Es läuft prima beim Ballett der Deutschen Oper am Rhein

Soirée Ravel, Bridget Breiner / Richard Siegal  Deutsche Oper Rhein, Düsseldorf, 12. September 2025 PREMIERE

Boléro © Altin Kaftira

Premiere zum 150. Geburtstag Maurice Ravels im Opernhaus Düsseldorf

Die „Soirée Ravel“ wird dank der frischen Choreographien ein unterhaltsamer und tiefgründiger Abend. Das Ballett am Rhein zeigt sein Können in einem beeindruckenden Crossover von klassischem und modernem Tanz. Und für alle, die den Boléro schon zu oft gehört haben, keine Sorge: Es läuft ganz anders als sonst.


Maurice Ravel:
Konzert für die linke Hand

Klavier: Alina Bercu
Choreographie: Bridget Breiner

Maurice Ravel: La Valse
Choreographie: Richard Siegal

Maurice Ravel: Daphnis et Chloé, Suiten
Choreographie: Bridget Breiner

Maurice Ravel: Boléro
Choreographie: Richard Siegal

Düsseldorfer Symphoniker
Musikalische Leitung: Katharina Müllner

Soirée Ravel – 12. September bis 8. November 2025
Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf, 12. September 2025 PREMIERE

von Petra und Dr. Guido Grass

Eine Einladung zum Geburtstag nehmen wir gerne an.
Maurice Ravels 150. Geburtstag gibt Anlass zur Aufführung neuer Choreographien von Bridget Breiner und Richard Siegal. Der Titel der Premiere „Soirée Ravel“ weist schon die Richtung: Geboten wird ein äußerst kurzweiliges Programm, abwechslungsreich, neu arrangiert und komponiert.

Alina Bercus Hand tanzt auf dem Klavier

Doch zunächst führen uns Aufnahmen aus dem Pariser Stadtleben in die Zeit Ravels zurück. Auf der Bühne nur ein Flügel und die Pianistin Alina Bercu, die ihre linke Hand erhebt. Mit den Tänzern steigen zusammen mit düsteren Klängen Kriegserinnerungen auf. Faszinierend wie Bercus Hand auf dem Klavier tanzt. In weiten Bögen sucht ihre linke Hand den Kontakt zu den Tänzern. Sie finden sich in vollendetem Einklang.

Konzert für die linke Hand © Altin Kaftira

Schon beim ersten Pas de trois überzeugt das Ballett mit einer Mischung aus auf die Spitze getriebener Bewegungskunst und moderner Körpersprache.

Das Leben geht weiter, auch mit nur einem Arm, Lebensfreunde, die 20er Jahre mit neuer, jazziger Musik kündigen sich an. Schnell spinnen sich neue Konstellationen zwischen den Tänzern, aufs Feinste abgestimmt mit den Düsseldorfer Symphonikern unter der Leitung von Katharina Müllner.

Richard Siegal hält uns in „La Valse“ den Spiegel vor

Ravel äußerte sich einst selbst zur Szenerie von „La Valse“: „[M]an erblickt einen riesigen Saal mit zahllosen im Kreise wirbelnden Menschen. Die Szene erhellt sich zunehmend; plötzlich erstrahlen die Kronleuchter in hellem Glanz“. Dieses Motiv greifen Richard Siegal und Bühnenbildner Jean-Marc Puissant auf: Durch eine hölzerne Drehtüre, die einem Hotel der 20iger Jahre entstammen könnte, strömen die ersten Gäste, die sich galant mit Kratzfuß begrüßen. Getanzt wir mit höfischer Eleganz und Perfektion.

Vordergründig erscheint es wie die Apotheose des Wiener Walzers. Doch die ironischen Brechungen, die in Ravels Komposition angelegt sind, lassen Schlimmes ahnen. Plötzlich erscheint staunend ein „Mann von der Straße“, der nur scheinbar freundlich empfangen wird. Das dekadente Fest nimmt Fahrt auf, und man feiert mit ihm fröhlich auf dem Tisch tanzend. In Wirklichkeit macht man sich über ihn lustig: Hier zeigt das Ballett neben den hervorragenden tänzerischen Qualitäten auch noch schauspielerisches Können. Der Gastgeber legt freundschaftlich den Arm um den Neuankömmling, prüft zugleich das Etikett dessen Sakkos und rümpft die Nase – eine herrlich amüsante Szene. Hier wird nicht nur der feinen Düsseldorfer Gesellschaft der Reichen und Operierten ein Spiegel vorgehalten.

La valse © Altin Kaftira

Der Spaß ist zu Ende, als der Habenichts sich erdreistet, mit der Geliebten des Gastgebers zu tanzen. Eifersucht schäumt auf; er wird schließlich zu Tode getrampelt. Bemerkenswert gelungene Bildersprache auf der Bühne: Die Leiche wird kurzer Hand unter den Tisch geschoben, darüber die feine Tischdecke samt festlichem Tafelgeschirr gebreitet. Alles wird vertuscht, der Schein gewahrt, und so bleibt alles beim Alten. Ravels Abgesang auf die k.-u.-k.-Monarchie nach dem Ersten Weltkrieg wird hier zum Abgesang auf die dekadente Gesellschaft von heute. Das Publikum feiert Siegals parodistische und unterhaltsame Choreographie sowie die Tanz- und Schauspielkunst der Tänzerinnen und Tänzer mit großem Applaus.

In „Daphnis et Chloé“ erhebt sich der Mensch aus den Wellen der Urzeit

In eine ganz andere Welt führt uns Ravels „Daphnis et Chloé“: Vor aller Zeit erhebt sich die Musik aus dem Nichts. Aus den Wellen der Ursuppe wird der Mensch geboren, bricht aus der wogenden Masse hervor und verschwindet wieder in ihr. Wir tauchen nun ein in eine ganz andere Facette des Tanztheaters.

Unschuld, Gewalt, Romantik und Eros tummeln sich auf der Bühne. Grandios wie Luca Erni als Ares den jungen Mann (Skyler Maxey-Wert) umtanzend dessen Begehren für die junge Frau (Nami Ito) anheizt.

Daphnis et Chloé Suiten © Altin Kaftira

Die Klanginstallation von Lorenzo Bianchi Hoesch bringt durch sphärische Klänge eine überirdische Dimension ins Spiel. Elektronisch verfremdet kommt der Chorgesang daher, zu dem die Frauen die Nymphe Echo in allen Winkeln der Erde begraben.

Einzig das ekstatische Finale kann als solches nicht wirklich mitreißen, mündet jedoch in einem zartschmelzendem Happy End, das bezaubert.

Richard Siegal schickt seine Tänzer aufs Laufband

So manchem regelmäßigen Konzertgänger geht Ravels Boléro auf den Nerv. Doch heute entdecken wir ihn aufregend neu. Auch hier gibt die Klanginstallation von Lorenzo Bianchi Hoesch entscheidende Impulse.

Kaum merklich, grollend setzt der Klang ein, der zunächst nur vom charakteristischen Rhythmus der kleinen Trommel begleitet wird. Sie treibt das Schreiten der Menschen an. Im inneren Ohr hört man aus den Andeutungen der Klanginstallation Ravels Musik.

Durch das im Bühnenboden eingelassene Laufband ergeben sich enorme Effekte des Überholens, Begegnens und Stehens. Zur Klanginstallation setzt nach und nach das Orchester ein. Eines der schönsten und überraschendsten Bilder ergibt sich, als mehrere Paare auf dem Laufband tanzen und dieses teils zur Seite tanzend verlassen. Auf der Bühne baut sich ein energiegeladenes Spannungsfeld zwischen Individuen, Gruppen und aufkeimendem Militarismus auf. Das Ballett am Rhein zeigt hier noch einmal sein vielseitiges Können in physischer und mentaler Hinsicht.

Das Publikum dankt mit Begeisterungsstürmen.

Es läuft einfach prima beim Ballett am Rhein!

Für die nächsten Vorstellungen sind noch Karten zu haben. Auch diejenigen, die meinen, wenig mit Ballett anfangen zu können, werden ihren Spaß haben. Versprochen.

Petra und Dr. Guido Grass, 14. September 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Krabat, Ballett von Demis Volpi nach Ottfried Preussler Ballett am Rhein, Theater Duisburg, Premiere 1. Juni 2024

Festival-Ravel: Orchestre national du Capitole de Toulouse, Tarmo Peltokoski Saint-Jean-de-Luz, 5. September 2025, 20 Uhr

Ravel-Festival 2025  Urrugne, Église Saint-Vincent, 1. September 2025

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert