„Side by Side“: 200-fache Mädchenpower sorgt für ein klangliches Feuerwerk der Extraklasse

1. Deutsches Mädchenchorfestival der Chorakademie Dortmund,  Konzerthaus Dortmund, 8. März 2019

Foto: Finn Löw © Jugendmädchenchor der Chorakademie Dortmund / Leitung: Kelley Marie Sundin

Konzerthaus Dortmund, 8. März 2019
1. Deutsches Mädchenchorfestival der Chorakademie Dortmund

von Ingo Luther

Die Regensburger Domspatzen, der Tölzer Knabenchor, die Wiener Sängerknaben – wer kennt diese Namen nicht? Einen männlichen Jugendchor zu benennen, fällt niemandem wirklich schwer. Aber welche Mädchenchöre können wir denn aus dem Stehgreif aufzählen…?!? Da sieht es dann plötzlich ganz anders aus, und ratlose Gesichter sind eine nicht seltene Reaktion.

Allerhöchste Zeit hieran einmal etwas zu ändern! Die Chorakademie Dortmund – Europa’s größte „Singschule“ mit über 1.000 Sängern und Sängerinnen in 30 Chören – lud daher zum 1. Deutschen Mädchenchorfestival nach Dortmund ein. Passend hierzu wurde das Datum des Internationalen Weltfrauentages am 8. März gewählt. „Side by Side – gemeinsam vereint zu einer hörbaren Stimme lässt sich in der Welt mehr bewegen und erreichen als allein“ – unter dieses Motto wurde der Abend im Konzerthaus Dortmund gestellt. 

Das im September 2002 eingeweihte Konzerthaus an der Dortmunder Brückstraße, welches in seiner Akustik an den Saal des Wiener Musikvereins angelehnt wurde, konnte als herausragender Austragungsort für diesen Abend gebucht werden. Ein echter Glücksgriff – sind die zwölf Holzsegel über dem Podium doch in der Lage gerade bei Chorwerken den Klang in magischer Weise zu reflektieren. Hier entsteht ein Klangerlebnis, mit dem sich Dortmund durchaus in die erste Reihe der europäischen Akustiktempel einreihen darf.

Kelley Marie Sundin stammt aus Minnesota, USA. Im letzten Jahr übernahm die Dirigentin und Mezzosopranistin die Leitung des Chorbereichs der Folkwang Musikschule der Stadt Essen. Unter ihrer künstlerischen Leitung avancierte der Jugendmädchenchor der Chorakademie Dortmund zu einem preisgekrönten Vokalensemble. Zusammen mit der Projektleiterin des Chores, Carina Janke, entstanden Idee und Umsetzung für ein erstes Deutsches Mädchenchorfestival.

Die geballte Mädchen-Power und die vokale Energie von 200 jungen Sängerinnen waren es dann, die das nahezu ausverkaufte Haus an diesem Abend mit einem knallbunten Crossover-Mix von klassischen Chorwerken bis hin zu populären Klängen zu wahren Begeisterungsstürmen hinreißen konnten.

Mit „Verleih uns Frieden“, einer an diesem Abend uraufgeführten, experimentellen Komposition von Sabine Wüsthoff, konnte das Konzert bereits zu Beginn mit einem Gänsehauteffekt aufwarten: Aus allen Winkeln vor und neben der Bühne und unter gedämpftem Lichtspiel hielten alle beteiligten Chöre Einzug und vereinten sich zu einer ausdrucksstarken, hochklassigen Klangdemonstration junger Mädchenstimmen. 

Die bereits mit der Geschwister-Mendelssohn-Medaille für herausragende Verdienste um das Berliner Chorleben dekorierte Sabine Wüsthoff leitet den Berliner Mädchenchor seit 1998. Die vielseitige Musikerin hat den Chor zu einem auf nationalem wie internationalem Parkett beachteten Klangkörper entwickelt. Die zu Gehör gebrachten Volkslieder „Ach, bitt’rer Winter“ (Arr.: Michael Gohl), „So treiben wir den Winter aus“ (Arr.: Harald Genzmer) über „Salut Printemps“ von Claude Debussy bis hin zu „Catch a falling Star“ von Bob Chilcott wiesen musikalisch eindrucksvoll den Weg aus dem Winter in Richtung wärmerer Tage.

Die gastgebenden Sängerinnen der Chorakademie Dortmund  unter der Leitung von Kelley Marie Sundin gaben mit „Even when he is silent“ (Kim André Arnesen) und dem mitreißenden „One Voice“ (Ruth Moody, Art.: Marcelline Moody) eine erste Kostprobe ihres Leistungsvermögens ab. 

Zum absoluten Höhepunkt vor der Pause geriet die Messe Nr. 6 des ungarischen Komponisten György Orban: Feierlich, inspiriert und mit inbrünstiger Leidenschaft brachten alle beteiligten Chöre dieses leider viel zu selten aufgeführte Werk auf die Bühne. Besonders beachtlich: Die Sängerinnen hatten sich erst am Morgen dieses Tages zum ersten Mal getroffen und konnten gemeinsam miteinander proben! Im abschließenden „Agnus Dei“ wurde noch einmal eindrücklich das hohe musikalische Niveau dieses Abends offenkundig. Bravi! 

Durch das Programm führte eine weitere starke Frau: Der Sopranistin Heike Susanne Daum, die in ihrer erfolgreichen Karriere unzählige Frauenrollen am Nationaltheater Mannheim, der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf und vielen anderen europäischen Häusern verkörperte,  gelang an diesem Abend durch ihre originelle, feingeistige Moderation eine perfekte Verknüpfung der einzelnen Programmelemente. Instrumental begleitet wurde der Abend von Stephan Görg (Piano), Sebastian Görg (Percussion) und Katharina Wolf (Bass). 

Der Mädchenchor am Kölner Dom eröffnete mit drei sakralen Kurzwerken den zweiten Teil des Konzertes. 1996 übernahm Domkantor Oliver Sperling den Mädchenchor am Kölner Dom und entwickelte ihn seit dem zu einem der renommiertesten Kathedralchöre im europäischen Raum. Insbesondere im „Herr Du hast mich erforscht“ (Psalm 139) von Klaus Wallrath kommt die akkurate Intonation und die glasklare Textverständlichkeit dieses Mädchenchores besonders zum Ausdruck. Ein energiegeladen vorgetragenes „Dynamite“ (Arr.: Jan-Hendrik Herrmann) unterstrich eindrucksvoll die musikalische Flexibilität dieses Chores. 

Nachdem der Jugendmädchenchor der Konzertakademie Dortmund noch einmal einen bunten Querschnitt durch sein abwechslungsreiches Repertoire – darunter ein herrlich akzentuiertes „Deo Gracias“ aus „A Ceremony of Carols“ von Benjamin Britten – darbieten durfte, kann auch die Moderatorin des Abends noch einmal eine Kostprobe ihrer stimmlichen Fähigkeiten abliefern: Heike Susanne Daum bringt mit ihrer kraftvollen Interpretation von „Still I Rise“ von Rosephanye Powell die Bühne des Dortmunder Konzerthauses zum Beben.

Sind dies nicht die Sternstunden für jeden Musikfreund, wenn 200 Stimmen sich zu einem Wohlklang vereinigen, der jeden Quadratzentimeter Luft zum Vibrieren bringt und mit einem rauschhaften Tonfeuerwerk erleuchtet? In diesen Zustand konnten die jungen Sängerinnen ihr Publikum an diesem Abend gleich mehrfach versetzen. Im großen Finale mit dem hymnischen „Sing to bring us together“ von Jim Papoulis offenbart sich noch einmal die ganze Faszination dieses magischen Zusammenwirkens der Stimmen aller beteiligten Chöre, die das Publikum am Ende im wahrsten Sinne „aus den Sitzen reißt“. 

Lang anhaltender Beifall im Stehen ist der Lohn für ein großartiges, grandios organisiertes Konzertereignis, welches im 2. Deutschen Mädchenchorfestival hoffentlich seine Fortsetzung finden wird. Vielleicht wurde an diesem Abend ja eine Tradition begründet, die noch viele Weltfrauentage überdauern wird…?!? Alle Beteiligten und das restlos begeisterte Publikum werden diesen Abend im Dortmunder Konzerthaus jedenfalls nicht so schnell vergessen.

Ingo Luther, 9. März 2019,
für klassik-begeistert.de

Jugendmädchenchor der Chorakademie Dortmund, Leitung Kelley Marie Sundin
Sängerinnen des Jugendkonzertchores der Chorakademie Dortmund
Berliner Mädchenchor, Leitung Sabine Wüsthoff
Mädchenchor am Kölner Dom, Leitung Oliver Sperling
Moderation, Heike Susanne Daum

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