"Das Rheingold" ist auch als isoliertes Werk sehenswert, es bedarf nicht der Tetralogie, um die Götterdämmerung zu spüren

Richard Wagner, Das Rheingold,  Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, 26. Mai 2019

Foto: © Karl und Monika Forster
Richard Wagner, Das Rheingold
Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, 26. Mai 2019

von Barbara Seppi

Noch nie eine Wagner-Oper gehört? Dann ist die aktuelle Inszenierung „Das Rheingold“ am Musiktheater im Revier (MiR) in Gelsenkirchen ein optimaler Einstieg. Die zweieinhalb Stunden kraftraubender Akt ohne Pause vergehen in der Inszenierung von Michael Schulz wahrlich wie im Flug. Getragen von der Neugier, welche Bezüge zu aktuell brennenden Themen der Generalintendant noch bringen wird. Dieses „Rheingold“ nimmt den gesellschaftspolitischen Auftrag der Kultur wahr, vielleicht dem ein oder anderen zu plakativ und simplifiziert, aber spürbar mit Herz.

Im „Rheingold-Express“, jahrzehntelanges Synonym für die Bahnreise durch die gesamte Bundesrepublik, dem Lauf des urdeutschen Flusses folgend, beginnt die wilde Fahrt. Die Rheintöchter lümmeln sich lasziv an der Bar, tanzen leicht bekleidet an der Stange, Hut ab vor dem Mut von Bele Kumberger, Lina Hoffmann und Nohad Becker zum nabelfreien Pin-Up-Kostüm, das auch mal zeigt, wie stark Sänger mit den Bauchmuskeln arbeiten. Alberich singt inbrünstig Worte der Liebe und Leidenschaft, Urban Malmberg glänzt hier stimmlich und interpretatorisch. Seine lechzende, geifernde Art die Nixen zu umwerben zeigt aber, es geht um reine Wollust, die Frau ist Objekt. Gier höhlt wahre Gefühle aus. Im Hintergrund fließt unentwegt tiefblaues Wasser auf einer Videoleinwand, die mystische Strahlkraft des Ursprungs allen Lebens. Mit Alberichs Raub des Schatzes wandelt sich das Bild zum mit Plastik vermülltem Weltmeer. Gier schert sich nicht um die Folgen des Handelns.

Schulz ist dem Ruhrgebiet tief verbunden, im Jahr 2018 zum Abschied vom Steinkohlebergbau hat das Musiktheater im Revier der Ära der Kumpels viele Hommagen gewidmet. Naheliegend, auch im Rheingold das Thema zu verarbeiten. Nibelheim wird zur Zeche, und zwar der finsteren Art zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wotan und Loge fahren in einer verrosteten Lore ein, Alberich thront wie einst der fiese Ruhrbaron am Schreibtisch, während die arbeitende, verdreckte Masse in Armut und Elend schuftet. Geniale Inszenierung eines kollektiven Aufschreis von ausdrucksstarken Statisten aller Altersstufen zum Fortissimo des Orchesters, da laufen Schauer über den Rücken. Gier nach Reichtum kennt kein Mitleid.

Das Gold, mit dem Freia von den Riesen ausgelöst werden muss, besteht aus lebendigen, aber zur Puppe erstarrten Soldaten und güldenen Waffen. Aufgetürmt, verknotet, gestapelt, immer mehr davon werden in einen gläsernen Käfig gezwungen. Die Gier nach Macht kennt keine Sättigung.

Das Gesangsensemble im MiR ist ausgewogen, Cornel Frey als Loge ragt schauspielerisch allerdings absolut heraus. Seine Interpretation ist vielschichtig, flockig und präsent wie Improvisationstheater auf den Spuren von William Shakespeare. Musikalischer Höhepunkt an diesem Abend ist die Beschwörung der Erda. Almuth Herbst besticht durch einen warmen Mezzo-Sopran, der den wagnerianischen Kraft-Klängen eine subtil bedrohliche Note verleiht. Herbsts Stimme vermittelt die schaurige Warnung unterschwellig, ihr atemstockendes Horrorszenario des möglichen Untergangs braucht kein Pathos. Überhaupt, das Dirigat des Italieners Giuliano Betta führt die exzellenten Musiker der Neuen Philharmonie Westfalen insgesamt leicht durch die intensiven 150 Opernminuten. Betta nimmt dem schweren Stoff die Opulenz, stellt das Orchester eher in den Dienst der Sänger, ohne dabei die harmonische Schönheit zu zerstören. Im Gegenteil, diese blüht in vielen Passagen luftig auf, eher azurblau Schwaden im Sonnenlicht als bleigraue Gewitterwolken.

„Das Rheingold“ aus Gelsenkirchen steht im Dienst der Botschaft, vermittelt emotional die heutige Endzeitstimmung. „Ihr hattet die Wahl“ prangt in großen, schwarzen Lettern auf einem Plakat am Bühnenrand. Die Protagonisten gehen ignorant und freudestrahlend in ihr „Walhall“, eine wirre, digitale Welt auf dem Großbildschirm… der Mensch schreitet mit Nonchalance seiner „Götterdämmerung“ entgegen.

Barbara Seppi, 27. Mai 2019, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung: Giuliano Betta
Inszenierung: Michael Schulz
Bühne: Heike Scheele
Kostüme: Renée Listerdal
Licht: Patrick Fuchs
Dramaturgie: Dr. Olaf Roth
Wotan: Bastiaan Everink
Donner: Piotr Prochera
Froh: Khanyiso Gwenxane
Loge: Cornel Frey
Alberich: Urban Malmberg
Mime: Tobias Glagau
Fasolt: Joachim G. Maaß
Fafner: Michael Heine
Fricka: Almuth Herbst
Freia: Petra Schmidt
Erda: Almuth Herbst
Woglinde: Bele Kumberger
Wellgunde: Lina Hoffmann
Flosshilde: Nohad Becker

Weitere Termine: 30.05. / 02.06. / 09.06. / 20.06. / 30.06.2019
Musiktheater im Revier, Kennedyplatz, 45881 Gelsenkirchen

www.musiktheater-im-revier.de

Theaterkasse 0209-4097200
theaterkasse@musiktheater-im-revier.de

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