Marie Jacquot – eine junge Dirigentin stürmt die Gipfel der deutschen Orchesterlandschaft

Portrait: Marie Jacquot,  Dirigentin  klassik-begeistert.de, 17. März 2026

Marie Jacquot © Julia Wesely

von Dr. Lorenz Kerscher

Der verzauberte See von Anatoli Ljadow ist eine durch zarte und fein nuancierte Klangfarben bestechende Tondichtung, die ich immer wieder gerne höre. So sah ich mir auch das kürzlich erschienene Video an, in dem eine jugendlich wirkende Dirigentin am Pult des WDR-Sinfonieorchesters stand und mit freundlicher Ausstrahlung und präziser Gestik diese filigrane Miniatur sehr schön zum Erklingen brachte.
Da im Begleittext zu lesen war, dass sie ab der Saison 2026/2027 dieses Orchester leiten und damit eine durchaus bedeutende Stellung im deutschen Musikleben einnehmen wird, fand ich es interessant, mehr über sie in Erfahrung zu bringen.

Die 1990 in Paris geborene Marie Jacquot wurdezunächst als Tennistalent gefördert und spielte daneben Posaune. Mit 15 Jahren jedoch entschied sie sich für die M usik und begann ein Posaunenstudium in Paris. Diesem folgte ein Dirigierstudium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und anschließend ein weiterführendes Studium an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar. Von 2016 bis 2019 war sie Kapellmeisterin am Mainfranken Theater Würzburg und anschließend bis 2022 an der Deutschen Oper am Rhein, wo sie mit einem vielfältigen Repertoire wirken konnte. Seit der Spielzeit 2024/25 ist sie Chefdirigentin der Königlich Dänischen Oper Kopenhagen.

Ein persönliches Bild gewinnt man in einem Ende 2025 gegebenen Interview, wo sie ihre guten Deutschkenntnisse nutzt, um Schwerpunkte und Methodik ihrer Arbeit darzustellen. In gründlichem Partiturstudium entwickelt sie ein genaues Gesamtkonzept für die Gestaltung des Werks, hört dann auch Referenzaufnahmen und ist schließlich bei der Probenarbeit durchaus offen für Alternativen, die die Orchestermusiker aus ihrer Erfahrung heraus anbieten. Mit anderen zusammenzuwirken ist ihr ein persönliches Anliegen, weshalb sie auch schon als Jugendliche den Einzelkampf im Tennissport aufgegeben hatte. Stattdessen begeisterte sie sich für Filmmusik und träumte davon, als Posaunistin an deren Aufführung mitzuwirken. Das, so erklärt sie, sei der Ursprung ihrer Neigung zur Oper, die sie neben ihrer Tätigkeit als Konzertdirigentin kontinuierlich pflegt.

Marie Jacquot © Werner Kmetitsch

Weder um ihre Identität als Frau, noch um ihre Nationalität macht sie sich große Gedanken und ist auch nicht auf französisches Repertoire fixiert. Dieses zu pflegen steht für sie in keinerlei Widerspruch zu ihrer besonderen Vorliebe für die deutsche Romantik. Einen besonderen Bezug zu Bruckners Symphonien und deren Spiritualität erklärt sie mit der Faszination, die in Chartres, wo sie aufwuchs, die Kathedrale auf sie ausübte, und auch mit seiner für sie als Posaunistin besonders ansprechenden Klangarchitektur. Brahms, Wagner, Mahler und Strauss sind weitere Namen, die sie als bedeutend für ihr Wirken nennt. Und dabei kommt ihr wiederum zu Gute, dass sie als Französin nicht der Versuchung erliegt, die Klangfarben zu dick und zu schwer aufzutragen.

Dass sie ein breites symphonisches Repertoire beherrscht, weist eine schöne Auswahl technisch wie künstlerisch hochwertiger Aufnahmen nach, die man in YouTube finden kann. 2018 wurde sie von Rolando Villazón in seiner Serie Stars von morgen vorgestellt und seit etwa vier Jahren sind Auftritte mit etlichen bedeutenden Orchestern dokumentiert.

Darunter sind die Wiener Symphoniker, bei denen sie seit 2023 als 1. Gastdirigentin firmiert, dann vor allem die Symphonieorchester des Hessischen und Westdeutschen Rundfunks, dazu das Deutsche Symphonieorchester Berlin, das Orchestre National de France, das Baskische Nationalorchester und andere mehr.

Ebenso hat sie schon bedeutende Opernhäuser erobert, darunter die Deutsche Oper am Rhein und die Berliner Staatsoper Unter den Linden. An der Oper Frankfurt hatte sie im Februar 2025 bei der vielbeachteten Neuentdeckung von Albéric Magnards Oper Guercœur die Leitung inne und in Kürze, am 21. April 2026, kann man sie auf der ganzen Welt im Kino erleben, wenn aus dem Royal Opera House London die von ihr geleitete Zauberflöte übertragen wird.

Bei aller Liebe zur deutschen Romantik hat sie selbstverständlich den französischen Impressionismus in den Genen und die farbenreichen Klanggewebe von Debussys La Mèr oder Ravels Ma mère l’oye liegen bei ihr genau in den richtigen Händen. Ebenso gilt das für Werke von Igor Strawinsky, dessen Entwicklung bekanntlich von eben dieser Stilrichtung ausging.

Als eines ihrer wesentlichen Anliegen nennt Marie Jacquot die Aufführung zeitgenössischer Musik sowie von Werken, die zu ihrer Entstehungszeit durch ungünstige Umstände wenig Beachtung fanden.

Davon zeugen hier verlinkte Aufnahmen etwa der packenden Gaelic Symphonie von Amy Beach, des Poème de l’amour et de la mer von Ernest Chausson und der 2. Sinfonie des jüdischen Komponisten Kurt Weill, die nach Hitlers Machtergreifung in seiner deutschen Heimat kein Gehör finden konnte. Die sonst gerne Musizierfreude verbreitende Dirigentin beleuchtet hier den tragischen Charakter des Werks, indem sie die vorantreibenden Abschnitte des 1. Satzes kraftvoll, transparent und mit hoher Präzision gestaltet und mit verhaltenen Solopassagen einzelner Instrumente in wirkungsvollen Kontrast treten lässt.

Marie Jacquot © Werner Kmetitsch

Im langsamen Satz lässt sie das trauermarschartige Voranschreiten als dezenten Hintergrund bewegender Entwicklungen von gesanglichem Charakter wirken und treibt dann im Finale das Wechselspiel des Hauptthemas mit Charakter eines Perpetuum mobile und der dazwischengestreuten Marschrhythmen zu einem zündenden Abschluss.

50.000 Aufrufe und zahlreiche begeisterte Kommentare verzeichnete dieses Video innerhalb von drei Jahren und ich möchte sagen, dass Marie Jacquot damit eine wahrhaftige Referenzaufnahme des bislang vernachlässigten Werks vorgelegt hat. Als Chefin des WDR-Symphonieorchesters wird sie gewiss weitere Maßstäbe setzen und es ist absehbar, dass es künftig auch zahlreiche Einladungen für Gastdirigate mit anderen Spitzenorchestern geben wird. Ich bin sicher, dass man in den nächsten Jahren viel von ihr hören wird!

Dr. Lorenz Kerscher, 17. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Weiterführende Information:

Offizielle Webseite von Marie Jacquot

Marie Jacquot in Wikipedia

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Marie Jacquot Dirigentin Bremer Konzerthaus Die Glocke, 14. März 2025

Interview: klassik-begeistert im Gespräch mit Marie Jacquot – Teil 2 klassik-begeistert.de, 25. Januar 2025

Interview: klassik-begeistert im Gespräch mit Marie Jacquot – Teil 1 klassik-begeistert.de, 23. Januar 2025

Wiener Symphoniker, Marie Jacquot Wiener Konzerthaus, 31. Dezember 2024

Ein Gedanke zu „Portrait: Marie Jacquot, Dirigentin
klassik-begeistert.de, 17. März 2026“

  1. Ich bin auch schon sehr gespannt auf die neue Chefdirigentin hier in Köln. Mit Maçelaru bin ich ja nie wirklich warm geworden, deshalb bin ich umso mehr gespannt, was Marie Jacquot hier leisten wird. Ob das WDR Sinfonieorchester unter ihr wieder Aufwind erleben wird? Ich werde es die nächsten Monate und Jahre beobachten und berichten.
    Drücken wir ihr die Daumen. Mit dem Gürzenich-Orchester Köln ist die Konkurrenz ja schon einen Schritt voraus. Da gilt es, aufzuholen…

    Daniel Janz

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