„Don Giovanni" in Wien: Der Herr im Schatten seines Dieners – Donna Anna überstrahlt alles

Wolfgang Amadeus Mozart, Don Giovanni,  Volksoper Wien

Foto: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien
Volksoper Wien, 20. Dezember 2018
Wolfgang Amadeus Mozart, Don Giovanni

von Jürgen Pathy

Kannibalismus, Anarchie, große Stimmen und surreale Figuren, die einer Tim-Burton-Fantasie-Verfilmung entsprungen sein könnten, beeindrucken an der Volksoper Wien. Mit seinen typisch plastischen Bildern – überwiegend im weißen Raum – gestaltet das Berliner Urgestein Achim Freyer, 84, den Don Juan nicht als hedonistischen Bösewicht, nicht als exaltierten Herzensbrecher, sondern symbolisiert einen subtilen, zwar etwas kapriziösen, aber feinen Pinkel: Rüschenhemd, edler Hut, minimalistische Gesten – ein Archetyp der kultivierten Gesellschaft. Nur seine blutgetränkten Hände lassen die dunklen Geheimnisse erahnen, die in seiner Seele schlummern.

Dieses vornehme Credo bis zur Verbitterung zu verinnerlichen, scheint Günter Haumer, 45, der als Don Giovanni unscheinbar, verkrampft in Szene tritt: die Stimme anfangs zart – zu zart –, die Bühnenpräsenz am unteren Energielevel angesiedelt. Schüchtern, beinahe verloren wirkt der österreichische Sänger, dessen Stimme im Terzett und im Sextett kaum zu vernehmen ist. Keine Frage: Eine kultivierte Stimme, ein schöner heller Bariton, der in den Soli sauber geführt wird und sich im Verlauf des Abends zum Glück kontinuierlich steigern kann. Ob dieses Crescendo der Leistung womöglich eine Vorgabe der Regie gewesen ist oder der Tagesverfassung des Ensemblemitglieds geschuldet ist, steht in den Sternen. Egal, sei’s drum.  Letztendlich klingt das Ensemblemitglied vollmundiger, runder und präsentiert den Don Juan auch mit der notwendigen Portion an Selbstbewusstsein, um glaubwürdig als Herzensbrecher durchzugehen.

Von Anfang an voller Selbstbewusstsein strotzt hingegen Yasushi Hirano, 41, der anscheinend den verhinderten Stefan Cerny ersetzt und in die Rolle des Dieners Leporello schlüpft. Seit 2008 im Ensemble, überzeugt der japanische Sänger mit viel Elan, Esprit und beeindruckenden Gesangseinlagen. Aufgrund der mäßigen Leistung des Bassbaritons als Wassermann in „Rusalka“ sind die Sorgen im Vorfeld somit unberechtigt gewesen: Dieser Leporello, ein Hofnarr, ein Kasper wie es im Buche steht, spielt und singt seinen edlen Herrn regelrecht an die Wand! Beinahe schade und mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu betrachten, ist der Umstand, dass in den beiden verbleibenden Aufführungen der großartige Stefan Cerny in dieser Partie zurückkehren wird – denn diesen Leporello sollte man gehört und gesehen haben.

Optisch ebenso bewundernswert gestaltet wurde die Figur des Don Ottavio, dessen fantastischer Look ein wenig an die Filmfigur Sweeney Todd, den teuflischen Barbier aus der Fleet Street, erinnert. Bewundernswert auch der Gesang des Südkoreaners JunHo You, der nach den so unscheinbar wirkenden, aber tiefgehenden Arien viel Applaus erntet. Den lyrischen Tenor ereilt lediglich dasselbe Schicksal, dessen sich alle Königinnen der Nacht seit Diana Damrau auch nicht verwehren können: Wer einmal das innige Dalla sua pace des Staatsopern-Ottavios Benjamin Bruns genießen durfte, den werden alle weiteren Darbietungen nie wieder zu hundert Prozent glücklich stimmen.

Mehr als glücklich, richtiggehend euphorisch stimmt die Donna Anna der Sopranistin Kristiane Kaiser, die an diesem Abend einen fulminanten, alles überstrahlenden Auftritt aufs Parkett zaubert. Energiegeladen, fein nuanciert, mit viel Schmelz und der notwendigen Dramatik ausgestattet, verleiht die Wienerin der Tochter des Komturs ihre exquisite Stimme und kann wiederholt beinahe zu Tränen rühren. Diese ausdrucksstarke, dramatische Stimme gleicht einem Zaubertrank, dessen Wirkung einer geheimnisvollen Mixtur eines Aphrodisiakums und eines Narkotikums entsprungen scheint – reizend, süß, betörend und atemberaubend zugleich. Ohne Wenn und Aber, Kristiane Kaisers Deklamation gedeiht in regelmäßigen Abständen zum multiplen Höhepunkt des Abends!

An der Volksoper zwar eine Punk-Göre mit rosaroter Stachelfrisur anstatt der vornehmen Dame aus Burgos muss diese Donna Elvira dennoch keinen edlen Vergleich scheuen: Eine derart voluminöse, tragende Stimme, die sicher intoniert und Aufsehen erregt, steht auch an größeren Opernhäusern nicht täglich auf dem Spielplan. Lediglich der Frage, ob diese Donna Elvira mit der hessischen Sopranistin Caroline Melzer nicht zu dramatisch besetzt wurde, muss sich Direktor Robert Meyer, 65, stellen, der das opulente Spektakel aus einer Loge hautnah mitverfolgt. Der Kontrast zwischen dieser lyrisch-notierten Partie und der dramatischen Koloraturpartie der Donna Anna dürfte zu gering ausgefallen sein.

Abgerundet wird das Mozart‘ sche Dramma giocoso durch eine solide Besetzung der Bäuerin Zerlina, dargestellt von der Soubrette Claudia Goebl, und deren Geliebten Masetto, den Daniel Ohlenschläger im Jean-Paul-Gaultier-Look, mit sicherer Bassstimme, bemerkenswert in Szene setzt.

Auch das Orchester der Volksoper Wien agiert unter der Leitung des Großmeisters Alfred Eschwé, 69, in Höchstform und gestaltet die musikalische Reise des grazilen Frauenschwarms temperamentvoll, farbenreich und sogar bei der Schlussszene dynamisch ergreifend. Zwar wenig furchterregend, aber mit feiner Klinge und edlem Timbre vorgetragen, erklingt der Komtur des freischaffenden Sängers Andreas Mitschke, 60.

Trotz fehlender Höllenfahrt bietet diese Wiederaufnahme, in der ein Großteil der Protagonisten sowohl in deutscher als auch in italienischer Sprache singen müssen, mehr als „nur“ hörens– und sehenswertes Musiktheater. Mittendrin, statt nur dabei, heißt es in der traditionsreichen Volksoper, die in diesem Jahr ihr 120-jähriges Jubiläum feiert. Egal ob Sänger, Musiker, Bühnenarbeiter oder Maestro suggeritore, alle werden sie in das lustige Drama eingebunden.

Regisseur, Maler und Bühnenbildner Achim Freyer lässt die Konturen zwischen der Realität und der Bühne fließend zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen. Der Meisterschüler Berthold Brechts hält dem Publikum einen Spiegel vor die Nase. Ein Publikum, das nach Don Giovannis Tod nachdrücklich aufgefordert wird an der prächtigen Tafel auf der Bühne Platz zu nehmen, sich an den Überresten der personifizierten Versuchung zu bedienen.

Einige Mutige ergreifen die seltene Gelegenheit beim Schopf. Einmal Bühnenluft schnuppern, einmal die Bretter der Welt erobern – dieser süßen Verlockung würden sicherlich viele Besucher gerne nachgeben, doch die soziale Konditionierung, die Scham seine tiefsten Wünsche auszuleben, die Fesseln der Vernunft gewinnen die Oberhand, sind stärker als das innere Verlangen. Es kann eben nicht jeder ein Don Giovanni sein, nur die Glorreichen begeben sich auf die Bühne ins „Ristorante Giovanni“, wo dessen zu Würstel verarbeiteter Kadaver genussvoll verspeist wird.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 22. Dezember 2018, für
klassik-begeistert.at und klassik-begeistert.de

Alfred Eschwé, Dirigent
Achim Freyer, Regie, Bühnenbild, Kostüme und Licht
Holger Kristen, Choreinstudierung

Günter Haumer, Don Giovanni
Andreas Mitschke, Komtur
Kristiane Kaiser, Donna Anna
JunHo YouDon Ottavio
Caroline MelzerDonna Elvira
Yasushi HiranoLeporello
Daniel OhlenschlägerMasetto
Claudia GoeblZerlina

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