien Lauf lässt, nahm sich alle Zeit der Welt.

Schon das grimmige Allegro maestoso des ersten Satzes packte die Zuhörer bei der Kehle. Tremolierende Streicher und das wuchtige Grollen der tiefen Kontrabässe bauten eine Spannung auf, die sich in schroffen Kontrasten entlud. Man spürte die enorme Last, die das Orchester stemmte. Mit über zweihundert Mitwirkenden auf der Bühne erzeugte die schiere Klangmasse einen physischen Schalldruck, der den Saal erzittern ließ.
Der zweite Satz, das Andante moderato, kam unter Venzagos Leitung sehr gemächlich daher – kein harmloser Ländler, sondern ein Tanz am Rande des Abgrunds, bei dem hinter jeder idyllischen Wendung Unbehagen lauerte.
Im dritten Satz blitzte dann Mahlers meisterhafter Sarkasmus auf: eine Welt der Verzerrung, in der die Holzbläser die Ironie des Daseins mit beißender Präzision hörbar machten.
Dann wurde es still für das „Urlicht“. Verena Tönjes sang mit kultivierter Stimme und guter Textverständlichkeit. Dennoch blieb ein Hauch von Distanz spürbar. Während die Musik von der größten Not des Menschen kündete, wirkte die Interpretation eher wie ästhetische Wohllaut-Pflege. Es war behaglicher Gesang – doch das letzte Quäntchen existenzieller Erschütterung, das dieses Wunderhorn-Lied auslösen kann, wollte sich nicht einstellen. Die Trauer blieb eher eine Information als ein durchlittenes Schicksal.

Doch es war nur die Ruhe vor dem Sturm. Der Finalsatz brach wie ein Urknall herein. Venzago wählte Tempi, die das Orchester an die Grenzen des Machbaren führten. An manchen Stellen drohte der musikalische Fluss kurz zu stocken, weil die extreme Dehnung die Spannung vorübergehend abriss. Als jedoch der Chor einsetzte, war alles vergessen. Der Landesjugendchor Rheinland-Pfalz und der Chor des Staatstheaters Mainz überzeugten mit beeindruckender stimmlicher Wucht und dynamischer Differenzierung.
Besonders hervorzuheben ist Nadja Stefanoff. Ihr Sopran schwebte wie ein Lichtstrahl über den gewaltigen Klangmassen. In den Momenten, in denen sich ihre Stimme mit dem Chor vereinte, entstand jene echte Gänsehaut-Atmosphäre, für die man ins Konzert geht.
Sicher gab es im Verlauf der neunzig Minuten einzelne Intonationsunsicherheiten bei den Blechbläsern oder in den hohen Streicherlagen – ein verständlicher Tribut an die physische Belastung, die Mahlers Zweite einem Orchester abverlangt. Doch wer wollte hier kleinlich mit dem Rotstift kommen? Das Engagement, der unbedingte Wille und die spürbare Hingabe aller Beteiligten machten diese kleinen Unebenheiten mehr als wett.

Als sich am Ende alle Kräfte zum gewaltigen Chorfinale bündelten, war das Wunder der Auferstehung im Mainzer Staatstheater keine bloße Behauptung mehr, sondern eine fühlbare, erschütternde Realität. Der Jubel des Publikums war grenzenlos und hielt minutenlang an. Man hatte das Gefühl, Zeuge eines besonderen Kraftaktes geworden zu sein: Hier hatten die Begeisterung der Jugend und die Erfahrung der Profis ein gemeinsames, bewegendes Ganzes geschaffen.
Mainz hat an diesem Abend bewiesen, dass es Mahlers gewaltige Visionen nicht nur stemmen, sondern mit Herzblut zum Glühen bringen kann.
Dirk Schauß, 12. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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