Ein phantastischer Streifen – auch ohne Anna Netrebko

Richard Wagner, Lohengrin, Bayreuther Festspiele, 14. August 2019

Foto © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath
Richard Wagner, Lohengrin, Bayreuther Festspiele, 14. August 2019

von Dr. Gerald Hofner

Anna Netrebko war angekündigt und ist nicht gekommen. Das war die schlechte Nachricht vor dieser Veranstaltung. Zu den guten Nachrichten kommen wir gleich, wenngleich die Musik in diesem Beitrag etwas in den Hintergrund gedrängt wird.

Wenn man sich eine der Opern Wagners für eine Fantasy-Verfilmung aussuchen müsste, würde die Wahl wohl auf Lohengrin fallen. Einfache Handlung, klare Verhältnisse von Gut und Böse und ein Held, der der heutigen Vorstellung eines Filmhelden entspricht – moralisch, selbstlos, tatkräftig, und für die Spannung mit einer persönlichen Bürde, die ihn verwundbar macht.

Wenn man diesen Plot dann einem Regisseur gibt, dann passiert es. Er macht genau das daraus, was es im heutigen Verständnis ist – einen Film. Und demaskiert in diesem Lohengrin Wagners Werk als ein frühes Hollywood mit exzellenter Filmmusik. Dieser Regisseur war und ist Yuval Sharon.

© Enrico Nawrath

Wagner schrieb mit dem Lohengrin bekanntermaßen erstmalig keine Oper mehr im herkömmlichen Stil, er löste sich vom bisherigen Opernkonzept und erschuf ein Epos, das er mit „Filmmusik“ untermalte. Und Yuval Sharon erkannte das offensichtlich. Und verlegte diesen Streifen konsequenterweise in das moderne Fantasy-Genre, bei der die Musik dient. Sie dient der Untermalung einer letztlich tragischen Heldengeschichte. Sharon lässt von Beginn an keine Zweifel an den Positionen von Gut und Böse. In Shades of blaugrau, der Fantasy-Farbwelt. Anleihen an Harry Potter-Verfilmungen (Luftkampf der Gegenspieler) und an den Herrn der Ringe (impressionistische Landschaftsphantastik im Bühnenbild) sind nicht zufällig. Genauso wenig wie das phantastische Erscheinen des Titelhelden in der mystischen Blitzfänger-Anlage. Wie im Kino wird der Zuschauer bei diesem Lohengrin kaum mit Deutungen überfordert. Dafür bekommt er Ästhetik. Und Herzschmerz.

Piotr Beczała © Daniel Koch

Wahrscheinlich würde das Konzept dieses Fantasy-Streifens tatsächlich auch als Sprechversion und ganz ohne Gesang funktionieren. Aber es wäre schade – besonders an diesem Abend. Zu gut waren die Stimmen, die das Geschehen auf eine noch ganz andere sensorische Ebene heben. Allen voran der genial ausgesuchte Titelheld Piotr Beczała. Oder, auf der bösen Seite,  die wunderbare Elena Pankratova (Ortrud). Annette Dasch kam als Elsa von Brabant für die verhinderte Operndiva Netrebko. Dasch ist dabei die geübtere Wagner-Sopranistin. Dass sie nach einigen Unsicherheiten erst langsam zur gewohnten Leistung kam, lag dann vielleicht aber doch am Überraschungseinsatz. Die Zuschauer verziehen es und zollten ihr weit mehr als Respekt. Wie auch allen anderen Solisten. Und ebenso dem gewohnt „phantastischen“ Festspielchor.

Michael Gniffke (1. Edller), Elena Pankratova (Ortrud), Tansel Akzeybek (2. Edler) © Enrico Nawrath

Der eigentliche Held des Abends war im Konzept dieses Lohengrin aber Christian Thielemann im Dirigiergraben, der die „Filmmusik“ so präsentierte, wie Filmmusik sein muss – im Hintergrund und dennoch entscheidend, unmerkbar merkbar.

Ein wunderbar unterhaltsamer Fantasyabend. Mit etwas Musik.

Dr. Gerald Hofner, 14. August 2019, für
klassik-begeistert.de

Personalia (Auswahl):
Lohengrin: Piotr Beczała
Elsa: Annette Dasch
Telramund: Tomasz Koniezny
Ortrud: Elena Pankratova
König Heinrich: Georg Zeppenfeld
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Inszenierung: Yuval Sharon
Bühne und Kostüm: Rosa Loy, Neo Rauch

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