10 Fragen an den Bass-Bariton Carsten Wittmoser: "Ich habe Angst, dass viele Menschen alles wieder vergessen werden"

Interview: 10 Fragen an Carsten Wittmoser, Bass-Bariton  klassik-begeistert.de

Der Bass-Bariton Carsten Wittmoser begann seine Karriere als festes Ensemblemitglied an der Staatsoper Stuttgart. Darauf folgten das Landestheater Linz, das Theater Freiburg und die Staatsoper Hamburg. Seither ist er freischaffend tätig. Seine Karriere führte ihn unter anderem zu den Bayreuther Festspielen, Luzern, dem Gergiev Festival in Rotterdam, dem Bard Summerscape in New York und zu Festspielen in Taiwan und Singapore. Er gastierte in einigen der wichtigsten Konzertsäle wie dem Musikverein in Wien, dem Sala Sao Paulo, dem Herkulessaal in München, dem Brucknerhaus in Linz, dem KKL in Luzern und der Carnegie Hall in New York. Er arbeitete unter anderem mit bedeutenden Dirigenten wie Christian Thielemann, Valery Gergiev, Mariss Jansons, Michael Boder, Simone Young, Ton Koopman, Pinchas Steinberg, Paavo Järvi, Semyon Bychkov, Sebastian Weigle, Dennis Russel Davies und James Levine.

Sein Repertoire umfasst Bass- und Bass-Bariton Partien wie Rocco und Pizarro in Fidelio, Don Basilio in Il Barbiere di Seviglia, Escamillo in Carmen, Scarpia in Tosca, die Bösewichte in Hoffmann und die Titelpartie in Der fliegende Holländer. 2016 debütierte Carsten Wittmoser an der Metropolitan Opera New York als Kurwenal in Tristan und Isolde unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Vor kurzem sang er seinen ersten Rheingold.Wotan mit der Transsylvanischen Staatsphilharmonie in Rumänien.

Barbara Hauter telefonierte für klassik-begeistert mit dem in Mexiko lebenden Bass-Bariton

klassik-begeistert.de: Was haben Sie vor einem Jahr getan, und wie sieht Ihr Alltag heute aus?

Carsten Wittmoser: Vor einem Jahr habe ich mich auf ein Opern-Air-Konzert vor 20.000 Menschen in Mexico City vorbereitet. Da haben wir zusammen mit dem Orquesta Filarmónica de la Ciudad Verdis Requiem aufgeführt. Das ist eine Aktion, bei der wir Menschen, die sich sonst kein Ticket für eine Klassikaufführung leisten können oder einfach noch nie Klassik gehört haben, Zugang zu solchen monumentalen Werken bieten. Im Jahr davor haben wir Beethovens 9. auf dem Zócalo in Mexico City gegeben, auch vor ungefähr 20.000 Zuhörern. Väter haben ihre Kinder auf die Schulter genommen und die Menschen haben uns Gracias zugerufen. Das war sehr bewegend für mich. Ich kam mir vor wie ein Missionar der klassischen Musik. Heute bin ich mit meiner Familie zusammen zu Hause, in Querétaro, nördlich von  México City, und aufgrund der Coronasituation verlassen wir das Haus auch so wenig wie möglich. Eigentlich wollten wir Ende April wieder Beethovens 9. aufführen…

Beethovens 9. Sinfonie auf dem Zócalo in Mexico City vor 20.000 Zuhörern im Jahr 2018.

Nennen Sie bitte drei Schlagworte, wenn Sie das Wort Corona hören…

Ungewissheit, Einschränkung, Gesundheit

Welches sind die einschneidendsten Veränderungen seit Ausbruch der Corona-Pandemie? Können Sie ihr auch etwas Positives abgewinnen?

Für uns Freischaffende ist Corona rein beruflich ein Desaster, da viele Konzerte und Opernproduktionen abgesagt werden. Da man sich auf Seiten der Veranstalter auf höhere Gewalt beruft, erhalten wir kein Geld. Der Gürtel muss mächtig enger geschnallt werden. Ohne Zweifel hat man mehr Zeit für die Familie, das Leben verliert etwas an Eile und es kommt zu Unterhaltungen, intensiven Momenten, die im normalen Tagesablauf keine Zeit finden. Daher empfinde ich es nicht als schrecklich, zuhause bleiben zu müssen. Ich lebe mit meiner Frau, der Sopranistin Gabriela Herrera, unserem 17jährigen Sohn und unserer 13jährigen Tochter in einem schönen Haus mit Garten. Unsere Tochter singt den ganzen Tag, ich jogge. Das Klima hier auf 2000 Meter Höhe ist warm, aber trocken und daher angenehm für Sport.

Wie schaffen Sie es als Künstler, die finanziellen Verluste aufzufangen? Wie würde Ihrer Meinung nach ein geeigneter Rettungsschirm aussehen?

Wir sind freischaffende Opernsänger, sowohl ich als auch meine Frau. Es trifft uns also doppelt hart. Wir haben in den letzten Jahren begonnen, ein neues Standbein hinzuzufügen, Unterricht. Meine Frau arbeitet mittlerweile als Professorin für Gesang an einer privaten Universität, ich habe letztes Jahr ebenfalls begonnen, an einem Konservatorium zu unterrichten. Beide Einrichtungen geben uns die Freiheit, so wir denn Engagements angeboten bekommen, diese auch wahrzunehmen und die versäumten Unterrichtsstunden nachzuholen. Gott sei Dank haben wir diese Möglichkeit, sie hält uns jetzt über Wasser. Hier in Mexico gibt es sowas wie Arbeitslosengeld oder Hartz 4 nicht. Ich kann nur allen freischaffenden Kollegen empfehlen, die in Deutschland wohnen, zur Arbeitsagentur zu gehen. Ein Glück, dass es sowas in Deutschland gibt. Sie haben über Jahre eingezahlt, bitte keine Scheu haben, darauf nun auch mal zuzugreifen.

Wie gelingt es einem Sänger ohne Publikum bei Laune zu bleiben?

Ich liebe meinen Beruf, ich liebe es, zu singen, es ist wunderbar, wenn man damit Menschen erfreuen kann. Aber ich halte es für enorm wichtig, neben dem Gesang auch ein normales Leben zu haben, Familie, liebe Menschen, Gespräche über Gott und die Welt und eben nicht nur über den Beruf. Das ist für mich gesund für Herz und Seele, diesen Ausgleich zu haben. Sein Glück nur aus dem Erfolg als Sänger abzuleiten, ist sehr, sehr gefährlich.

Eine Frage, die mich besonders interessiert: Mit welchem Musikwerk stimulieren Sie Ihr Immunsystem?

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Wenn ich mich mal über das „Business“ ärgere, höre ich gerne alte Aufnahmen mit einigen meiner Lieblingssänger, dann bekomme ich wieder Lust! Ich denke da etwa an Franco Corelli, George London, Mirella Freni, Piero Cappuccilli und Nicolai Ghiaurov. Das Werk, dass mich wahrscheinlich am meisten aufwühlt, ist Mahlers 2. Symphonie „Auferstehung“. Dieses Werk ist so hoffnungsvoll, tröstend, sich über diese Welt und ihre nichtigen Probleme erhebend, ich fühle mich danach immer so entrückt und froh. Ich tanze aber auch sehr gerne! Zu vielen Musikrichtungen, auch mal zu Musik aus dem Radio, das hilft bestimmt auch dem Immunsystem.

Momentan verbringen viele Musikliebhaber viel Zeit in ihren eigenen vier Wänden. Gibt es ein Buch, eine CD oder auch Streamingangebot, das Sie uns dringend empfehlen würden?

Ganz profan Youtube. Da findet man häufig auch Schätze, alte Aufnahmen von Arien, von Orchesterwerken, von Operngesamtaufnahmen. Was ich ans Herz legen kann, ist die Lohengrin-Aufnahme mit Walter Berry und Christa Ludwig. Die Gesamtaufnahme hat jemand Akt für Akt in Youtube eingestellt. Absolut hörenswert!

Also PIZARRO in Ludwig van Beethovens FIDELIO,
Detroit Opera House

Kommen wir zur ersten Frage zurück: Wo sehen Sie sich in einem Jahr?

Hoffentlich wieder „back to normal“ mit Konzerten, Opernproduktionen, die nicht abgesagt werden und den Beruf wieder genießen könnend! Ich wünsche mir sehr, dass wir bis dahin auch unsere Klassik-Mission wieder aufgenommen haben. Wir wollen nochmal, jetzt im Beethoven- Jahr, die 9. aufführen, wieder als Open-Air mit 20.000 Zuhörern.

Es gibt Zukunftsforscher, die nach überstandener Corona-Krise eine Verbesserung des Weltklimas – ökologisch wie sozial – prophezeien. Teilen Sie diese Einschätzung? Wie ist Ihre Vision?

Ich denke es ist eine große Chance, die wir da, bei allem Leid, erhalten haben. Ich hoffe, dass Populisten, Narzissten nicht mehr den Zulauf haben werden, da die Menschen merken, worauf es wirklich ankommt: menschliche Nähe, Gesundheit, Glück. Und eben nicht Geld, Macht, Erfolg, Anerkennung um jeden Preis. Ich habe aber ein wenig Angst, dass, sobald sich alles beruhigt hat, viele Menschen alles wieder vergessen werden. Die Geschichte zeigt das leider immer wieder, Menschen vergessen allzu viel allzu schnell. Hoffen wir, dass das diesmal anders wird!!!

Schauen wir in die Glaskugel: Die Heilige Corona, auch Schutzpatronin gegen Seuchen, hat ein Einsehen mit uns und beendet die Pandemie. Alle Musikclubs, Theater und Opernhäuser öffnen wieder. Für Ihren ersten Auftritt haben Sie drei Wünsche frei: Wo, in welcher Produktion und mit wem teilen Sie die Bühne?

Das ist nun wirklich schwer, es gibt so viele schöne Opernhäuser, so viele tolle Kollegen… Ich sage Ihnen einfach, welche Partie ich unbedingt noch singen möchte – und da wäre es mir fast egal wo! Jochanaan, Salome! Diese Partie bewegt mich tief, die Musik ist so intensiv, das haut mich jedes Mal vom Hocker, wenn ich sie höre.

Interview: Barbara Hauter, 2. April 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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