Hier eine schnelle Pirouette, dort eine feine Drehung: Gouneo schwebt im Luftraum der Bayerischen Staatsoper wie ein farbenfroher Gasluftballon, der stetig in neue Sphären aufsteigt

Yuri Grigorovich/Aram Chatschaturjan, Spartacus,  Bayerische Staatsoper, München

Foto: Hösl (c)
Bayerische Staatsoper,
München, 5. Januar 2018
Yuri Grigorovich/Aram Chatschaturjan, Spartacus
Ensemble des Bayerischen Staatsorchesters unter der Leitung von Karen Durgaryan
Osiel Gouneo (Spartacus); Jinhao Zhang (Crassus); Ivy Amista (Phrygia); Ksenia Ryzhkova (Aegina); Erik Murzagaliyev (Gladiator)

von Raphael Eckardt

Mit Yuri Grigorovichs „Spartacus“ läuft derzeit in München eine Ballettproduktion über die Bühne, die nicht nur im Süden Deutschlands auf sich aufmerksam macht. Dies liegt wohl nicht nur am mittlerweile auf Weltniveau agierenden Münchner Ballettensemble, sondern auch daran, dass man sich ausgerechnet im konservativen Bayern vor gut einem Jahr mit als erstes (westliches Opernhaus) getraut hat, dieses im Kalten Krieg entstandene, monumental-politische Werk ins Repertoire aufzunehmen. Die Geschichte des Sklaven Spartacus, der sich heldenhaft gegen seine Unterdrücker auflehnt und am Ende trotz unbändiger Tapferkeit doch unterliegt, kann durchaus als die einer ausgebeuteten Arbeiterschaft interpretiert werden, die im – dem kapitalistischen Westen trotzenden – Sozialismus hart für ihre Freiheiten kämpfen musste.

Fürs Ballett ungewohnt schwere Kost, die einem da an diesem verregneten Januartag in München serviert wurde. Und doch wirkte alles in leicht magischem Glanz verhüllt: Fein, verschnörkelt und unfassbar präzise. Den grandiosen Tänzern des Abends sei Dank!

Nachdem Yuri Grigorovich 1964 Direktor des Bolschoi geworden war, krempelte er eine frühe Version des „Spartacus“ in Zusammenarbeit mit dem armenischen Komponisten Aram Chatschaturjan kräftig um, kürzte sie auf drei Stunden Spieldauer und versah sie mit der Musik eines Komponisten, der in Musikerkreisen nicht selten als einer der größten sowjetischen Komponisten aller Zeiten verehrt wird. Vehemente Ensembleszenen und Kraftmeierei wechseln sich in Grigorovichs Neukonzipierung mit dezenten, weichzeichnenden Solopassagen des Hauptfiguren Quartetts ab. Da wirkt nichts aufgeplustert, nichts überspitzt! Nein, das ist eine in sich stimmige Konzipierung, die man in dieser Qualität im Ballett des letzten Jahrhunderts selten erlebt. Bravo!

Osiel Gouneo (Spartacus) und Jinhao Zhang (Crassus) schmettern an diesem Abend eine Fabelleistung aufs Parkett, die man auch im tänzerisch verwöhnten München oft vergeblich sucht. Der junge Kubaner, der bei internationalen Wettbewerben bereits zahlreich dekoriert wurde, tanzt die Titelrolle in einer Manier, bei der man die Gesetze der Schwerkraft scheinbar aufheben können muss. Hier eine schnelle Pirouette, dort eine feine Drehung: Gouneo schwebt im Luftraum der Bayerischen Staatsoper wie ein farbenfroher Gasluftballon, der stetig in neue Sphären aufsteigt. Fabelhaft!

Ähnliches gilt für Ksenia Ryzhkova (Aegina). Mit einer feurig-scharfen Perfektion fackelt die junge Russin ein Feuerwerk der Gefühle ab, das rein ästhetisch betrachtet absolut in der Kategorie Weltklasse anzusiedeln ist. Ja, da ist nicht nur unsagbares athletisches Talent vorhanden, sondern auch eine gewaltige Portion Musikverständnis.

Chatschaturjans Musik ist keinesfalls durchsichtige, unkomplexe Musik, nein, das ist hoch komplizierte, vielschichtige Musik, die man bis in ihr innerstes durchdrungen haben muss. Da erstaunt es umso mehr, dass neben Ryzhkova auch Ivy Amista eine an wilde Gefühle gefesselte Performance zelebriert, die sich wunderbar rund in die tänzerische Szenerie des Abends einfügt. Mein lieber Freund, sind diese Tänzer gut!

Das bei Ballettdarbietungen nicht immer auftrumpfende Bayerische Staatsorchester sorgte dann wohl für die größte Überraschung des Abends. Bereits vergangenen Sommer durfte ich den „Spartacus“ in München besuchen und war damals von der musikalischen Tiefe des Abends nur wenig begeistert. An diesem Abend hob es das Publikum aber teilweise völlig verblüfft von den Sesseln! Dies lag vermutlich auch daran, dass die musikalische Leitung diesmal einem Landsmann Chatschaturjans anvertraut wurde, der in seiner Ausbildung maßgeblich durch den Komponisten mitgeprägt wurde.

Mit beeindruckender Sicherheit kämpfen sich Karen Durgaryan und sein Orchester an diesem Abend durch den oft endlos wirkenden musikalischen Dschungel Chatschaturjans. Hier feine Pianissimotremoli in den Streichern, dort eine sich langsam aufbäumende Bläserglut. Dieser Farbenreichtum, diese motivische Vielfalt! Fantastisch! Durgaryan gelingt an diesem Abend ein Coup, an dem viele seiner Vorgänger gescheitert sind: Einen in unseren Breiten noch eher unbekannten Komponisten in einer Art und Weise zu präsentieren, die einen dahinschmelzen und träumen lässt.

Und da sind sogar die konservativen Herrschaften im doch sehr speziellen Ballettpublikum von den Socken! Mit stehenden Ovationen wird lautstark applaudiert, hier und da sind einzelne „Bravi“-Rufe zu hören. Oh München, würdest du Ballettproduktionen von dieser Klasse doch nur öfter zeigen!

Raphael Eckardt, 6. Januar 2017, für
klassik-begeistert.de

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