Rossini, Pizza und Tante Ju auf dem Rathausmarkt der Freien und Hansestadt Hamburg

Foto: Christian Charisius (c)
Hamburger Rathausmarkt, 
25. August 2018
Rathausmarkt Open Air
Nikolai Luganski
, Klavier
Elbenita Kajtazi, 
Sopran
Oleksiy Palchykov,
Tenor
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Kent Nagano,
Dirigent

Ein Gastbeitrag von Teresa Grodzinska

Liebe Hamburger,

Ihr seid einmalig. Diese Erkenntnis überkam mich während des  Open-Air-Konzerts des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg unter Kent Nagano am 25. August auf dem Rathausmarkt. Der „Saal“ unter freiem – ausnahmsweise kurzfristig regenfrei gewordenen – Himmel war mit 2400 Stühlen schon voll. Dazu kamen grob gerechnet 2400 Hamburger Jungs und  Deerns  jeglichen Alters, die Kopf an Kopf, Leib an Leib, regenfest verpackt rund um die bestuhlte Mitte bei ziemlich penetranter Kälte und nicht weniger penetrantem Wind, von der Binnenalster kommend, zwei Stunden ausharrten.

Das Durchhaltevermögen der Hanseaten ist imposant. Gesessen wurde überall: auf dem Boden, auf den großen Wasserbehältern und auf den ehrenwerten Stufen des Regierungssitzes. Man stand auch überall, wo zwei Füße oder notfalls ein Fuß passten. Die Laternen links und rechts der Bühne dienten als Stützpfeiler für manchen müden Rücken. Keiner kletterte höher, weil unsere Hamburger Sicherheitsjungs mit Migrationshintergrund jegliche Kletterversuche sofort höflich aber bestimmt in bestem Deutsch effektiv zu unterbinden wussten. Wenn sich noch einmal einer bei mir über Nicht-Integration im öffentlichen Raum beklagt… Hamburger und Nicht-Hamburger, Ihr seid einsame Klasse gewesen.

Alle hielten sich an die dezente Bitte des Generalmusikdirektors Nagano: „Lasst uns den Rathausmarkt in einen Konzertsaal verwandeln.“

Über der Bühne spannte eine  Bordüre mit der Aufschrift  „Hamburger Orchester“, die Buchstaben schön klassisch, wie in Stein gemeißelt, es war aber Segeltuch. Der hanseatisch blaue Hintergrund der Bühne wurde mit hellen Luftballon-Mustern versehen. Warum, haben wir erfahren, als rechts von der Bühne unsere allerheilige Videowand anging. Dort sah die Bühne viel bunter, effektvoller aus; die Luftballons schienen sich aufzublasen und im Rhythmus der Musik zu hüpfen. Die Stehpulte mit den Noten leuchteten. Der Maestro sah älter, aber imposanter, vor allem größer und robuster aus als auf der echten Bühne.

Ich hatte selten die Möglichkeit, dieses Sein und diesen Schein zu hören, zu genießen und zu vergleichen. Und das sind Schlüsse, die ich zog:
 Das echte Orchester biedert sich nicht an, es spielt. Der Nagano macht seine Arbeit, er dreht sich nicht um, um uns sein Maestro-Profil zu präsentieren. Die schönen Musikerinnen sind kaum zu sehen, weil die Masse es macht. Und last not least, jeder Anwesende kann sich die Bilder aussuchen, die er mit jedem Musikstück verknüpft. Die eigene Seele, der Geist und der Verstand, was auch immer, führen die Regie. Das macht einen Riesenunterschied zu so genannten  „Live-Übertragungen”. Raten Sie mal, zu wessen Gunsten…

Und erst der Klang! Der von der Bühne kommt, ist viel weicher, harmonischer, lebendiger. Wiegt über unsere Köpfe und entschwindet in Richtung Alster. Die Lautsprecher geben einen abgehackten, um Höhen und Tiefen abgeflachten Ersatzton wieder. Es ist bekannt, dass die Generation Walkman- und MP3-Player-„Usern“ es nicht unterscheiden kann. Es ist ein Jammer sowie der Untergang der westlichen Zivilisation, aber die Verflachung der Demokratie beschert mehr Leuten die demokratischen Werte. Die Verflachung der Tonwidergabe beschert immer mehr Menschen eine Ahnung von Live-Musik.

Die Solisten traten heldenhaft auf: Rachmaninows „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“ mit Nicolai Luganski am Klavier war bravourös vorgetragen, klang aber stumpf. Es ist keine Kritik: auch Steinway-Flügel kriegen manchmal Schnupfen an der frischen Luft. Der kosovarischen Sopranistin Ebenita Kajtazi machte das Wetter gar nichts: Ihr „I feel pretty“, Gassenhauer aus der „West-Side-Story“, klang wie am Broadway. Ihr Duett-Kollege bei „Tonight“, der ukrainische Tenor Oleksiy Palchykov, kämpfte tapfer aber erfolglos womit auch immer. Seine Stimme trug kaum. Mancher Flötist trug einen Schal um den Hals… solche Schals sieht man nur mit den Augen der Kamera. Danke, liebes Regie-Team. An Dich geschmiegt genoss ich das Konzert sehr. Trotz Kälte und mancher Auseinandersetzung am Rande („Bitte räumen Sie augenblicklich diese Stelle, Sie versperren meiner Gattin die Sicht!“), trotz Sirenen der Feuerwehr beim Pianissimo, trotz einer verirrten Tante Ju, die ihre Runden ausgerechnet während des Duetts drehen musste: Alles gut. Die unvermeidlichen Glockenspiele von St. Petri und vom Rathausturm alle Viertelstunde gaben den so oft bemühten „Lokalkolorit“.

In der 20-minutigen Pause wurden die Stühle argwöhnisch bewacht, an manchen Ecken wurde zur Aufwärmung gehüpft und gar gesprungen; diese kindlich verspielte Stimmung übertrug sich nahtlos auf den zweiten Teil, in dem die Ungarischen Tänze von Franz Liszt richtig heiße Stimmung herzauberten. Da tanzte ich auch ein bisschen. Der Bernstein kam und siegte. Er wurde an diesem Tag 100 Jahre alt. Er hat uns zwar früher verlassen, aber Unsterblichkeit ist ihm sicher.

Dann kam Ravel mit seinem „Bolero“, und es hat alles so wie immer ineinander gegriffen: die Erwartungshaltung des kundigen Publikums, die präzise Steigerung der Tonstärke, der immer mehr anschwellende Orchesterklang (bei den immer gleichen 16 Takten) bis zum grandiosen Fortissimo. Es bestätigte sich die Binsenwahrheit: Die mir bekannten Melodien höre ich am liebsten.

Noch zwei Sätze zur Essstörung während des Konzerts: der Duft einer Pizza passte wunderbar zu Rossinis „Ouvertüre zu Wilhelm Tell“ (genial dieser Pferdegalopp, da ging ein Ruck durch die Menge). Ansonsten der Bierkonsum – durchschnittlich, ohne wesentliche Ausfälle, jedenfalls dort, wo Ihre Berichterstatterin eingekeilt war. Vor allem: wo eine Kathedrale ist, ist um sie herum auch ein Jahrmarkt…

Teresa Grodzinska, 27. August 2018, für
klassik-begeistert.de

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