Sommereggers Klassikwelt 61: Der (fast) vergessene Anton Rubinstein

Sommereggers Klassikwelt 61: Der (fast) vergessene Anton Rubinstein

„Hört man seine Klavierstücke und Konzerte, die sogar ihren Weg auf den Youtube-Kanal gefunden haben, so muss es verwundern, dieser Musik nicht öfter in den Konzertsälen zu begegnen. Der Konzertpianist Rubinstein wusste sehr gut um die Wirksamkeit von Effekten und hat solche in seinen Werken gekonnt eingesetzt. Eine Renaissance seiner Werke auch in Westeuropa wäre wünschenswert und würde mit Sicherheit ihr Publikum finden.“

von Peter Sommeregger

Der Monat November bietet sich dafür an, an den russischen Pianisten, Dirigenten und Komponisten Anton Grigorjewitsch Rubinstein zu erinnern. Sowohl sein Geburtstag (28. 11. 1829) als auch sein Todestag (20. 11. 1894) fallen in diesen Monat.

Rubinsteins jüdische Familie konvertierte zum russisch-orthodoxen Glauben, als Anton noch im Kindesalter war. Ersten Klavierunterricht erhielt er von seiner Mutter, die aus dem preußischen Breslau stammte. Bereits mit fünf Jahren schrieb er kleinere Stücke für das Klavier. Nach einer sorgfältigen Ausbildung trat er bereits mit neun Jahren öffentlich als Konzertpianist auf, unmittelbar danach unternahm er erste Tourneen, die ihn bis nach Paris führten. In den folgenden Jahren setzte er seine musikalische Ausbildung u.a. in Berlin fort.

Nach längeren Aufenthalten in Wien und Bratislava kehrte er nach Russland zurück und ließ sich in St. Petersburg nieder, wo er Hofpianist bei der Großfürstin Elena Pawlowna wurde. In den folgenden Jahren entfaltete er eine reiche kompositorische Tätigkeit und setzte sich nachdrücklich für die Gründung eines Konservatoriums in St. Petersburg ein. Als dieses schließlich 1862 als erstes russisches Konservatorium überhaupt gegründet wurde, amtierte er bis zum Jahr 1867, später noch einmal von 1887 bis 1891 als dessen Direktor und Leiter der Klavierklasse.

Für etwa 20 Jahre, bis 1887 konzentrierte Rubinstein sich auf seine Konzerttätigkeit hauptsächlich in Westeuropa, die ähnlich umfang- und erfolgreich nur von Franz Liszt übertroffen wurde. Auch seine kompositorische Tätigkeit erreichte immer neue Höhepunkte. Rubinstein selbst sah sich mehr als Komponist, seinen Bruder Nikolai, mit dem er häufig gemeinsam auftrat, hielt er für den besseren Musiker.

Furore machte Rubinstein besonders mir seinen so genannten Mammutkonzerten, in denen er ein schier unglaubliches Pensum von bis zu vier Stunden Dauer absolvierte.

In Russland wurde er zum kaiserlich-russischen Staatsrat nobilitiert, er wurde auch Ritter des preußischen Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste .

Seine sowohl russischen wie preußischen Wurzeln und seine russisch-orthodoxe Religion trotz jüdischer Wurzeln veranlassten ihn zu der Klage:

„Den Juden bin ich ein Christ, den Christen ein Jude; den Russen bin ich ein Deutscher, den Deutschen ein Russe, den Klassikern ein Zukünftler, den Zukünftlern ein Retrograder u.s.w. Schlußfolgerung: ich bin weder Fisch noch Fleisch – ein jammervolles Individuum.“

In den letzten zehn Jahren seines Lebens musste Rubinstein mit schweren Depressionen kämpfen, der Tod von Bruder und Mutter, später die Tuberkulose-Erkrankung seines jüngsten Sohnes machten ihm schwer zu schaffen. Seine 1865 mit einer russischen Adeligen geschlossene Ehe, aus der drei Kinder hervorgingen, verlief wenig glücklich. Rubinstein starb am 20. November 1894 in St. Petersburg, wo er auch seine letzte Ruhestätte fand.

Hinterlassen hat Rubinstein ein Oeuvre von unglaublicher Fülle und Vielseitigkeit. Neben unzähligen Kompositionen für Klavier solo umfasst es auch fünf Klavierkonzerte, Kammermusik, Vokalmusik und nicht weniger als 13 Opern, von denen der 1871 entstandene „Dämon“, ein spätromantisches Schauerstück, bis heute zumindest in slawischen Ländern immer wieder zu hören ist.

Hört man seine Klavierstücke und Konzerte, die übrigens sogar ihren Weg auf den Youtube-Kanal gefunden haben, so muss es verwundern, dieser Musik nicht öfter in den Konzertsälen zu begegnen. Der Konzertpianist Rubinstein wusste sehr gut um die Wirksamkeit von Effekten und hat solche in seinen Werken gekonnt eingesetzt. Eine Renaissance seiner Werke auch in Westeuropa wäre wünschenswert und würde mit Sicherheit ihr Publikum finden.

Peter Sommeregger, 10. November 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik- begeistert.at

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

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