Diesmal hält auch Wotans Sessel bis zum Ende durch: Walküre in Bayreuth

Richard Wagner, Die Walküre  Bayreuther Festspiele, 11. August 2022

Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Festspielhaus Bayreuth, Bayreuther Festspiele, 11. August 2022

Die Walküre
Musik und Libretto von Richard Wagner

Diesmal brach der Sessel nicht zusammen, Tomasz Konieczny konnte die ganze Walküre zu Ende singen. Die Inszenierung ist auch beim zweiten Mal nicht weniger sehenswert als beim ersten. Und Lise Davidsen und Klaus Florian Vogt als Wälsung-Zwillings-Paar sind einfach nicht zu toppen.

von Peter Walter

An dem neuen Bayreuther Traumpaar Lise Davidsen und Klaus Florian Vogt – wie ich schon zur Premiere geschrieben hatte – kommt im Moment einfach niemand vorbei. Kein Aufzug hat das Publikum so fest an die unbequemen Holzstühle gefesselt wie dieser! Die strahlende Sieglinde ist eine Sonne des Gesangs, magische Gefühle löst sie in einem aus, wenn ihre Stimmlippen zu schwingen beginnen. Vogt sang beim zweiten Mal sogar noch etwas besser als vor 11 Tagen, konnte mit einer fast schon lyrischen Melodik im zweiten Aufzug wahrhaftig verzaubern. „Grüßt mich in Walhall froh eine Frau?“, eine Jahrhundert-Sternstunde der Musik!

Lise Davidsen (Sieglinde), Klaus Florian Vogt (Siegmund). Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Georg Zeppenfeld sang seine sechste Vorstellung, zum sechsten Mal makellos. Die Fricka von Christa Meyer hatte einen gewohnt selbstbewussten, souveränen Auftritt. Sie ist es, die Wotans Willen steuert, er steht eigentlich auf Siegmunds Seite, muss sich aber seiner Frau zu Füßen werfen. Ihr stimmstarker, runder Mezzo-Sopran fordert selbst einen routinierten Wotan ordentlich heraus. 

Diesmal hielt auch der Sessel – jener, in dem Tomasz Konieczny an der Stelle, die ihm letztes Mal seinen dritten Aufzug gekostet hatte, übrigens nicht Platz nahm. Somit konnte der polnische Ausnahme-Bariton endlich auch „Leb wohl, du kühnes herrliches Kind“ auf dem Grünen Hügel singen. Er ist ein begnadeter Sänger, vielleicht einer der besten der Gegenwart. Leider fehlt es seiner Stimme an der emotionalen Vielseitigkeit, die für den Wotan so definierend ist, er singt alles wie ein teuflisch-dämonischer Bösewicht.

Tomasz Konieczny als Wotan an der Wiener Staatsoper © Michael Pöhn

Kein Mensch ist begeistert, wenn er gegen seinen eigenen Willen seine Tochter dazu zwingen muss, seinen Sohn im Stich zu lassen – mit tödlichen Folgen. Da wird jeder zornig und böse. Und das in die Gesangsprache zu übersetzten, ist die wahre Kunst! Aber bei „Du meines Herzens heiligster Stolz“, da muss Wotan auch lieben können. Das kam leider nicht überzeugend rüber. Auch, weil das Publikum von der glasklaren Textverständlichkeit aller beteiligten des ersten Auszugs verwöhnt war.

Die Reaktionen von Presse und Publikum auf Iréne Theorins Brünnhilde waren bislang nicht sehr begeistert. Auch beim zweiten Mal wurde ihr Applaus von zahlreichen Buh-Rufen begleitet. Jenseits der Intonationsprobleme und Dauervibrato schien sie am Ende überfordert, sängerisch gegen Lise Davidsen anzutreten. Sieglinde nahm den Sieg gerne an, drehte noch einmal richtig auf. Wie ein FC Bayern, der bei einem 3:0-Stand in der Nachspielzeit noch zwei Tore draufhaut.

Lise Davidsen (c) Ray Burmiston

Viel Diskussion gab es auch um Cornelius Meisters Dirigat. Sehr flott ging es zur Sache, schon die Sturm-Szene am Anfang war mindestens molto furioso. Da war durchweg ordentlich Dampf drin, übrigens auch in den eigentlich ruhigen Oboen- und Englischhorn-Soli. Nur ausgerechnet an den Stellen, wo man mal richtig Gas geben könnte – der Schluss des ersten Aufzugs oder der Walküren-Ritt – fuhr er offensichtlich mit angezogener Handbremse über die Autobahn. Ein etwas differenzierterer Klang – die Messlatte Nr. 1 in Sachen Orchesterleistung– würde dem Werk nicht schaden. Das gilt für Tempo, Dynamik und Energie.

Bei all dem, was es an dieser Walküre auszusetzen gab: Es war immer noch ein spektakulärer Abend, die Inszenierung ist auch beim zweiten Mal nicht weniger sehenswert als beim ersten. Und Lise Davidsen und Klaus Florian Vogt als Wälsung-Zwillings-Paar sind einfach nicht zu toppen. Allein dafür hat sich die lange Reise schon gelohnt. Und dann kommt ja noch Siegfried…

Peter Walter, 12. August 2022 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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8 Gedanken zu „Richard Wagner, Die Walküre
Bayreuther Festspiele, 11. August 2022“

  1. Lieber Peter Walter,

    Sie schreiben oft nach Hörensagen und dann auch in Teilen falsch.
    In der Walküre singt Daniela Köhler – ausdrucksvoll und in großen Teilen sehr verständlich – die Brünnhilde. Im Siegfried übrigens ebenso, und dann nebenbei Andreas Schager an die Wand.
    Iréne Theorin kommt erst zur Götterdämmerung.

    Claus Grünewald

    1. Lieber Herr Grünewald,

      „Oft“? „Nach Hörensagen“? Sie irren schlicht und ergreifend. Iréne Theorin singt AUCH in der „Walküre“.

      Bestens

      Andreas Schmidt, Herausgeber

        1. Theorin hat auf jeden Fall die Walküre- und Götterdämmerung-Brünnhilde gemacht, Köhler die Siegfried-Brünnhilde. Den Unterschied hat man auch deutlich gehört.

          Johannes Richter

        2. Lieber Claus Grünewald,

          ich bin immer offen für Diskussionen über alles, was ich schreibe.

          Wir sind uns ja wohl einig, dass in Siegfried Daniela Köhler und in der Götterdämmerung Iréne Theorin die Brünnhilde gesungen haben. Über den Siegfried schrieb ich: „Daniela Köhler ist die Einzige, die Schager stimmlich etwas zu bieten hat“. Da standen zwei Leute auf der Bühne, die (a) sich beide gegenseitig an die Wand fuhren und (b) sich von niemandem an die Wand fahren lassen.

          Zur Walküre: In folgenden Kritiken, Interviews usw. steht, dass Theorin die Walküre-Brünnhilde in Bayreuth 2022 singt bzw. gesungen hat:

          -Kritik von Bernhard Neuhoff (BR-Klassik): https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/bayreuther-festspiele-2022-kritik-walkuere-ring-valentin-schwarz-cornelius-meister-100.html

          -Kritik von Jörn Florian Fuchs (DLF-Kultur): https://www.deutschlandfunkkultur.de/bayreuth-walkuere-valentin-schwarz-100.html

          -Kritik von Joachim Lange (NMZ): https://www.nmz.de/online/vom-stuhl-gehauen-in-bayreuth-wird-der-ring-mit-einer-teils-turbulenten-walkuere-fortgesetzt

          -Interview mit Theorin von Falk Häfner (BR-Klassik): https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/bayreuther-festspiele-2022-irene-theorin-goetterdaemmerung-bruennhilde-100.html

          -Aufführungsdatenbank der Bayreuther Festspiele: https://www.bayreuther-festspiele.de/programm/auffuehrungen/die-walkuere/

          Wenn Sie meinen, Köhler hätte die Walküre-Brünnhilde gesungen, behaupten Sie, dass all diese — eigentlich zuverlässigen — Quellen falsch sind. Ich halte es für theoretisch möglich, dass die Festspielleitung Petra Lang hinter der Brünnhilde-Maske versteckt hatte, denn diese singt — anders als Frau Köhler — genauso falsch wie Frau Theorin. Es wäre allerdings ein Novum, dass man an einem Haus wie Bayreuth bewusst andere SängerInnen auftreten lässt als man in sämtlichen Besetzungszetteln usw. angibt.

          Mich würde interessieren: Woher haben Sie Ihre Informationen, dass Köhler und nicht Theorin die Walküre-Brünnhilde gesungen hat? Waren Sie überhaupt bei der Vorstellung?

          Freundliche Grüße

          Peter Walter

          1. Lieber Herr Walter,

            ich habe Ring II komplett gesehen und habe auch die entsprechenden Besetzungszettel.

            Ich bleibe bei meinen Aussagen.

            Beste Grüße
            Claus Grünewald

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