Schwanenseeensemble (Foto:RW)
Insgesamt hat Goyo Montero ein bildgewaltiges Tanzrätsel auf die Bühnen gebracht. Warum ihm nun der bösartige Rotbart ein Ballett würdig war, erschloss sich mir allerdings nicht. Ein traumatisierter junger Prinz wird vom Suizid abgebracht und entwickelt sich zum pervers-sadistischen Herrscher, und das Publikum wird Zeuge seiner Obsessionen. Für eine empfindliche Kinderseele ist das sicher nicht geeignet.
Schwanensee, Rotbarts Geschichte
Ballett von Goyo Montero
Musik: Pjotr Tschaikowski
Niedersächsisches Staatsorchester
Leitung Piotr Jaworski
Bühne: Curt Allen Wilmer und Leticia Gañán Calvo
Kostüme: Salvador Mateu Andújar
Staatsballett Hannover, Staatsoper Hannover, Uraufführung vom 24. Januar 2026
von Dr. Ralf Wegner
Die Staatsoper Hannover verfügt über eine große Bühne, beschäftigt aber mit knapp 30 Tänzerinnen und Tänzern ein für die niedersächsische Metropole und Hauptstadt recht kleines Ensemble; obwohl es sich Staatsballett nennt. Dresden oder Stuttgart sind nicht wesentlich größer als Hannover; dort ist man aber in der Lage, mit den deutlich größeren Ensembles großes klassisches Ballett zu präsentieren.
Insoweit hat es der neue Hannoveraner Ballettdirektor Goyo Montero deutlich schwerer, Tschaikowskis Schwanensee so auf die Bühne zu bringen, wie man es annähernd kennt. Er dachte sich eine neue Geschichte aus, die den bösen Schwanenwächter Rotbart zum Inhalt hat. Es sollte, so war im Programmheft zu lesen, ein Prolog zum klassischen Schwanensee sein.

Um was ging es und was war zu sehen: Ein König (Carl van Godtsenhoven) misshandelt seine Ehefrau (Diana van Godtsenhoven), tötet sie womöglich sogar; sein kleiner Sohn Rotbart sieht zu. Traumatisiert wird er von den ulkigen, auf dem Kopf an mexikanische Piñiatas erinnernde kegelförmige Auswüchse tragenden Ministern des Königs (Zwei Narren: Nicolás Alcázar Sánchez, Edward Nunes) in Obhut genommen. Rotbart (Jay Ariës) studiert, sein Vater stirbt. Rotbart hadert mit seinem Schicksal, er will das Reich nicht führen. Er geht in offenbar suizidaler Absicht ins Wasser und wird dort von wilden Wassermännern und Frauen gerettet (Weißer Schwan: Antoine Charbonneau) Rotbart nimmt die Königswürde an, vergeht sich an seinen Rettern, tötet sie oder sperrt sie ein. Zu seiner Sammlung gehört auch ein Einhorn. Am großen Fest zeigen vier weibliche Automaten ihr Können (Ammanda Rosa, Emily Seymour, Diana van Godtsenhoven, Natalie Wong), ein sich eng umschlingendes Paar (Gemini: Kade Cummings, Stella Tozzi) wird von Rotbart genussvoll-sadistisch immer wieder getrennt.
Schließlich tritt eine schwarz gekleidete Frau auf (Schwarzer Schwan: Alisa Uzunova), der Rotbart nachstellt, die sich ihm aber nicht unterordnen will, beide beißen sich in den Nacken. Offensichtlich ist Rotbart, aus welchen Gründen auch immer, ihr nahezu willenlos ausgeliefert. Sie zieht ihn wieder ins Wasser, dort wird jetzt Rotbart nicht mehr freundlich, sondern von den Wasserwesen als Feind behandelt. Am Ende fällt Rotbart in sich zusammen, es erscheint ein Prinz (Siegfried: Martin Balabán). Der Vorhang fällt.
Weder wird vom Ensemble auf Spitze getanzt, noch imponieren einzelne Solisten mit hohen Sprüngen oder Drehungen. Zumeist füllt das gesamte Ensemble die sehr breite und tiefe Bühne des Hannoverschen Opernhauses. Sie arbeiten viel mit den Händen, strecken die Fäuste drohend oder jubelnd empor oder bilden, in Reihe gegeneinander stehend, mit den Händen eine Brücke, unter der sich dann andere Tänzer hindurchbewegen, ganz so, wie man es aus der Jugendfreizeit kennt. Häufig wird auch auf dem Boden gerollt, gerobbt oder sich halbtot gestellt.

Dabei entstehen immer wieder prächtige, einprägsame Bilder, allerdings, ohne dass sich deren Sinn jeweils zwanglos erschließt. Überhaupt ist das Bühnenbild bemerkenswert. Fünf dreigeschossige, zum Teil mit wellplastischem Material abgedeckte und von hinten verschiedenfarbig beleuchtbare, aus Rohrgestänge bestehende Türme lassen sich zu Gruppen oder auch Einzeln der jeweiligen Situation entsprechend verschieben. Auf einem ist der Thron des Königs untergebracht, andere zeigen die Zellen der Eingesperrten und jene Personen, die dem Unterhaltungstrieb Rotbarts geopfert werden sollen.
Im zweiten Teil vor der Pause weichen die Türme zurück und blau angeleuchtete Schnüre fahren, die Bühne hinten, seitlich und schließlich auch vorn begrenzend, von oben herab, einen See simulierend, in dem sich Rotbart verliert. Videogroßaufnahmen zeigen seinen nicht zu gewinnenden Kampf mit dem nassen Element. Das ist optisch sehr eindrucksvoll.
Ein besonderes Lob gilt dem Kostümbildner. Er schuf phantasievolle Bekleidungsstücke, die an Wagner-Opern oder Science-Fiction-Filme erinnern. Besonders aufwendig und geradezu museumsreif waren die Roben des alten Königs und der Königin gestaltet. Beide, Carl und Diana van Godtsenhoven, beeindruckten auch mit der notwendigen königlichen Autorität, hatten aber kaum zu tanzen.

Die Wasserwesen kleideten hautenge Trikots, die auf der nicht sehr hell ausgeleuchteten Bühne die Geschlechtsunterschiede verwischten. Spitze, vom Brustbein fischgrätenartig nach oben weisende Flügel sollten wohl Fortbewegungsorgane darstellen. Auf jeden Fall sahen sie nicht wie Schwäne, sondern eher wie Meeresamphibien aus.
Insgesamt hat Goyo Montero ein bildgewaltiges Tanzrätsel auf die Bühnen gebracht. Warum ihm nun der bösartige Rotbart ein Ballett würdig war, erschloss sich mir allerdings nicht. Ein traumatisierter junger Prinz wird vom Suizid abgebracht und entwickelt sich zum pervers-sadistischen Herrscher, und das Publikum wird Zeuge seiner Obsessionen. Für eine empfindliche Kinderseele ist das sicher nicht geeignet.
Das Publikum zeigte sich von der Vorstellung ganz begeistert und jubelte den Tänzerinnen und Tänzern sowie dem Ballettdirektor Goyo Montero ausnehmend lange zu. Ganz vorn rechts zückte eine Zuschauerin sogar rote Püschel, mit denen sie ihrer Begeisterung flammenden Ausdruck verlieh.
Dr. Ralf Wegner, 25. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Schwanensee, Ballett von Yaroslav Ivanenko Theater Kiel, Ballett Kiel, 13. Dezember 2024
Im Großen und Ganzen ist die Kritik, wenn man sie als solche sehen mag, recht gelungen. Es scheint aber ein wenig so, als ob hier ein wenig versucht wird, etwas Schlechtes zu finden an einem Stück, dass rundum nichts wirklich Schlechtes an sich hat. Warum Goyo Montero der „bösartige“ Rotbart ein Ballett würdig war? Nun, das liegt doch auf der Hand – weil sich niemand bisher mit der Figur des Rotbarts und warum er so ist wie er ist (im klassischen Schwanensee), befasst hat. Was hat Rotbart zu einem kalten, hinterhältigen und bösen Mann gemacht? Und genau das zeigt Goyo Montero. Das Trauma, was Rotbart als Kind erfahren hat, holt ihn Jahre später ein – und lässt ihn eben dadurch zu einem bösen, sadistischen Herrscher werden. Die Liebe, die er für den weißen Schwan und seine „Familie“ empfunden hat, war nicht stark genug, um dem entgegen zu stehen, was die beiden Narren (die für mich so ein bisschen wie kleine Engel/Teufel auf der Schulter gewirkt haben) in ihm hervorrufen – wie kann er sich mit solchen Geschöpfen abgeben, sie lieben? Und er lässt sich durch die zwei verunsichern und tötet mit ihnen die Schwäne… wenn man sich einmal gedanken darüber macht, ist genau das auch im ganz normalen Leben oft ein Thema – Traumata erleben und besiegen (wollen/können) oder an ihnen scheitern…
„Wilde Wassermänner und Frauen“? Er wird vom weißen Schwan gerettet – oder ich habe etwas nicht mitbekommen… der Sinn des Stückes erschließt sich meiner Meinung nach ganz offensichtlich – wenn man offen und unvoreingenommen in das Stück geht und nicht am klassischen Schwanensee hängt.
Das Stück verbindet so viele Tanzarten – Contemporary und klassisches Ballett sind hier wohl die eindrucksvollsten – und – so ging es zumindest uns – man verliert sich in kurzer Zeit völlig im Geschehen auf der Bühne; da ist kein Spitzentanz zwingend notwendig. Warum ist Rotbart dem schwarzen Schwan so willenlos ausgeliefert? Weil sich die Dinge wiederholen – er fühlt sich angezogen von diesem geheimnisvollen edlen Wesen, so wie damals beim weißen Schwan, und diesmal ist nicht Rotbart der, der Gewalt ausübt, sondern der schwarze Schwan, der sich für seine Taten an ihm rächt und ihm zum „ungewollten Herrscher des Sees“ macht, gemeinsam mit ihrer Schwanenfamilie besiegelt sie sein Schicksal – sein Traumata hat ihn eingeholt und zu den gemacht, was er sicherlich niemals werden wollte. Ein Mensch wie sein Vater.
Das Ensemble des Staatsballetts Hannover ist klein aber sehr fein; alle Tänzer sind hervorragend ausgebildet und bringen Indiviualität und ein hohes Maß an künstlerischem Ausdruck mit sich, von der hervorragenden Ausbildung ganz zu schweigen. Mit Jay Ariës hätte Montero keinen besseren Rotbart wählen können, er geht in der Rolle sowohl mimisch als auch tänzerisch auf (Carl van Godtsenhoven wird sich die Rolle mit ihm teilen), Alisa Uzunova ist ein sowohl bezaubernder als auch gefährlicher schwarzer Schwan, und nicht zu vergessen Antoine Charbonnau als bezaubernder, zarter und dennoch starker weißer Schwan, dessen Lieb zu Rotbart man förmlich spüren kann. Das gesamte Ensemble ist wunderbar in die Geschichte integriert und wir sind uns sicher, dass dieses Stück etwas ganz Besonderes ist, für den, der sich einfühlen kann, der Tanz und die Umwandlung von Geschichten in Bewegung liebt und der offen für Neues ist…
Michaela Meier
Sehr geehrte Frau Meier,
ich danke Ihnen für ihren ausführlichen Kommentar. Ich habe diesen mit großem Interesse gelesen und Ihre Gedanken nachvollziehen können. Im Nachhinein hat sich bei mir allerdings der Eindruck eines psychologischen Bruchs in Monteros Handlungsstrang verstärkt. Kurz gefasst: Aus Gut wird Böse, verantwortlich sei ein Trauma. Ich bin zwar kein Psychologe, trotzdem kann ich nicht glauben, dass sich ein Knabe zum sadistischen (Massen-)Mörder entwickelt, weil seine geliebte Mutter vom Vater misshandelt und verstoßen, vielleicht auch getötet wird. Er müsste sich eher zum Beschützer der Frauen aufschwingen. Und noch unverständlicher ist es, dass sich Rotbart später an den ihn aus dem See rettenden Schwänen, wie dem weißen Schwan, vergeht und sie mordet. Verständlich ist zwar die Reaktion des schwarzen Schwans, aber nicht jene von Rotbart. Hier stellt sich die oft diskutierte Frage, ob der Entwicklung zum Bösen immer ein Trauma vorausgehen muss. Vielleicht ist das Böse in Rotbart bereits angelegt, als Erbe seines Vaters. Wodurch es in der von Montero gezeigten Version zum Ausbruch kommt, kann ich nicht erkennen. Der Einfluss der Narren reicht mir als Erklärung nicht aus.
Mit herzlichen Grüßen,
Ihr Ralf Wegner
Sehr geehrter Herr Dr. Wagner,
vielen Dank für Ihre Antwort, die ich mit großer Neugier gelesen habe und auf die ich gerne kurz eingehen möchte.
Für mich hat sich der Wandel von Rotbart von Gut zu Böse nicht allein durch das Trauma des Mitansehens der Ermordung seiner Mutter durch seinen Vater manifestiert, sondern auch durch seine durchlebte Kindheit, die ja – angedeutet – durchzogen war durch einen misshandelnden Vater. Ebenso wurde Rotbart auf dem Weg zum Mann ständig „umschwänzelt“ von den zwei Narren, die ihn stark zu beeinflussen versuchen; er wird nach dem Tod seines Vaters zur Herrschaft als König gezwungen mit all den Folgen, die dies mit sich bringt. Hier liegt ein besonderer Augenmerk wohl eben auf diesen zwei Narren, die ihm scheinbar Tag und Nacht nicht von der Seite weichen und immer größer werdenden Einfluss nehmen auf seine Persönlichkeit; letztendlich sind es auch diese Beiden, die seine Liebe zu den Schwänen und seine gute Seite einfach nicht verstehen, nicht ertragen können; die ihm solange zusetzen und ihn beeinflussen, wie sie es sein ganzes Leben schon versuchen, bis es letztendlich aus ihm herausbricht und er die Schwäne (und damit die Liebe in ihm) ermordet.
In meinen Augen sind die zwei Narren Sinnbild für das, was auch heutzutage ein großes Problem ist – dass Dinge, die man nicht versteht, als schlecht abgetan werden; das Menschen, die anders denken, verurteilt werden; das Personen oft beeinflusst werden können durch negative Ereignisse oder gar negative Einflüssen um sie herum… Ich glaube, das niemand von Geburt an böse ist – aber durchaus böse werden kann…
Vielleicht ist meine Empathie einfach zu groß; ich weiß es nicht…
Mit herzlichen Grüßen
Ihre
Michaela Meier