Farbe, wohin das Ohr sich wendet

Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 13. März 2018
Wiener Symphoniker
Emanuel Ax, Klavier
Louis Langrée, Dirigent
Claude Debussy, Prélude à l’après-midi d’un faune (1892-1894)
HK Gruber, Konzert für Klavier und Orchester (2014-2016) (EA)
Hector Berlioz, Symphonie fantastique. Episode de la vie d’un artiste op. 14 (1830)

Von Bianca Schumann

Ein Klangfeuerwerk veranstalteten die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Louis Langrée am Dienstagabend im Großen Saal des Wiener Konzerthauses. Ein abwechslungsreiches Programm wurde geboten, das aus Werken von Claude Debussy, Heinz Karl Gruber und Hector Berlioz bestand.

Den Anfang machte der so bezeichnete Impressionist Debussy. Das zehnminütige Prélude à l’aprés-midi d’un faune verlangt nach einem Orchester, das bestens aufeinander abgestimmt ist. Nur ein eingespielter Klangkörper ist fähig, die zahlreichen Orchesterfarben geschmeidig ineinander zu mischen, sodass sie zu einem warmen Gesamtklang verschmelzen.

Die Wiener Symphoniker meisterten diese nicht zu unterschätzende Aufgabe mit Bravour. Sämtliche Instrumentengruppen schmiegten sich aneinander und verwoben sich miteinander. Auf den entstehenden Klangteppich, dem die beiden prominent eingesetzten Harfen einen mystisch zauberhaften Ton verliehen, setzten sich die markanten Phrasen der Holzbläser. Diese beherrschten ihre Partien schlichtweg tadellos. Allem in allem, ein mehr als nur gelungener Auftakt des Konzertabends.

Den Anschluss machte das einsätzige Konzert für Klavier und Orchester von Gruber. Die Tonsprache Grubers ist stark von tonalen Anklängen und rhythmischer Prägnanz geprägt und lässt dadurch die geistige Nähe zu insbesondere Gottfried von Einem erkennen. Dieser war neben Hanns Jelinek und Friedrich Cerha der mitunter einflussreichste Begleiter Grubers auf dessen Weg zum Komponisten.

Im Konzert Grubers scheint es, als stünden sich zwei grundverschiedene Materialtypen entgegen: Ziehen sich einerseits langgezogene, lyrisch, teils gar hymnisch und tonal anmutende Phrasen durch die Instrumente, so jagen sich andererseits mal scherzhaft, mal aufmüpfig oder störrisch anmutende Floskeln durch den Klangkörper. Das Konzert, der „Wettkampf“ wird in diesem Exemplar der geschichtsträchtigen Gattung des Solokonzertes demnach nicht zwischen dem Solisten und dem Orchester, sondern zwischen zwei Materialien ausgetragen, die, so wie es ihnen gerade passt, auf alle auf der Bühne platzierten Instrumente zurückgreifen.

Durch die simultane Überlagerung mannigfaltiger Klangebenen entsteht eine große musikalische Wirkung. Der Eindruck des verworrenen Durcheinanders bleibt aus, da sich die einzelnen Ebenen durch ihre farblich stark differenzierte Instrumentation stets gut durchhören lassen.

Ein Stück, bei dem sich auch bei wiederholtem Hören stets neue Facetten werden entdecken lassen.

Der Auftraggeber des Werkes, der preisgekrönte Pianist Emanuel Ax, präsentierte das Werk zusammen mit den Wiener Symphonikern einwandfrei. Ax‘ Spiel zeichnet sich durch seine wenig künstlich manierierte Art und seine ausgezeichnete Fähigkeit, aufs Genaueste mit dem Orchester zu harmonieren, aus.

Der Saal, der in der ersten Hälfte noch nahezu restlos gefüllt war, wies in der zweiten Hälfte einige freie Plätze auf. War ein Großteil des Publikums tatsächlich für das Werk zeitgenössischer Musik gekommen und verschmäht nun das romantische Erstlingswerk des großen Franzosen Berlioz?

Zugegebenermaßen, die 50-minütige Symphonie verlangt vom Publikum viel Geduld für die sich teils nur langsam entwickelnde Musik und Toleranz gegenüber extremer dynamischer Ausbrüche ab, die – je nachdem, wie nah der eigene Platz der Bühne ist – schon fast zu laut sind.

Bekanntermaßen handelt es sich bei der Symphonie fantastique um Programmmusik. Die Musik möchte also einen außermusikalischen Inhalt in Tönen zeichnen. Um dem Publikum bei der Enträtselung des Programms unter die Arme zu greifen, ordnete Berlioz an, man müsse jeder konzertanten Aufführung des Werkes ein ausformuliertes Programm austeilen, das die Hörer in Kenntnis der musikalisch dargestellten Geschehnisse setzt. Doch Berlioz hatte auch die Hoffnung, dass die Musik auch ohne Kenntnis des Programms, also auch als „absolute“ Musik Wirkung erlangen würde. Hier muss nun wahrlich jeder selbst entscheiden.

Wie auch immer man zum ästhetischen Konzept der Programmmusik stehen mag, welche wertende Haltung auch immer man gegenüber der kompositorischen Umsetzung Berlioz‘ biographischen Programms einnehmen mag, vollends würdigen müssen wird man die performative Leistung der Musiker des gestrigen Abends.

Langrée dirigierte das riesige Werk auswendig, und, wie bereits hinsichtlich der ersten Nummer des Abends anerkannt werden konnte, ein jeder Instrumentalist spielte seinen Part glänzend! Die dramatische Symphonie in fünf Sätzen ist mit einer Vielzahl an solistischen Passagen verschiedenster Instrumente gespickt und bietet dem Orchester auf diese Weise nicht nur die Möglichkeit, dessen perfektes Zusammenspiel, sondern auch die Fähigkeiten jedes einzelnen auf dem Silbertablett zu präsentieren. Auch hier wieder eine enorme Farbpalette, die der Komponist bedient.

Dass der Applaus nach dem letzten strahlenden Durakkord bald abebbte, lag gewiss nicht an der herausragenden Leistung der Musiker, sondern wohl eher an der Wahl des Schlussstückes.

Bianca Schumann, 14. März 2018, für
klassik-begeistert.de

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