Spielzeitmotiv 2026/27 © Bayerische Staatsoper
Die Spielzeit 2026/2027 der Bayerischen Staatsoper hat in Wagners Ring einen Mittelpunkt, auf den sich auch der Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski bei den musiktheatralischen Premieren konzentriert.
Neben der Komplettierung von Wagners Ring werden neu produziert Adams Doctor Atomic, Massenets Werther, Donizettis Maria Stuarda, Tschaikowskis Mazeppa und Brittens Death in Venice.
Mit dem Ja, Mai Festival werden drei zeitgenössische Musikwerke vorgestellt. Liberty von Diana Syrse, eine eigens fürs Festival beauftragte Oper für das hauseigene Opernstudio. Dazu Haas’ Koma und Gordon Kampes Die Kreide im Mund des Wolfs.
Hervorzuheben sind weiterhin die beiden ehrgeizigen Ballettprojekte: Carpathia ist eine Handlungsballett-Uraufführung und Pina Bauschs Tanzoper Orpheus und Eurydike eine Tanzoper mit der Musik von Gluck. Vielschichtig.
Nationaltheater, München, 15. März 2026
von Frank Heublein
In der Spielzeit 2026/27 an der Bayerischen Staatsoper steht die Vollendung von Wagners Ring im Mittelpunkt. So entspringt auch das Spielzeitmotto diesem Kontext: „Verging wie ein Hauch der Götter Geschlecht“. Ein Zitat Brünnhildes, dass Wagner nicht in die Oper Götterdämmerung aufnahm. Jedoch auf Bitten Ludwigs II. vertonte. Mit dieser Miniatur startet die Vorstellung des Spielzeitprogramms 2026/27 der Bayerischen Staatsoper musikalisch an diesem Sonntag.
Daneben werden, ebenfalls wie immer, einige musikalische Geschmacksproben serviert. Eine Arie aus Doctor Atomic von John Adams, eine aus Donizettis Maria Stuarda und eine aus Massenets Werther.
Mitglieder des Orchesters der Bayerischen Staatsoper präsentieren als Schumann-Quartett den ersten Satz von Mendelssohn-Bartholdys Streichquartett a-moll op. 13. Das Ballett steuert zwei Pas de Deux bei, einen aus Radio and Juliet, für das Spielzeit eröffnende Septemberfest 2024 von Edward Clug zu einem Song von Radiohead choreographiert wurde. Der zweite ist ein Pas de Deux von William Forsythe aus Waves and Circles, welches in der aktuellen Spielzeit Premiere hatte.

Vladimir Jurowski konzentriert sich in der nächsten Spielzeit bei den Neuproduktionen auf Wagners Ring. Gleich zwei Teile werden neu produziert. Siegfried als erste Premiere am 29. Oktober 2026 und die Götterdämmerung am 27. Juni 2027 als vorletzte Premiere der Spielzeit. In den Festspielen werden im Juli 2027 zwei Ringzyklen angeboten. Tobias Kratzer, Regisseur aller vier Teile, wird für den Zyklus noch einmal Hand an den Rheingold Vorabend und die Walküre legen, um die beiden Teile auf Zyklus-Spur zu bringen.
Karten für „Der Ring des Nibelungen“ im Rahmen der Münchner Opernfestspiele können im Vorverkauf nur als kompletter Zyklus erworben und ab sofort über das Formular bestellt werden. Die Bearbeitung der schriftlichen Bestellungen erfolgt im Rahmen des Vorverkaufs für die Münchner Opernfestspiele 2027, also ab Februar 2027. Einzelne Vorstellungen des Ring-Zyklus können im Restkartenverkauf der Münchner Opernfestspiele erworben werden.
Jurowski bedauert die Kritiker, die häufig in eine der ersten Vorstellungen gehen. Er spricht von einer wichtigen Entwicklung, die gerade im Falle des Rings bei der Wiederaufnahme zu einem noch größeren künstlerischen Ausdruck kommen soll. Gerade hier in München, wo man konzeptuell versucht, soweit wie möglich, die ursprünglichen Besetzungen beizubehalten. Zwei wesentliche Neubesetzungen sind ein „neuer“ Siegfried, Benjamin Bruns. Da der Sänger des Alberichs Markus Brück sich aus dem Musikbetrieb zurückgezogen hat, übernimmt die Rolle Georg Nigl.

Die zweite Opernpremiere ist Gaetano Donizettis Maria Stuarda
am 20. Dezember 2026. Die musikalische Leitung übernimmt Antonino Fogliani, Francesco Micheli inszeniert. Die Elisabetta singt Vasilisa Berzhanskaya, Maria Stuarda in der Premierenserie Nadine Sierra, zu den Festspielen übernimmt die Rolle Lisette Oropesa. Es folgt Doctor Atomic von John Adams. Die erste Oper dieses Komponisten in diesem Haus überhaupt. Regie führt Claus Guth. Er wechselt damit wieder die Eingangstür. Er hat in dieser Spielzeit Cabaret für das Residenztheater nebenan auf die Bühnenbretter gebracht. Dirigieren wird das Staatsopernorchester erstmalig Gemma New, sie gefiel mir im Januar 2026 mit einem Britten gewidmeten Konzert. Sängerisch sind beteiligt Simon Keenlyside (Dr. J. Robert Oppenheimer), Clive Bayley (Edward Teller), Brenton Ryan (Robert Wilson) und wieder einmal die von mir gern gehörte Marlis Petersen (Kitty Oppenheimer).
Bei Tschaikowskis Mazeppa ab 15. März 2027 sind sängerisch am Start Vladislav Sulimsky, Alexander Tsymbalyuk, Ekaterina Gubanova und Olga Kulchynska, die im überzeugenden Faust in dieser Spielzeit die Marguerite gesungen hat. Dmitri Tcherniakov verantwortet die Inszenierung und Bühne (hat zuletzt am Haus 2023 Prokofjews Oper Krieg und Frieden gemacht). Die musikalische Leitung übernimmt bei der Premierenserie Daniele Rustioni, bei den Festpielen Timur Zangiev.
Am 15. Mai 2027 wird erstmals die Neuproduktion von Massenets Werther gezeigt. Doppelte Frauenpower. Das Dirigat übernimmt Karina Canellakis, die Inszenierung und das Videokonzept liegt bei Marie-Ève Signeyrole. Den Werther singt Jonathan Tetelman, der begeisterte mich im Faust in dieser Spielzeit. Andrzej Filończyk singt Albert und Charlotte übernimmt in der Premierenserie Marina Viotti, zu den Festspielen dann Aigul Akhmetshina.
Zu den Festspielen wird neben der Götterdämmerung Benjamin Brittens letzte Oper Death in Venice im Prinzregententheater ab 16. Juli 2027 aufgeführt. Musikalisch übernimmt das Ruder Edward Gardner, Vasily Barkhatov führt Regie. Allan Clayton und Étienne Dupuis sind in den Hauptrollen zu sehen und zu hören.
Alle zwei Jahre setzt seit Beginn der Ära Dorny das Ja, Mai Festival schon im erweiterten Titel den Schwerpunkt „für frühes und zeitgenössisches Musiktheater“. Hier werden drei Produktionen vom 30. April 2027
bis 15. Mai 2027 das Licht der Münchner Opernwelt erblicken. Das Motto in 2027 lautet „Widerstand“.
Die Bayerische Staatsoper hat mit Liberty für das Opernstudio erstmals eine Uraufführung beauftragt. Den Auftrag erfüllten die junge mexikanische Komponistin Diana Syrse und die finnische Librettistin Sofi Oksanen. Das finnische Original wird im englischen Übertrag ab am 30. April 2027 im Cuvilliés-Theater zu hören sein. Inhaltlich setzt sich das Stück mit häuslicher Gewalt und Missbrauch auseinander. Am Pult steht Alexandre Bloch, Elsa-Sophie Jach, die Hausregisseurin vom Residenztheater nebenan führt Regie.
Die zweite Premiere ist Die Kreide im Mund des Wolfs (UA 2025) von Gordon Kampe. Szenisch eingerichtet wird das Stück von Georges Delnon. In der in der Brainlab Firmenzentrale drei Mal zu sehen zwischen 2. und 9. Mai 2027. Zitate Wladimir Putins werden ins Groteske geschoben. Den Despoten spielt und singt Georg Nigl. Als dritte Produktion wirkt die Staatsoper erstmals im Volkstheater. Aufgeführt wird Koma von Georg Friedrich Haas. Ich erwarte mit Spannung, wie das von Haas und Librettisten Haendl Klaus entwickelte Konzept der Aufführung in vollständiger Dunkelheit hier umgesetzt wird. Ich habe das aufregende Stück 2024 in Salzburg gehört, gesehen habe ich praktisch nichts.
Claudio Monteverdis Madrigal Il combattimento di Tancredi e Clorinda wird der Kammeroper beigestellt. Das MKO (Münchner Kammerorchester) wird unter der Leitung von Bas Wiegers musizieren. Romeo Castellucci verantwortet Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht – und hoffentlich auch die Dunkelheit. Singen werden Sarah Aristidou, Mirjam Mesak, Daniel Gloger und Daniel Vening.
Die Bearbeitung der schriftlichen Anfragen für Ja, Mai Aufführungen erfolgt ab 30. Januar 2027. Verbindliche Bestellungen können ab Spielplanveröffentlichung per Online-Formular über den Spielplan aufgegeben werden. Der Online-, Telefon- und Schalterverkauf für das gesamte Ja, Mai-Festival beginnt am Samstag, den 27. Februar 2027.
Im konzertanten Programm stehen wie gewohnt sechs Akademiekonzerte auf dem Spielplan. Drei davon dirigiert Vladimir Jurowoski. Robin Ticciati, Edward Gardner und Stéphane Denève die drei anderen. Ein buntes Programm. An vielen Stellen werden die solistisch starken Mitglieder des Orchesters herausgehoben. Der Schwerpunkt der Kammerkonzerte wird Beethoven anlässlich seines 200. Todestages sein. Also nicht „wie immer alle neun Sinfonien“, sondern ein aus neun Konzerten zusammengesetztes Programm, dass „Götterfunke“ heißt. Des Weiteren gibt es zahlreiche Liederabende, hochkonzentriert zur Festspielzeit.
Ich greife vor: das Ballett deckt mit Gluck das Feld der alten Musik bei den Opernneuproduktionen ab. Als Barockfan finde ich das wenig. Jedoch als entschlossener Befürworter zeitgenössischer Opernmusik sind für mich die fünf neuproduzierten Opern aus dem 20. oder 21. Jahrhundert ein großes Plus. Die Superstardichte bei den Sängerinnen und Sängern ist (auch) in der kommenden Spielzeit überschaubar. Für mich ist das kein Drama. Die, die ich höre, zeigen sehr häufig hervorragendes sängerisches Niveau. Ich könnte mir persönlich noch mehr Frauen bei Regie und Dirigat vorstellen – ein Frauendoppelpack ist dabei.

Das Bayerische Staatsballett hat zwei Neuproduktionen im Angebot. Nur zwei? Aber sowas von zwei großen Werken. Daneben wird zu den Festspielen eine Ballett Gala zu sehen sein. Ballettdirektor Laurent Hilaire kündigt eine Uraufführung eines Handlungsballetts an: Carpathia – Der Mythos der Untoten von Edward Clug. Teil der Karpaten sind die transsilvanischen Alpen. Clug ist im Lande Draculas (sehr wahrscheinlich auf Fürst Vlad III. Draculea, 1431–1476, genannt der Pfähler zurückgehend) aufgewachsen.
In der Ballettfestwoche gibt es genau ein Stück – das es in sich hat. Orpheus und Eurydike in der Choreografie von Pina Bausch. Sie hat die Oper Christoph W. Gluck 1975 für Tänzerinnen und Tänzer umgesetzt. In Wahrheit ist es also eine Kombiproduktion von Oper und Ballett. Cool! Hilaire hebt die zwei Wiederaufnahmen von Giselle und Cinderella hervor. Auch in der Oper werden zahlreiche Stücke aus dem Repertoire zu sehen und zu hören sein.
Besonders ist die Idee von Oper für alle, das Hineinbringen von Oper in vielfältigste Hörerschichten und auch außerhalb Münchens in Bayern macht die Staatsoper dafür Station. Einerseits ist das die kostenfreie Liveübertragung am 17. Juli 2027 auf dem Max-Josephs-Platz der im Haus stattfindenden Aufführung des Rheingolds. Jedoch schon am 16. September 2026 findet das BMW Classics Konzert im BMW Park statt. Das ist eine der beiden Spielstätten der FC Bayern Basketballer. Antonino Fogliani in der musikalischen Leitung, Diana Damrau und Benjamin Bernheim stimmlich und natürlich die beiden künstlerischen-musikalischen Corps Bayerisches Staatsballett und Bayerisches Staatsorchester sind kostenfrei zu erleben. Karten dafür gibt es ab 16. Juli 2026 unter https://www.staatsoper.de.
Am Ende wird Serge Dorny launig. Entfaltet das Beiblatt der Jahresvorschau. Alle Premieren sind drauf. Er bittet, sich diese in der Küche aufzuhängen und via Social Media Beweismaterial an die Staatsoper zu senden. Denn das ganz besondere in München sei, dass die Oper ganz überwiegend von Einheimischen besucht werde. Es scheint so: diese öffentliche Spielzeitpräsentation ist erstmals ausverkauft.
Frank Heublein, 15. März 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at