Borodins Fürst Igor am Gärnterplatztheater: flashed!

PREMIERE Fürst Igor Musik und Text von Alexander Borodin   Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 14. Februar 2026

Tobias Kartmann (Alexander Glasunow), Matija Meić (Fürst Igor), Vladimir Pavic (Nikolai Rimski-Korsakow), Dieter Fernengel (Alexander Borodin), Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz © Markus Tordik

Wahnsinnschor! Emotional tiefschürfende Stimmen! Anrührender Tanz! Souveräner Orchesterklang! Funktionierendes Regiekonzept und Bühnenbild. Es wird szenengejubelt und am Ende gibt es Standing Ovation. Diese Produktion rockt mich und das ganze Publikum.

Fürst Igor

Musik und Text von Alexander Borodin (1833-1887)
vollendet und orchestriert von Alexander Glasunow und Nikolai Rimski-Korsakow (1890)

Musikalische Leitung: Rubén Dubrovsky

Regie: Roland Schwab
Choreografie: Karl Alfred Schreiner

Besetzung:

Fürst Igor Matija Meić
Jaroslawna Oksana Sekerina
Wladimir Arthur Espiritu
Fürst Galitzky Timos Sirlantzis
Khan Kontschak Levente Páll
Kontschakowna Monika Jägerová
Owlur Juan Carlos Falcón
Skula Juho Stén
Eroschka Gyula Rab
Ein polowetzer Mädchen Tamara Obermayr
Alexander Borodin Dieter Fernengel
Nikolai Rimski-Korsakow Vladimir Pavic
Alexander Glasunow Tobias Kartmann

Ballett, Chor, Extrachor, Statisterie und Kinderstatisterie des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

 Staatstheater am Gärtnerplatz, München, 14. Februar 2026, Premiere

von Frank Heublein

An diesem Abend hat im Münchner Gärtnerplatztheater Borodins Fürst Igor Premiere. Der Chemiker und Hobby-Komponist Alexander Borodin verarbeitete das Igorlied, ein Heldenepos der mittelalterlich-russischen Literatur. Er hinterließ ein Fragment, dass sein Freund Nikolai Rimski-Korsakow und dessen Schüler Alexander Glasunow postum fertigstellten.

Die Verquickung des Entstehungsprozesses der Oper und der Handlung in der Oper ist die Idee des Regisseurs Roland Schwab. Die drei Komponisten sind in den meisten Szenen als stille aber aktive Rollen auf der Bühne. Betrachten, wie das aktuelle Kompositionsdetail funktioniert. Ich nicke zustimmend im Takt mit den stillen Komponisten-Betrachtern auf der Bühne. Passt! Auch deshalb, da das Stück diesen Handlungsrahmen gebrauchen kann, denn die einzelnen Szenen sind Nummernhaft und handlungstechnisch nicht stark miteinander verbunden. Was meiner Ansicht nach am Werk und nicht etwa daran liegt, dass die Regie die Reihenfolge der Akte eins und zwei tauscht und auf den dritten wie die meisten Inszenierungen vollständig verzichtet.

Gyula Rab (Eroschka), Timos Sirlantzis (Fürst Galitzky), Juho Stén (Skula), Chor und Statisterie (in den Seilen) des Staatstheaters am Gärtnerplatz © Markus Tordik

Eine gute Idee also, finde ich. Und die Umsetzung? Praktisch alle operativ verfügbaren Bestandteile des Gärtnerplatztheaters sind auf der Bühne und alle bieten eine tolle Performance! Für mich am beeindruckendsten ist der Chor, der nicht nur beim Klassik-Smash-Hit, den berühmten »Polowetzer Tänzen« einen raushaut, sondern durchweg Aktivität, Präsenz, Wucht und zugleich achtsame Sensibilität beweist. Von Anfang an, denn gleich nach der Ouvertüre legt er fulminant los. Bockstark! Bei den Tänzen wird die Wirkung durch Einsatz des Balletts verstärkt. Die Tänzerinnen und Tänzer ertanzen eine wunderbare szenische Einheit mit Chor und den solistischen Darstellern.

Monika Jägerová (Mitte), Arthur Espiritu (rechts) © Markus Tordik (2 Fotos kombiniert durch Frank Heublein)

Das für mich ergreifendste Duett ist das im ersten Teil von Wladimir, gesungen von Tenor Arthur Espiritu, und Alt Monika Jägerová, die die Kontschakowna singt. Da funkts! Die Harfe harft das Ganze noch ein bisschen Richtung Himmel. Espiritu klar und entschlossen in der Höhe. Jägerová mit warmem schmeichelndem Schmelz. Wow. Schade, dass die beiden zusammen nur einmal ran dürfen. Jägerová darf am Ende Borodins Lied „Für die Ufer deiner fernen Heimat“ singen vom Klavier begleitet. Ein stiller trauernder Kontrapunkt zu den vielen wuchtigen Szenen der Oper.

In meinem Publikumsumfeld kann die Pianistin Ekaterina Tarnopolskaja beim Schlussapplaus nicht zugeordnet werden. Auch hier funktioniert das Spiel des Spielens! Sie spielt zart zurückhaltend elegisch und eben nicht die stumme jetzt Borodins-Geist-Rolle am malträtierten Flügel auf der Bühne. Beispiel: Fürst Galitzky benutzt die Tasten als Treppe – das erhöht meinen Puls, auch wenn ich weiß, dass dieser Flügel kein Musikinstrument (mehr) ist.

In der Mitte Timos Sirlantzis als Fürst Galitzky © Markus Tordik

Apropos Bassbariton Timos Sirlantzis alias Fürst Galitzky. Er spielt den prassenden missbrauchenden Fiesling stark. Diabolisch mit viel Kraft und Elastizität in der Stimme. Ihm stellt sich Jaroslawna, Fürst Igors Frau, gesungen und gespielt von Sopranistin Oksana Sekerina stimmlich kraftvoll entgegen. In der Szene, die der Auseinandersetzung mit Galitzky vorhergeht, leidet sie unter der Abwesenheit ihres Mannes. Hier verschmelzen Stimme, Text, Emotion mit der Orchesterbegleitung. Sie kann emotionale Zerrüttung spielen wie singen! Sie hat zwei Duette mit Fürst Igor interpretiert durch Bariton Matija Meić. Ziemlich zu Anfang und ziemlich am Ende der Oper. Die beiden harmonieren hervorragend und lösen stimmlich in mir große Emotion aus.

Matija Meić (Fürst Igor), Oksana Sekerina (Jaroslawna) © Markus Tordik

Matija Meić als Igor hat jedoch sein für mich eindrucksvollstes Duett mit seinem Besieger-Gefangennehmer Khan Kontschak, gesungen von Bass Levente Páll. Ersterer dramatisch, verbittert-auf-Zähne-beißender-Respekt-zollend. Letzterer energiegeladen, wuchtig obenauf.

Matija Meić (Fürst Igor), Vladimir Pavic (Nikolai Rimski-Korsakow), Levente Páll (Khan Kontschak), Tobias Kartmann (Alexander Glasunow), Dieter Fernengel (Alexander Borodin) © Markus Tordik

Dirigent Rubén Dubrovsky setzt das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz unter ständigen konzentrierten Zug. Ohne Eile. Jedoch mit nach vorne drängender Energie. Ohne zu „überpacen“ oder über die Stimmen zu gehen. Ergebnis: souverän und Grundlage vom Feinsten für alles, was auf der Bühne passiert.

Wahnsinnschor! Emotional tiefschürfende Stimmen! Anrührender Tanz! Souveräner Orchesterklang! Funktionierendes Regiekonzept und Bühnenbild. Es wird szenengejubelt und am Ende gibt es Standing Ovation. Diese Produktion rockt mich und das ganze Publikum.

Frank Heublein, 15. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ensemble Phoenix Munich, Joel Frederiksen, Bass Bayerisches Nationalmuseum, München, 5. Februar 2026

Piano: Masako Ohta Schwere Reiter, München, 24. Januar 2026

A Tribute to Benjamin Britten  Prinzregententheater, München, 18. Januar 2026

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