Die Bremer Philharmoniker imponieren mit unterhaltsamer Leichtigkeit und einem sinfonischen Schwergewicht

5. Philharmonisches Konzert: „Tradition mit Twist“  Bremer Konzerthaus Die Glocke, 13. Januar 2026

Hinter der Bühne beim 1. Philharmonischen Konzert der Bremer Philharmoniker, Bremen, 2023-09-25 © Caspar Sessler

5. Philharmonisches Konzert: „Tradition mit Twist“

Igor Strawinsky   Pulcinella Suite
Joseph Haydn  
Trompetenkonzert Es-Dur Hob. VIIe:1
Johannes Brahms
    Symphonie Nr. 3 F-Dur op. 90

Roman Lemmel   Trompete
Marko Letonja   Dirigent
Die Bremer Philharmoniker

Bremer Konzerthaus Die Glocke, 13. Januar 2026

von Dr. Gerd Klingeberg

Es mag auf den ersten Blick etwas einfallslos, aber durchaus auch mutig anmuten, einen Solisten aus den eigenen Reihen zu stellen, noch dazu mit einem Werk, das seit Generationen als Pflichtstück jedes halbwegs fortgeschritteneren Trompeters gilt.

Doch entsprechend kritische Einschätzungen hatten sich schon nach wenigen Takten von Haydns bekanntem Trompetenkonzert erledigt. Denn es war durchaus interessant, einen Musiker wie Roman Lemmel, Solotrompeter der Bremer Philharmoniker, nicht in den hinteren Reihen, sondern einmal vor dem Orchester zu sehen. Und zugleich seine musikantischen Qualitäten nicht in orchestraler Gesamtheit, sondern individuell zu erleben.
Und damit konnte der sympathische junge Musiker auf ganzer Linie überzeugen. Ansatz und Intonation erfolgten durchweg blitzsauber, mit energisch kernigem, aber nichtsdestotrotz sauber entgratetem Ton.
Perfekt geriet das Wechselspiel mit dem Orchester im Kopfsatz. Der Mittelsatz wirkte zunächst fast eine Spur zu flott: Man erlebt ihn nicht selten weihevoller, romantischer. Aber Haydn hat ein schlichtes Andante vorgegeben, kein Adagio. Und genauso trug Lemmel es vor, pastoral und warmtönig in fließendem Legato. Um dann im anschließenden Allegro-Satz mit ausgeprägter Virtuosität und reichlich Schwung zu brillieren. Das war Haydns Trompetenkonzert: tadellos entstaubt, und so frisch wie ein neuer Frühling!

PHIL Roman Lemmel © Caspar Sessler
Ein tolles Geburtstagsständchen und Strawinsky-„Barock“ vom Feinsten

Ungewöhnlich, dass der begeistert bejubelte Solist vom Chefdirigenten persönlich einen Blumenstrauß überreicht bekam. Letonja gab die Erklärung: Lemmel feierte just an diesem Tag seinen 27. Geburtstag. Als Zugabe startete er mit einer leicht verjazzten Version von „Amazing Grace“, wurde aber nach einer Strophe in bester Marching-Band-Manier begleitet von vier seiner Bläserkollegen (Horn, Trompete, 2 Posaunen). Ein tolles Geburtstagsständchen ganz besonderer Art, an dem auch das Publikum seine wahre Freude hatte.

Mit der achtsätzigen Pulcinella-Suite, bei der sich Strawinsky an barocken Kompositionsmodellen orientiert hat, waren die Bremer Philharmoniker unter der Leitung von Marko Letonja in das Konzert gestartet. Und zwar mit offensichtlicher Spielfreude und einer spritzig vitalen Interpretation, die den individuellen Charakter jedes einzelnen Abschnitts intensiv betonte.

Marko Letonja © Caspar Sessler

Der Kopfsatz erinnerte in seiner schwungvollen Ausführung an ein heiteres Quodlibet; bei der Serenata vermittelten Solo-Oboe und Violine die Stimmung eines schummerlichtigen Abendständchens. Als Höhepunkt erwies sich die Tarantella, die das gesamte Orchester in ungestüm straff tackerndem Metrum wahrhaft mitreißend absolvierte. Dagegen erinnerte das ruhig angegangene, von den tiefen Registern bestimmte Vivo an ein augenzwinkernd dargebotenes Elefantenballett, während das zunächst auch recht bedächtig und feierlich startende Minuetto zunehmend zum rasanten Finale mit unüberhörbarem Rausschmeißerpotenzial mutierte.

Klangdimensionen jenseits von Zeit und Raum

Nach derartig frohgemuter Jahresanfangsstimmung stand nach der Pause mit der Dritten von Brahms ein sinfonisches Schwergewicht auf dem Programm – mit großem Orchester und ganz großem „Vorhang“ der wuchtigen Einleitungsakkorde. Kernig bis ruppig ging es zu, aber gleichermaßen nachdenklich bis melancholisch, bei nuanciert ausgeformten dynamischen Entwicklungen oder eruptiv donnernden Fortissimos, mit einem über den gesamten Satz reichenden Spannungsbogen.

Gemütvoll lieblich erfolgte der Beginn des Andante-Satzes, mit traumhaft schönen Pianissimo-Partien, ein Sinnieren von berührendem Ernst, ein Hineinbeamen in eine andere, eine ferne Dimensionen in einem Irgendwo jenseits von Zeit und Raum, die sich nach kurzem hymnischem Aufblühen im Nichts aufzulösen schienen.

Ähnlich ernst und grüblerisch, ruhevoll und dabei auch in leisen Passagen mit äußerster Klangdichte imponierend, folgte das „Poco allegretto“.
Der Finalsatz wurde, nach zunächst noch bedächtigem Einstieg, zu einem riesig dimensionierten Gemälde intensiver Klangfarben, erstellt von kraftstrotzenden Bläsern und vehement aufspielenden Streichern.

Dazwischen deutliche Rücknahmen, kurze Atempausen, um weitere Energiereserven zu mobilisieren. Aber nicht etwa für ein apotheotisch fulminantes Finale, sondern einen sehr behutsam gestalteten, im besten Wortsinn nach-denklichen Schluss, brillanzlos, aber besinnlich. Und gerade deswegen unter die Haut gehend.

Nur einen leider viel zu kurzen Moment dauerte es, dann setzte ungemein begeisterter Beifall ein.

Dr. Gerd Klingeberg, 14. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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