Sir Simon Rattle © Mark Allan
Die Opern von Richard Wagner bekommt man nicht kaputt, sage ich immer. Selbst wenn Peter Konwitschny die Regie verantwortet – Augen zu, und Sie werden dennoch glücklich. Mit den Sinfonien von Gustav Mahler verhält es sich grundlegend anders, sie sind wie ein Soufflé.
Henry Purcell / Remember Not, Lord, Our Offences Z 50
Robert Schumann / Nachtlied für gemischten Chor und Orchester op. 108
Gustav Mahler / Sinfonie Nr. 2 c-Moll für Sopran, Alt, Chor und Orchester – Auferstehungssinfonie
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Chor des Bayerischen Rundfunks
Sir Simon Rattle / Dirigent
Louise Alder / Sopran
Beth Taylor / Mezzosopran
Elbphilharmonie, Großer Saal, 21. März 2026
von Jörn Schmidt
Ich könnte Ihnen jetzt Dirigenten nennen, deren Zugang zu Wagner mir – ausnehmend höflich formuliert – nicht liegt. Die also am Werk vorbei dirigieren und denen es dennoch nicht gelingt, das Werk zu zerstören. Aber dann bekommt Andreas Schmidt, der Herausgeber von klassik-begeistert, möglicherweise pikierte Zuschriften. Zu denen ich mich dann frühmorgens äußern möge. Das ist natürlich kein Problem, aber heute geht es um etwas anderes.
Eine Sinfonie Gustav Mahlers zu zerstören, das ist quasi ein Selbstgänger. Ich erinnere mich da nur an ein Dirigat von … , einem gefeierten Nachwuchs-Dirigenten. Den Namen müssen Sie raten, heute soll nicht rumgemäkelt werden. Dem Jungspund jedenfalls zerfiel Mahler 6 von Beginn an wie ein Soufflé. Was hatte er gemacht? Er hatte sich verleiten lassen, die Extreme auszureizen und sich im Moment zu verlieren.
Jedes Thema, jeder Block, alles stand nebeneinander. Aufgereiht wie die schönsten Perlen an einer goldenen Kette. Daran sei Gustav Mahler Schuld, können Sie nun einwenden. Der habe dieses Nebeneinander in seiner Partitur angelegt. Das ist richtig, gerade die 5. und 6. Sinfonie wirken aufgrund ihrer Kontraste, Stimmungswechsel und komplexen Struktur zerklüftet. Aber es gibt Dirigenten, die haben den inneren Zusammenhang zwischen den Noten entdeckt.

Und bringen die vordergründigen Kontraste in einen zauberhaften Fluss. Zu diesen großen Dirigenten gehört der Brite Sir Simon Rattle. Es ist unmöglich, letzte Geheimnisse seines Dirigats zu entschlüsseln. Hilfreich war sicher, der Auferstehungssinfonie Purcells fünfstimmigen A-cappella-Choral Remember Not, Lord, Our Offences und Schumanns Nachtlied voranzustellen. Das war viel mehr als ein Warm up.
Die beiden Werke schufen eine zauberhafte Atmosphäre, die der Auferstehungssinfonie mehr Wirkmacht verlieh. Ich habe noch nie ein solch kluges Mahler-Programm erlebt. Aber der Effekt wäre schnell verpufft, hätte Sir Rattle sein Orchester nicht angeleitet, das Verbindende im Trennende zu suchen. Vielleicht ist es damit wie mit einem Soufflé, das verträgt keinerlei Hektik und braucht viel Liebe.

Und genau diese Liebe hat Sir Simon entfacht, jedes Instrument ahnte den nächsten Stimmungswechsel voraus und bereitete ihn vor – in Klangfarbe, Rhythmik, Phrasierung, Dynamik und Tempi. Wirklich jeder auf der Bühne, die Musiker des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und die Mitglieder des Chors des Bayerischen Rundfunks, ebenso Louise Alder und Beth Taylor hatten Sir Rattles liebevolle Agogik verinnerlicht. So dass in magischer Manier aus extremen Kontrasten trotz größter Dynamik lyrische Kontraste wurden.
So ein perfektes Soufflé bekommen Sie in der Regel nur in einem französischen 3-Sterne-Restaurant serviert. Oder eben von einem Briten …
Jörn Schmidt, 22. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Richard Wagner Der Ring des Nibelungen, Tarmo Peltokoski klassik-begeistert,de, 22. März 2026
Sommereggers Klassikwelt 270: Sir Simon Rattle klassik-begeistert.de, 29. Januar 2025