Erst mit dem Auftritt von Karita Mattila als Klytämnestra erreicht die Spannung ihren Höhepunkt

Richard Strauss, Hugo von Hoffmannsthal, Elektra  Elbphilharmonie, Hamburg, 13. Februar 2026

Christina Nilsson (Chrysothemis), Ingela Brimberg (Elektra) und das NDR Elbphilharmonie Orchester (Foto: RW)

Karita Mattilas Stimme klang rund, weich, tiefensatt und farbreich in der Mittellage, zudem vollströmend im oberen Register. Da war nichts mehr emotional unterkühlt. Ihr gesanglicher Vortrag fesselte von Anfang bis zum Ende.

Elektra, Tragödie in einem Aufzug

Musik: Richard Strauss
Dichtung: Hugo von Hoffmannsthal

Konzertante Aufführung in szenischer Einrichtung durch Charlotte Schetelich

NDR Elbphilharmonie Orchester, Dirigent: Alan Gilbert

Elbphilharmonie, Hamburg, Großer Saal, 13. Februar 2026

von Dr. Ralf Wegner

Wir waren seit längerem nicht mehr in der Elbphilharmonie. Die Optik des große Saals fasziniert immer noch. Und als der Dirigent Alan Gilbert das NDR-Elbphilharmonie Orchester von den Ketten ließ, wohnten wir einem grandiosen Konzertereignis bei.

Aber wo blieben die Sänger? Hinter dem Orchester war Raum für deren Auftritt. Zunächst überzeugten die fünf Mägde (Marie Henriette Reinhold, Ida Aldrian, Marie-Luise Dressen, Olivia Boehn, Chelsea Zurflüh) und die Aufseherin (Layla Claire) mit überraschend strahlkräftigen, sicher über dem Orchester liegenden Stimmen (jedenfalls von unserem Platz aus im Block D), die klanglich allerdings merkwürdig steril blieben. Das galt auch für die wie beiläufig auftretende Ingela Brimberg, der es zufiel (ohne schützendes Bühnenbild) das Zuschauerinteresse weg vom Orchester zu Elektra zu lenken.

Anfangs ließ Brimberg, vermutlich der Nervosität geschuldet, ein stärkeres Vibrato vernehmen. Nachdem sie sich frei gesungen hatte, beeindruckten ihre große Strahlkraft und die im Forte aufblühende Stimme. Das war ihre Domäne und ihr Erfolg beim Publikum: Über das Orchester hinweg ihren Sopran zum Leuchten zu bringen.

Alles in allem war sie damit eine herausragende Elektra, im Speziellen fehlte es ihrer Stimme aber in der Mittellage an klanglicher Grundierung und Farbigkeit, um in den lyrischen Passagen, und davon gibt es in der Elektra einige, deren jeweilige Gefühlsregungen zum Herzen der Zuschauer zu vermitteln. Das galt für den Agamemnon-Monolog (Nur so wie gestern, wie ein Schatten dort im Mauerwinkel zeig dich deinem Kind) ebenso wie für das Werben um Chrysothemis (von jetzt an will ich deine Schwester sein, so wie ich niemals deine Schwester war!) oder für die Erkennungsszene mit Orest (Es rührt sich niemand! O lass deine Augen mich sehen, Traumbild, mir geschenktes Traumbild).

Christina Nilsson (Chrysothemis), Benjamin Bruns (Aegisth), Alan Gilbert (musikalische Leitung) und Karita Mattila (Klytämnestra) (Foto: RW)

Ich schrieb diesen Eindruck zunächst der für die Gesangsstimme schwierigen, glasklaren und feinste Nuancen offenlegenden Akustik des Raumes zu. Aber mit dem Auftritt von Karita Mattila als Klytämnestra änderte sich das. Schon beim Betreten des Saales fesselte sie mit ihrer Aura, wie früher als Jenůfa oder Küsterin. Und es waren nicht nur ihr herausragendes darstellerisches Vermögen, welches in den Bann schlug, sondern auch ihre stimmlich-klanglichen Möglichkeiten, der Seelenqualen erduldenden, sich nach Ruhe sehnenden und um die Tochterliebe ringenden Gattenmörderin mittels Gesangeskunst Ausdruck zu verleihen (das klingt mir so bekannt. Und nur als hätt ichs vergessen, lang und lang).

Mattilas Stimme klang rund, weich, tiefensatt und farbreich in der Mittellage, zudem vollströmend im oberen Register. Da war nichts mehr emotional unterkühlt; Mattilas gesanglicher Vortrag fesselte von Anfang bis zum Ende, sei es, dass sie ihre Stimme zum Blühen brachte oder ihr einen aschfahlen, ggf. auch fast zischenden Beiklang zu geben vermochte. Das war große Kunst, wie ich es bei einer Klytämnestra seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hatte (zuletzt 1996 bei Leonie Rysanek).

Andreas Bauer Kanabas (Orest), Karita Mattila (Klytämnestra), Charlotte Schetelich (szenische Einrichtung), Christina Nilsson (Chrysothemis), Ingela Brimberg (Elektra) (Foto: RW)

Die noch junge schwedische Sopranistin Christina Nilsson sang die Partie der sich nach Mutterschaft sehnenden Chrysothemis mit der nötigen Inbrunst. Sie überzeugte mit strahlendem, warmherzigen Klang, lag immer sicher über dem Orchester und geriet nie an die stimmlichen Grenzen dieser anspruchsvollen Partie. Orest war diesmal nicht mit einem Bariton, sondern mit einem Bass besetzt. Andreas Bauer Kanabas gab ihm heldisches Profil und überzeugte mit seiner Bühnenpräsenz. Auch der Tenor Benjamin Bruns bestach gesanglich und darstellerisch mit seinem Kurzauftritt als Königsmörder Aegisth.

Insgesamt war es ein großartiges Konzerterlebnis mit einer faszinierenden Durchhörbarkeit der einzelnen Instrumentengruppen. Alan Gilbert wurde am Ende dafür ebenso begeistert gefeiert wie die Sängerinnen und Sänger dieser Aufführung. Der Saal war ausverkauft, am Eingang gab es sogar noch Besucher, die versuchten, eine Karte für dieses Ereignis zu ergattern.

Dr. Ralf Wegner, 14. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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