Vassilissa Reznikoff © Monika Rittershaus
Vassilissa Reznikoffs schauspielert klasse. Sie kann gut singen. Sie kann gut lapdancen. Sie kann gut turnen und gut akrobaten. Waren ihre Oberarme schon immer so muskulös? Ihr Kreuz schon immer so breit? (Wahrscheinlich schon.) Ich schmelze dahin ob ihres Multikönnens. Den Conférencier spielt und singt – auch er kann beides sehr gut! Vincent Glander. Holla! Die beiden allein lohnen den Abend! Und alle anderen auch!
CABARET
Musik von John Kander in der reduzierten Orchesterfassung von Chris Walker, Gesangstexte von Fred Ebb
von John Van Druten, Buch / Libretto von Joe Masteroff nach dem Stück «Ich bin eine Kamera» und Erzählungen von Christopher Isherwood
aus dem Englischen von Robert Gilbert
Besetzung:
Conférencier Vincent Glander
Sally Bowles Vassilissa Reznikoff
Clifford Bradshaw Michael Goldberg, Thomas Hauser
Fräulein Schneider Cathrin Störmer
Herr Schultz Robert Dölle
Ernst Ludwig Vincent zur Linden
Fräulein Kost Myriam Schröder
Inszenierung Claus Guth
Musikalische Leitung Stephen Delaney
Bühne Etienne Pluss
Residenztheater, München, 13. März 2026
von Frank Heublein
Ich bin Residenztheaterabonnement. Schon ganz lange. An diesem Abend sitze ich in „Cabaret“, das im Dezember 2025 Premiere im Residenztheater in München gefeiert hat. Warum mag ich Monate nach der Premiere darüber Worte verlieren? Alle Rezensionen, die ich lesen konnte (Bezahlschranken habe ich für diese Recherche nicht überwunden), bleiben für mich stecken im Sprechtheater. Merkwürdig! Meine Kolleginnen und Kollegen besprechen das Musical nicht als Musical.
Dieses Theater macht das erste Musical solange ich Abonnent bin – also seit über zwanzig Jahren. Einige von Claus Guths Arbeiten kenne ich von ein paar Zehn-Meter weiter rechts, da ist das Nationaltheater, die Hauptspielstätte der Bayerischen Staatsoper. Renommiertes Theater beauftragt renommierten Opernregisseur, erstmals ein Musical auf den Schauspielboden des Hauses zu bringen. Ganz grundsätzlich: dieser Musicalabend ist einfach – diese Wirkung erzeugt nur hochprofessionelles Spiel – gute Unterhaltung.

On top liefert die Inszenierung: Verhandlung des wofür / wogegen stehen wir auf für oder gegen das, was wir gesellschaftlich für unabdingbar halten? Braucht es das? Nu, ikh meyn az s’iz noytig. – Sprechen Sie es laut aus, spätestens dann verstehen sie das Jiddische. Genau deswegen braucht es das, egal auf welchem Bühnenort, denn diese Thematik immer wieder aufs Neue zu verhandeln, dafür Kunst einzusetzen und Menschen ins Nachdenken zu bringen, das braucht es. Immer wieder.
Cabaret. Willkommen, Bienvenue, Welcome. Da dachte ich (und Sie?) an Liza Minnelli. Im Programmheft lese ich, dass in der Uraufführung Lotte Lenya Sally Bowles gespielt hat. Die fiese russische Agentin mit dem Schuhgiftdolch aus 007 Liebesgrüße aus Moskau (1963). Die 1960er. Lange her. Cabaret. Nur ein Ohrwurm?

Intendant Andreas Beck – ich war in seiner Spielzeitankündigung für Abonnenten – hat lange an Claus Guth „gekratzt“ (verzeih Tobias ;). Warum? Dieser Abend beweist: deshalb! Wir haben Schauspielerinnen und Schauspieler, nur manche davon haben Gesang in ihrer Ausbildung, es ist ein Kann, kein Muss für Sprechschauspieler und Sprechschauspielerinnen.
Vassilissa Reznikoff und Vincent Glander jedenfalls (ich habe nicht gegoogelt) scheinen mir, Gesang auf dem Ausbildungsplan gehabt zu haben. Gesanglich wuppen die beiden den Abend. Die Gesangspartien dieser beiden überzeugen mich! Dazu kommt den beiden wie allen auf der Bühne ihre schauspielerische Klasse zu Passe. Den Ausdruck dessen, was sie singen, das bringen wirklich ausnehmend alle auf der Bühne famos auf die Bretter.
Schauspielerisch wow, das ist zwar Standard (meine Empfindung) im Resi, zugleich immer der Rede wert. Musikalisch passt es bei allen Beteiligten sehr gut. Die Kombi Spiel und Gesang ist hochwertig, die Intonation brillant, das beweist die Crew ein weiteres Mal in der Zugabe. Bei der Wiederholung des Songs Money, Money wird mit dem Vorhang wunderbar gespielt – und in der entsprechenden Haltung ist es eher schwer gemeinsam gut singen. Das gelingt hervorragend.
Dirigent Stephen Delaney beachtet mit seinem kleinen musikalischen Ensemble beim eher langsamen Tempo, dass Intonation und Zusammensingen von nicht primär von der Musik kommenden Darstellerinnen und Darstellern besser organisiert werden können, wenn diese nicht zu schnell gespielt wird. Gelingt beeindruckend gut an diesem Abend. Schnell(er) darf Vincent Glander, der Conférencier. Die Musik richtet sich entsprechend in der Geschwindigkeit aus und dadurch werden alle musikalischen Partien eingängig und wohltemperiert. Dynamik wird herausgenommen, okay. Doch Längen dazu zu sagen, scheint mir unverhältnismäßig. Die Inszenierung tariert das sehr gut aus. Dennoch: es mag sein, dass vor der Pause das Stuhlpolster für den einen oder die eine im Publikum sich zu wenig weich anfühlt. Denn manche musikalischen Nummern ziehen sich a bisserl, dass ich mir denke: das dürfte, könnte schneller und dynamischer sein. Bis mir „siehe oben“ klar wird.
Neben den musikalisch solistisch Hauptverantwortlichen Reznikoff und Glander will ich auf das Duo Fräulein Schneider gespielt und gesungen von Cathrin Störmer und Herr Schultz gespielt und gesungen von Robert Dölle eingehen. Beide performen toll. Gerade weil das Dirigat Stephen Delaneys ihre gesanglichen Möglichkeiten maximal gut hervortreten lässt. Diese beiden sorgen für eindringliche Momente. Insbesondere der jüdisch stämmige Herr Schulz deutet an, welche Verbrechen in den 1930ern und 1940ern die Nazis an den Juden ausgeübt haben. „Der Herr Schulz, der ist nicht deutsch.“ sagt Ernst im Stück zu Fräulein Schneider. Der Herr Schulz, der ist Deutscher (im Verständnis der heutigen Bundesrepublik Deutschland), in Deutschland geboren, doch zugleich jüdischen Glaubens.

Das triggert mich: diese Vermischung von Nationalität und Glauben: die, finde ich, ist kompletter Blödsinn. Staatlich säkular zu handeln, das war Lösung (1960er: Gastarbeiter) und wird aus meiner Sicht für die säkularen Probleme, die wir in Deutschland haben (eines davon ist: Personalmangel), mindestens für – meine Lebenszeit – Lösung sein. Der Staat, also: wir alle, haben dafür zu sorgen, dass wir das Säkulare gesellschaftlich auf die Kette bringen.
Braucht es also dieses Musical auf der Theaterbühne? JA! Dieses Triggern IST vornehmste und dringendste künstlerischere Aufgabe, wofür / wogegen stehen wir auf für das, was wir gesellschaftlich für unabdingbar halten! Cabaret. Nur ein uralter Ohrwurm? Für diese Inszenierung gilt: hervorragend umgesetztes Musical, das die Bühnenhandlung mit meinem Heute verbindet.

Claus Guths Inszenierung arbeitet mit der (sehr geschmeidigen) Drehbühne. Im ersten Teil ist ein Dreh im Zimmer der Pension des Fräulein Schneiders. Der andere Dreh die andere Seite: fünf Zimmertüren. Zimmertüren sind einfache und ideale Zu- und Abgänge. Im Zimmer sind erstaunlich viele Zu- und Abgänge möglich, etwa auch der Kühlschrank! Das macht schnelle Szenenwechsel möglich. Bravo für diese Bühne, Etienne Pluss. Im Teil nach der Pause zeigt die Bühne den Verfall und pointiert damit den sittlichen Verfall der Zeit der 1930er in Deutschland. Auch hier dreht sich die Bühne und organisiert damit Handlungselemente. Guth gelingt damit, was ich für eine sehr gute Inszenierung halte: sie bleibt unauffällig, organisiert die Bühnenhandlung optimal und verstärkt schauspielerische und gesangliche Handlungselemente.
Eine weitere funktionierende Idee ist die Aufteilung der Hauptfigur Clifford Bradshaw in Michael Goldberg als alter sich erinnernden Schriftsteller und Thomas Hauser als jungen angehenden Novellisten. Die Ebenen der Erinnerung und des gegenwärtlichen Geschehens gibt einer Reflektion Ausdruck, die sich in mir fortsetzt.
Ich bin ehrlich: Vassilissa Reznikoffs Sprechstimme ist eine in einer schrillen Höhe, die mich zuweilen sehr anstrengt – und es kommt auf das Stück an, ob sie für mich, in mir funktioniert. An diesem Abend? Sie schauspielert klasse. Sie kann gut singen. Sie kann gut lapdancen. Sie kann gut turnen und gut akrobaten. Waren ihre Oberarme schon immer so muskulös? Ihr Kreuz schon immer so breit? (Wahrscheinlich schon.) Ich schmelze dahin ob ihres Multikönnens. Den Conférencier spielt und singt – auch er kann beides sehr gut! Vincent Glander. Holla! Die beiden allein lohnen den Musicalabend! Und alle anderen auch!
Frank Heublein, 14. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue Komische Oper Berlin, 10. Juni 2022 PREMIERE