„Die Frau ohne Schatten“ – ein Strauss-Abend der Superlative in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin

Richard Strauss, Die Frau ohne Schatten, Simon O‘Neill, Camilla Nylund, Michaela Schuster, Boaz Daniel, Michael Volle, Elena Pankratova, Simone Young  Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 5. Oktober 2018

Mit Produktionen wie dieser ist das Haus Unter den Linden in der Lage, in der Champions-League der renommiertesten Opernhäuser mitzuspielen. Ein Abend ohne jeden Schatten, der in diesem Jahr leider nur noch einmal in Berlin zu erleben sein wird: am 14. Oktober 2018. Ein Pflichttermin für jeden Opern-Freund!

Foto: Hans Jörg Michel (c)
Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 5. Oktober 2018
Richard Strauss, Die Frau ohne Schatten

von Ingo Luther

Ein goldener Herbsttag in Berlin, ein grandioser Abend in der Staatsoper Unter den Linden. Vor zwei Tagen noch Schauplatz für den Festakt zum Tag der Deutschen Einheit, nun die Bühne für eines der monumentalsten Werke in der Musikgeschichte.

Fünf schwierige Hauptpartien (Kaiser, Kaiserin, Färber, Färbersfrau, Amme) und ein Orchester von 120 Musikern machen Die Frau ohne Schatten sogar für große Opernhäuser zu einer kolossalen Herausforderung. Die Staatsoper Unter den Linden stellt sich dieser Aufgabe in einer Koproduktion mit dem Teatro alla Scala di Milano und dem Royal Opera House Covent Garden London und bewältigt diese mit Bravour!

Strauss‘ ebenso phantastisches wie verstörendes Gemeinschaftswerk mit seinem Lieblingsdichter Hugo von Hofmannsthal erzählt eine märchenhafte Geschichte: Der Kaiser erlegt auf der Jagd eine weiße Gazelle, die sich in eine schöne Frau verwandelt. Sie entpuppt sich als Tochter des Geisterkönigs Keikobad. Nach ihrer Hochzeit mit dem Kaiser verliert sie langsam ihren märchenhaften Zauber, doch ganz Mensch wird sie nicht: Die Kaiserin wirft keinen Schatten – ein Zeichen für Unfruchtbarkeit. Gelingt es ihr nicht, binnen eines Jahres schwanger zu werden, muss sie nach den Gesetzen des Geisterreiches zu ihrem Vater zurückkehren, der Kaiser aber würde versteinern.

Die Frau ohne Schatten ist sicherlich das facettenreichste und komplexeste Opernwerk von Richard Strauss. Allein von der ersten Idee im Jahre 1911 bis zur Uraufführung am 10. Oktober 1919 in der Wiener Staatsoper vergingen acht Jahre. Die Regie von Claus Guth hat sich für die Erzählform in Gestalt einer psychoanalytischen Traumdeutung entschieden. Der Abend beginnt und endet mit der träumenden Kaiserin im Bett. Dazwischen entfaltet Guth ein Psychogramm mit feinsten Verästelungen, behutsam unterstützt durch die andeutenden, diskreten Videoanimationen. Besonders zarte Momente gelingen, wenn die Kaiserin auf ihr zweites Ich in Form der weißen Gazelle trifft und sich mit scheuen Blicken in deren Augen selbst zu reflektieren versucht. Vater Keikobad als am Stock gehende, schwarze Gazelle wacht in dieser Märchenwelt immer wieder über die irdischen Ausflüge seiner Tochter.

Die Kombination aus schlüssiger, niemals langweilender Erzählweise und grandioser musikalischer Aufbereitung sind die Garanten für einen unvergesslichen Opernabend in der Staatsoper Unter den Linden. Simone Young schafft es, sowohl die gewaltigen musikalischen Strömungen zu expressiven Ausbrüchen zu vollenden als auch die zarten, lyrischen Momente in ihrer ganzen tonmalerischen Schönheit zur Entfaltung zu bringen. Der Australierin gelingt es meisterhaft dieses extrem lautstark orchestrierte Werk transparent und in allen Schattierungen erkennbar aus dem Graben zu zaubern. Das ist ganz große Oper!

Die Besetzung der fünf Hauptrollen kann ohne jede Übertreibung als Weltklasse bezeichnet werden. Beginnen wir mit der Kaiserin: Camilla Nylund gibt dieser Rolle Zartheit und Emotionalität, die ihresgleichen suchen. Die Spitzentöne gelingen mühelos und ausdrucksstark. Was beeindruckt hier eigentlich mehr? Die stimmliche Darstellung oder die überwältigende schauspielerische Klasse? Beides! Eine insgesamt nahezu perfekte Rolleninterpretation der Kaiserin, die sich mehr als drei Stunden in ihrem Kampf zwischen ehelicher Pflichterfüllung und Tochter-Vater-Treue aufreibt.

Die Amme von Michaela Schuster ist schrill und diabolisch-böse angelegt. Nicht alle Töne gelingen perfekt, in einigen wenigen Momenten verliert sie den Kampf gegen die gewaltigen Fluten aus dem Graben. Ihren weiblichen Mephisto transportiert sie mit der ganzen Wucht ihrer bösartigen Menschenverachtung auf die Bühne.

Simon O’Neill ist ein Kaiser, auf dessen strahlenden Tenor man sich im Wechsel der fünf Hauptpartien immer wieder freut. Mit seiner klaren Diktion und seinem geschliffenen Timbre nimmt er manches Mal für einen kurzen Moment die Dramatik aus der Erzählung und ein Hauch von Siegmund und Tannhäuser durchströmt die Linden-Oper.

Mit Elena Pankratova ist die Färberin mit einer Bayreuth-gestählten Stimme besetzt. Sie bildet ein symbiotisches Pendant zur Kaiserin von Camilla Nylund, und wenn beide spiegelbildlich gekleidet und gemeinsam in ihrem Gefühlschaos vereint den Stimmen der ungeborenen Kinder lauschen, entstehen magische Momente. Pankratova legt ihre Stimme mit klug gesteuerter Kraft über das Orchester und verkörpert die vielschichtige Rolle der Färberin mit Präzision und Größe.

Der Höhepunkt an diesem Abend ist ohne Zweifel der Barak von Michael Volle. Sein warmer, wunderbar differenzierter Bassbariton ist textverständlich bis in die letzte Reihe und reitet geradezu auf der Musik. Dies ist insbesondere erstaunlich, da Michael Volle dieser Tage ein beeindruckendes Pensum zu absolvieren hat – zwischen seinen Einsätzen als Barak an der Staatsoper in Berlin erfolgte ein kurzer Abstecher als Einspringer für Wolfgang Koch als Sachs in den Münchner Meistersingern. Michael Volle live zu erleben gehört momentan de facto zu den Höhepunkten für jeden Opernfan. Der 58-Jährige singt tief berührend und faszinierend zugleich.

Sämtliche Nebenrollen und die Chöre sind dem hohen musikalischen Niveau des Abends angemessen besetzt und sorgen dafür, dass diese Frau ohne Schatten zu einem Opernerlebnis der Extraklasse wird. Frenetischer Jubel des nicht ganz ausverkauften Hauses ist der Dank für alle beteiligten Akteure. Insbesondere Simone Young mit der Staatskapelle und Michael Volle werden von Bravo-Rufen nahezu überschüttet. Mit Produktionen wie dieser ist das Haus Unter den Linden in der Lage, in der Champions-League der renommiertesten Opernhäuser mitzuspielen. Ein Abend ohne jeden Schatten, der in diesem Jahr leider nur noch einmal in Berlin zu erleben sein wird: am 14. Oktober 2018. 

Ingo Luther, 6. Oktober 2018, für
klassik-begeistert.de

Richard Strauss, Die Frau ohne Schatten, Simone Young, Michael Volle, Camilla Nylund, Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Musikalische Leitung, Simone Young
Inszenierung, Claus Guth
Bühnenbild, Kostüme, Christian Schmidt
Licht, Olaf Winter
Video, Andi A. Müller
Der Kaiser, Simon O‘Neill
Die Kaiserin, Camilla Nylund
Die Amme, Michaela Schuster
Der Geisterbote, Boaz Daniel
Barak, Michael Volle
Baraks Frau, Elena Pankratova
Erscheinung eines Jünglings, Jun-Sang Han
Die Stimme des Falken, Slávka Zámecniková
Der Bucklige, Karl-Michael Ebner
Der Einäugige, Adam Kutny
Der Einarmige, Bartolomeo Stasch
Hüter der Schwelle des Tempels, Evelin Novak
Stimme von oben, Natalia Skrycka
Dienerin, Kinderstimme, Serena Sáenz Molinero, Evelin Novak, Natalia Skrycka
Kinderstimmen,Chorsolisten
Die Stimme der Wächter der Stadt, Adam Kutny, Giorgi Mtchedlishvili, Erik Rosenius
Staatskapelle Berlin
Staatsopernchor und Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden

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