Schweitzers Klassikwelt 110: Sopran oder Mezzosopran? Mezzosopran oder Alt?

Schweitzers Klassikwelt 110: Sopran oder Mezzosopran? Mezzosopran oder Alt?

Da Frauen die flexibleren Stimmen mit größerem Stimmumfang besitzen, hat eine Differenzierung zwischen Sopran, Alt und später Mezzosopran erst langsam begonnen und es ist bis heute bei vielen Partien keine klare Grenzlinie gezogen. Schauen wir uns das genauer an!

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Mozart charakterisiert Dorabella als Sopran. Ebenso der Reclam Opernführer, während der Dirigent Rudolf Kloiber in seinem „Handbuch der Oper“ die Dorabella als dramatischen Alt oder auch als Mezzosopran hört. Wikipedia bestätigt: „Original: Sopran, heute: Mezzosopran.“ Wenn wir auch den Cherubino häufiger von Mezzosopranistinnen gesungen gehört haben, so ist uns auch die Pamina und Micaëla Anneliese Hückl vom Tiroler Landestheater in bleibender Erinnerung. Und die serbische Sopranistin Olivera Miljaković brachte es in dieser Rolle an der Wiener Staatsoper auf 59 Vorstellungen, bis sie sich gleitend zur Susanna entpuppte.

Noch bunter steht es um die Mutter Figaros, der Marcellina. Sogar in den neuen Mozartausgaben und im Musiklexikon Grove ist ihre Stimmlage Sopran, im Librettoarchiv „Corago“, in „Reclams Opernführer“ und in „Opera – Komponisten, Werke, Interpreten“ lesen wir Mezzosopran und in Pipers Enzyklopädie und in Harenbergs „Kulturführer Oper“ steht sogar: Alt.

Dass die geforderten Stimmumfänge in Extremfällen nahe aneinander liegen, zeigen anschaulich die drei Frauengestalten der „Cavalleria rusticana“.

Aus dem Kapitel „Le voci“, Programmheft „Cavalleria rusticana“, Teatro La Fenice, Venezia

Santuzza muss trotz c´´´ in die Tiefe der Lucia hinuntersteigen. Aber diese Grafik sagt noch nicht alles aus. Im vorbildlichen Programmbuch des „Teatro La Fenice di Venezia“ steht mit Worten noch weiter, dass sich die Typologie des dramatischen Soprans durch ein im Allgemeinen dunkles Timbre auszeichnet, aber mit starken Sprüngen in Richtung der hohen Tonlage fähig ist. Das führe zu plötzlichen Veränderungen in der Stimme, vom Standpunkt der Stimmhygiene nicht ideal, aber gleichzeitig zu einer Nachahmung der natürlichen, umgangssprachlichen Sprache.

 

 

 

Übrigens waren wir Zeuge des Rollendebüts der Mezzosopranistin Elīna Garanča, die vormalige Lola, als Santuzza an der Wiener Staatsoper am 11. März 2019, das mehr als geglückt bezeichnet werden konnte.

Elīna Garanča (Santuzza) mit Yonghoon Lee (Turiddu) © Michael Pöhn, Wiener Staatsoper

Nach dem Spielplanarchiv der Wiener Staatsoper haben mehrere Sängerinnen grenzüberschreitend die Santuzza gesungen (u.a. Grace Hoffman, Ludmilla Schemtschuk, Michaela Schuster, Dolora Zajick, Giulietta Simionato, Waltraud Meier). Wobei Giulietta Simionato einmal als Sängerin mit zwei Stimmen apostrophiert wurde und beim Googeln Waltraud Meier einmal nicht nur als Mezzosopran, sondern auch als dramatischer Sopran bezeichnet wird. Sie hatte nicht nur die Brangäne, sondern später auch die Isolde in ihrem Repertoire.

Die lexikalischen und medialen Stimmbezeichnungen der einzelnen Künstlerinnen sind ein eigenes Kapitel. Beginnen wir mit Hertha Töpper.

Hertha Töpper © Gallery

Bei Wikipedia lesen wir „Altistin und Mezzosopranistin“ und von ihrer Vielseitigkeit. Wir mussten zweimal hinschauen, in der englischen Version steht nur „contralto“. Das Österreichische Musiklexikon schreibt von einem Mezzosopran. Die Kleine Zeitung gedenkt anlässlich ihres Todes am 28. März 2020 im 96. Lebensjahr der gebürtigen Steirerin als Altistin mit Tiefgang. Auf der Website isoldes-liebestod.net werden nicht nur die berühmten Interpretinnen der Isolde geehrt, sondern ebenfalls die anderen Interpret*innen dieser Oper. Auch die Brangäne der Hertha Töpper. In Ihrer Vita lesen wir von ihrem Grazer Debüt als Ulrica, die bei „Reclam“ und „Opera“ unter Alt läuft, bei Wikipedia unter Alt oder Mezzosopran. In weiterer Folge wird ihre Lady Macbeth gelobt und eine Reihe von Mezzosopran-Partien. Über den Auftakt der Saison 1965/66 in der Frankfurter Oper vermerkten wir: „Wie du warst! Wie du bist! Das waren die ersten Töne einer menschlichen Stimme der neuen Saison. Zwar nicht so dunkel volltönend wie von der Altistin Hertha Töpper auf ewig in Erinnerung behalten.“

Geraldine Farrar © Addie Kilburn Robinson

Der Frankfurter Octavian war Maria Kouba, die im selben Jahr an der MET die Salome (!) sang. Hugo von Hofmannsthal Vorstellung vom Octavian war eigentlich ein als Mann verkleidetes, graziöses Mädchen vom Typ der US-amerikanischen Sopranistin Geraldine Farrar.

 

 

Als eine unsrer Lieblingssängerinnen begleiteten wir jahrelang Marjana Lipovšek. Wir liebten ihre volle, dunkle Stimme, obwohl sie in den uns bekannten Nachschlagwerken nur als Mezzosopran geführt wird. Vielleicht ist das Folgende aus einem Interview in „BR-Klassik“ aufschlussreich: Wolfgang Sawallisch machte ihr anfangs Angst. Er forderte sie – und stärkte ihr Selbstvertrauen. „Ich bin zur Klavierprobe gegangen und wollte den hohen Ton eine Oktave tiefer singen. Da hat er abgebrochen und gesagt: Also jetzt stellen Sie sich hin und singen Sie! Dann bin ich aufgestanden und hab’s gesungen.“ Für ihre Dalila verzichteten wir auf einen prominenten Partner als Samson. Ihre Dalila vermied im Gegensatz zu Agnes Baltsa ein temperamentvolles Spiel. Sie stand einfach in der Art Simionatos nur da – und war Dalila.

Marjana Lipovšek als Dalila © Wiener Staatsoper

Die Lipovšek begann an der Wiener Staatsoper im Rheingold im Jahre 1981 als Floßhilde, feierte 1987 mit üppig und warm strömendem Mezzo als Fricka zuerst an der Bayerischen Staatsoper Triumphe, nach ihren Erzählungen eine majestätische Erscheinung in einem atemberaubend schönen Kleid, und war dann zwischen 2000 und 2004 in der Alt-Partie der Erda im Haus am Ring zu hören.

21 Partien hat die bildschöne Ira Malaniuk an der Wiener Staatsoper gesungen.

Ira Malaniuk  © Archiv Ira Malaniuk

Sie blieb uns als Adelaide, der Mutter Arabellas, in besonderer Erinnerung, zu ihrem Leidwesen oft mit dieser mittleren Partie abgestempelt zu werden. Wir erinnern uns, dass Richard Strauss diese Persönlichkeit in Hofmannsthals „Arabella“-Entwurf als die interessanteste Frauenfigur ansah und seinem Dichter vorschlug Adelaide in ihre potentiellen Schwiegersöhne verliebt zu machen oder ihre Tochter auf dem Bild ihr so ähnlich sehen zu lassen, dass sie der Kroate für die Tochter hält. Für Hofmannsthal blieb Arabella die Hauptfigur, schon allein um Vergleiche mit der Feldmarschallin nicht aufkommen zu lassen. Gezählte zweimal fanden wir in der Literatur Malaniuk nicht als Alt, sondern im Mezzofach eingereiht. Während die Lipovšek neun dieser 21 Partien in der Staatsoper sang und beständig den „Titel“ Mezzosopran führt. Bei der „Mezzosopranistin“ Gertrude Jahn sind es sogar fünfzehn der 21 Partien.

Seit der Spielzeit 2020/2021 ist Noa Beinart Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper.

Noa Beinart © Monarca Studios

Sie hat fast durchwegs echte Altpartien im Repertoire wie die Lucia (Cavalleria rusticana), die Gaea (Daphne), übrigens eine der tiefsten Altpartien, die Erda (Das Rheingold, Siegfried), die Schwertleite (Die Walküre), die Erste Norn (Götterdämmerung), die Auntie (Peter Grimes) und die Dritte Dame (Die Zauberflöte). Im Oktober dieser Spielzeit war sie noch eine der Stimmen der ungeborenen Kinder in „Die Frau ohne Schatten“, um dann von unsren Spielplänen in Richtung Royal Opera House, Opernhaus Zürich, Bayerische Staatsoper München und Bayreuther Festspiele zu entschwinden.

Gibt es neben der Stimmgattung Mezzosopran noch einen anderen Sopranstimmtyp? Es ist kein Scherz, die Wortschöpfung stammt sogar von einer Opernsängerin: „Der faule Sopran“. Diese Stimme kommt nicht im Entferntesten an das Timbre eines Alts heran und auch bei reinen Mezzosopran-Partien fehlt der Stimme das gewisse Etwas, ein erotischer Stimmklang, eine dunkle Verfärbung, die charakteristische Fülle der Töne in der Mittellage. Bei sonstigen stimmlichen Reizen können wir uns einen Cherubino oder den irgendwie verwandten Komponisten vorstellen, bei einer Dalila oder einer Maddalena („Rigoletto“) sind unsre Vorurteile zu groß.

Die Zerlina war in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nach unsren Erfahrungen die Domäne der lyrischen Sopranistinnen. Wir denken da spontan an Hilde Güden und Graziella Sciutti. In den letzten etwa fünfunddreißig Jahren beobachten wir an der Staatsoper einen sanften Trend zu den Mezzosopranistinnen. Richtig begonnen hat es mit Angelika Kirchschlager 1996. Bei den nur zwei Vorstellungen von Katalin Halmai im November 1999 zeigte sich die Tendenz abgeschwächt, weil die Künstlerin in ihren Partien zwischen Sopran und Mezzosopran schwankte. Ebenso verhielt es sich bei Gabriele Sima 1987 – 1995. Seit dem Jahr 2015 halten sich Sopran und Mezzosopran annähernd die Waage. Andrea Carroll, Daniela Fally, Aida Garifullina, Valentina Nafornița und Ileana Tonca haben insgesamt einunddreißig Vorstellungen getragen, die Mezzosopranistinnen Patricia Nolz, Isabel Signoret und Virginie Verrez sechsundzwanzig. Es wäre jetzt interessant zu untersuchen, ob man den Charakter des Bauernmädchens jetzt gern anders deuten möchte oder ob es da noch nicht entdeckte Gründe dafür geben kann. Ein Thema für eine Diplomarbeit!

Eine ähnliche Zählung ergab die Besetzungsgepflogenheiten bei der Donna Elvira. In den ersten Jahrzehnten unsrer Opernerfahrungen waren die Donne selbstverständlich Soprane. Seit beginn 2015 bestritten die Mezzos Tara Erraught und Kate Lindsey an der Wiener Staatsoper ein gutes Drittel der Abende, wobei die Donna Elvira der Federica Lombardi eine Ausnahmeerscheinung ist.

Federica Lombardi © Schneiderphotography

„Eine stattliche, selbstsichere, resolute Erscheinung. Ihre Stimme hat dunkle Seiten, zeitweise mit einer Mezzo-Farbe“, versuchten wir unsren Leser*innen diese Persönlichkeit erfahrbar zu machen und gehen noch weiter: „Vielleicht würde ein Typ wie Don Ottavio als Gegenpol nicht schlecht zu ihr passen.“

Lothar und Sylvia Schweitzer, 19. März 2024, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Schweitzers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.

Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

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