10 Fragen an Izabella Effenberg: "In der Krise werden die schlechtesten Eigenschaften herausgekehrt"

10 Fragen an Izabella Effenberg  klassik-begeistert.de

Die polnische Musikerin Izabella Effenberg zählt zu den wenigen Jazz-Vibraphonistinnen in Europa und ist die erste in Polen. Nach einem klassischen Schlagzeugstudium in Posen und Danzig absolvierte sie ein Jazzstudium und schloss einen Masterstudiengang in Jazz Mallets an der Musikhochschule in Nürnberg ab. Izabella Effenberg hat ein Faible für seltene Instrumente. So kommen bei ihren Auftritten neben dem Vibraphon zum Beispiel eine Array Mbira, eine große chromatische Kalimba und eine Glasharfe zum Einsatz. Sie ist immer auf der Suche nach neuen Instrumenten und musikalischen Herausforderungen. Die achtfache polnische Karatemeisterin ist mit vielen namhaften Künstlern aufgetreten, unter anderem mit Tony Lakatos, Jan Lundgren, Magnus Öström, Lars Danielsson, um nur einige zu nennen. Sie begründete das Vibraphonissimo-Festival in Nürnberg. Die umtriebige Künstlerin verbringt nun ihre Zeit mit ihrem Ehemann und dem fast dreijährigen Sohn in der gemeinsamen Wohnung in Nürnberg.

Interview: Dr. Petra Spelzhaus
Fotos von Tomasz Kowalczuk (c) / wikipedia.de (c)

klassik-begeistert.de: Witam, pani Effenberg. Was haben Sie vor einem Jahr getan, und wie sieht Ihr Alltag heute aus?

Izabella Effenberg: Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht mehr genau erinnern, was ich im März 2019 gemacht habe. Der Januar und Februar sind durch das Vibraphonissimo-Festival immer sehr intensiv. Im März war ich wahrscheinlich mit einer Festivalvorbereitung, Gigs ausmachen und Üben beschäftigt. Ich habe auch die Gluck-Festspiele für den Juli 2019 vorbereitet. Ende März müsste ich im Urlaub in unserem Häuschen in Spanien gewesen sein. Heute verbringe ich die Zeit mit meinem Mann, der ebenfalls Musiker ist, und unserem Sohn daheim in Nürnberg. Wir wohnen nahe einem Naturschutzgebiet und verbringen viel Zeit dort, Spaziergänge oder Joggen. Ich habe den Garten aufgeräumt. Neuerdings kommt viel Licht durch unsere Fenster, da ich sie das erste Mal seit sechs Jahren geputzt habe. Gerade nehme ich mit Mulo Francel und anderen Musikern eine CD auf. Erfreulicherweise haben wir eine Produktionsgenehmigung unter Wahrung des Corona-bedingten Sicherheitsabstandes erhalten.

Nennen Sie bitte drei Schlagworte, wenn Sie das Wort Corona hören…

Überforderung (schon wieder…), Surrealismus (es ist immer Sonntag), Hoffnung (etwas Neues/Besseres wird passieren).

Welches sind die einschneidendsten Veränderungen seit Ausbruch der Corona-Pandemie? Können Sie ihr auch etwas Positives abgewinnen?

Mir fehlt meine Arbeitsroutine. Normalerweise habe ich vier bis fünf Stunden für meine Arbeit zur Verfügung, die mir eine Struktur geben. Jetzt ist jeder Tag chaotisch, wie nach der Geburt meines Kindes.  Außerdem fallen eine große Mbira-Präsentation in Polen sowie mehrere schöne Konzerte aus, zum Beispiel auf dem Jazzfestival Schaffhausen. Positiv ist die gemeinsame Zeit in der Familie. Unser Sohn gedeiht prächtig, wir probieren viele Instrumente mit ihm aus. Und ich habe mir kurz vor der Corona-Krise eine Steel Drum gekauft. Jetzt habe ich genug Zeit, dieses Instrument zu lernen.

Womit verdienen Sie sich normalerweise ihre Brötchen? Wie ist die Situation nach Aussetzen sämtlicher kultureller Veranstaltungen?

Mein Geld verdiene ich mit Gigs, Workshops, GEMA-Einnahmen, Instrumentenpräsentationen und CD-Produktionen. Aktuell erhalte ich noch Zahlungen von mehreren Konzerten im März und von der GEMA. Ab Mai sind wir auf die Einnahmen meines Ehemanns angewiesen, der unter anderem als Musiklehrer und Dozent arbeitet.

Wie gelingt es einem Musiker, ohne Publikum bei Laune zu bleiben?

Das ist sehr schwer. Aber man kann auch alleine durch Üben bei Laune bleiben. Mit meiner neuen Steel Drum gibt es für mich viel zu entdecken.

Eine Frage, die mich besonders interessiert: Mit welchem Musikwerk stimulieren Sie Ihr Immunsystem?

Das ändert sich ständig, je nach aktueller Inspiration. Zurzeit beschäftige ich mich viel mit dem Steel Drummer Othello Molineaux. Und die aktuelle CD vom Schlagzeuger Jorge Rossi gibt mir viel Energie.

Foto von Tomasz Kowalczuk

Momentan verbringen viele Musikliebhaber viel Zeit in ihren eigenen vier Wänden. Gibt es ein Buch, eine CD oder auch Streamingangebot, das Sie uns dringend empfehlen würden?

Meine Empfehlung ist, dass man sich mit Ausnahmeinstrumenten auseinandersetzt. Es gibt zum Beispiel namhafte musikalische Glaskünstler in Polen, die der Philharmonie entstammen. Sie haben die größte Glasharfe der Welt gebaut. Am 8. April 2020 läuft in der Jazztime von BR Klassik ein Mitschnitt meines Konzertes mit Lars Danielsson und Magnus Öström im Rahmen des 7. Vibraphonissimo-Festivals. Das sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen.

https://www.br-klassik.de/programm/radio/ausstrahlung-2037762.html

Kommen wir zur ersten Frage zurück: Wo sehen Sie sich in einem Jahr?

In einem Jahr habe ich mein Festival Vibraphonissimo wieder einen Schritt voran geführt. Das Festival 2021 ist den Frauen gewidmet. Es soll den Austausch und das Netzwerken von Frauen fördern. Außerdem mache ich mehr Instrumentenpräsentationen, Workshops und Projekte mit anderen Musikern.

Es gibt Zukunftsforscher, die nach überstandener Corona-Krise eine Verbesserung des Weltklimas – ökologisch wie sozial – prophezeien. Teilen Sie diese Einschätzung? Wie ist Ihre Vision?

Ich hoffe, dass es eine Besserung gibt. Aber ich interessiere mich auch für Geschichte. Letztendlich machen die Menschen das, was sie immer gemacht haben. Und in der Armut, in der Krise können sie wie Tiere aufeinander losgehen. Die schlechtesten Eigenschaften werden dann herausgekehrt. Leider befürchte ich auch ein Hauen und Stechen unter den Musikern, sobald wieder Gigs möglich sind.

Schauen wir in die Glaskugel: Die Heilige Corona, auch Schutzpatronin gegen Seuchen, hat ein Einsehen mit uns und beendet die Pandemie. Alle Musikclubs, Theater und Opernhäuser öffnen wieder. Für Ihren ersten Auftritt haben Sie drei Wünsche frei: Wo, in welcher Produktion und mit wem teilen Sie die Bühne?

So ganz kann ich mich noch nicht entscheiden. Ich würde gerne ein Konzert mit dem norwegischen Pianisten Bugge Wesseltoft an einem noch unbekannten Ort in Nürnberg spielen. Andererseits möchte ich wieder mit Lars Danielsson und Magnus Öström auftreten, dann mit der Steel Drum. Ein Auftritt mit Band und Harfe wäre auch toll. Ich weiß es nicht…

Vielen Dank für dieses Interview – dzięnkuję bardzo!

Das Gespräch führte Dr. Petra Spelzhaus

Dr. Petra Spelzhaus, München

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