Wenn Trifonov Schubert spielt, wird es totenstill im Goldenen Saal

Matthias Goerne Bariton, Daniil Trifonov Klavier, Franz Schubert  Musikverein Wien, 28. November 2025

Daniil Trifonov und Matthias Goerne © Julia Wesely

Am dritten Abend des Schubert-Minifestivals spielte Daniil Trifonov die G-Dur Sonate D 894. Seine Interpretation ist von berückender Klangkultur geprägt, der das Publikum andächtig lauschte. Der folgende Schwanengesang mit Matthias Goerne war ein würdiger Abschluss.

 Franz Schubert

Sonate für Klavier G-Dur, D 894
Schwanengesang, D 957

Liederzyklus nach Texten von Ludwig Rellstab

Matthias Goerne  Bariton
Daniil Trifonov Klavier

Musikverein Wien, Großer Saal, 28. November 2025

von Dr. Rudi Frühwirth

Bei Schubert ist Trifonov kein Mann der lauten Töne. Das zeigte sich deutlich an seiner Interpretation der G-Dur Sonate, die er mit unglaublicher Delikatesse zu Gehör brachte. Sie zwang auch das Publikum zu höchster Konzentration – ich habe noch nicht oft eine so absolute Stille im Goldenen Saal erlebt. Selbst die jungen Damen in der Umgebung verstauten ihre Mobiltelefone in der Tasche, was zu meiner Bestürzung bei der Winterreise vor ein paar Tagen nicht immer der Fall war.

Das Hauptthema des ersten Satzes mit seinem charakteristischen punktierten Rhythmus kam mit einer unnachahmlichen Präzision und Klarheit. Das Seitenthema erklang süß und bezaubernd. Die geforderten dynamischen Steigerungen glänzten mit feinen Abstufungen der Lautstärke, die sich nur selten zu einem echten fortissimo entwickelte und dann auch gleich wieder zurückgenommen wurde. Nach der etwas turbulenteren Durchführung führte uns die Reprise wieder in die kontemplative Stimmung des Anfangs und endete still.

Der zweite Satz war innig gesungen, lyrisch und verhalten, aber doch von Spannung erfüllt. Im dritten Satz riss mich vor allem das Trio zu Begeisterung hin – wie schon an manchen Stellen der Schönen Müllerin entlockte Trifonov dem Steinway auf rätselhafte Weise Glockentöne, die unbeschreiblich süß über den Figuren der linken Hand schwebten. Und die Stelle gleich zu Beginn, wo sich das Moll des Scherzos zum Dur des Trios emporkämpft, kann wohl nicht schöner gespielt werden.

In dem ohne merkbare Unterbrechung anschließenden vierten Satz konnte Trifonov seiner stupenden Technik freien Lauf lassen. Das tänzerische Hauptthema spielte er mit sichtlicher Freude, die dynamische Bandbreite der folgenden virtuosen Passagen war etwas weiter gespannt als in den vorhergehenden Sätzen. Insgesamt entstand eine Interpretation, die das wunderbare Werk von Anfang bis Ende mit nicht nachlassender Intensität und pulsierendem Leben erfüllte. Das Publikum dankte begeistert.

Daniil Trifonov ⓒ Amar Mehmedinovic

Nach der Pause kam Trifonov wieder mit Matthias Goerne auf das Podium, um das kleine Schubertfestival mit dem Schwanengesang zu krönen. Dieser ist ja nicht bewusst als Zyklus angelegt, sondern vielmehr eine Sammlung von Liedern aus Schuberts letztem Lebensjahr. Die Texte stammen von Ludwig Rellstab und Heinrich Heine. Die Taubenpost mit Text von Johann Gabriel Seidl wurde in die Zugabe verbannt, dafür wurde das früher komponierte Lied Herbst mit Text von Rellstab zwischen Aufenthalt und In der Ferne gereiht.

Foto: Daniil Trifonov und Matthias Goerne. © Caroline Portes de Bon

Goerne war schon wie zwei Tage zuvor stimmlich nicht ganz auf der Höhe, seine Interpretation war trotzdem sehr beeindruckend. Die Liebesbotschaft sang er zurückhaltend, ohne große dynamische Bandbreite. Trifonovs Begleitung war hinreißend, das rauschende Bächlein der ersten Gedichtzeile rann förmlich aus dem Steinway. In Kriegers Ahnung legte Goerne seine Zurückhaltung ab, mächtig erklang sein Wotan-erprobter Bassbariton.

In der folgenden Frühlingssehnsucht wirkte seine Stimme nicht leicht und beweglich genug, und die fragenden Töne am Schluss jeder Strophe gelangen ihm nicht perfekt. Das Ständchen nahmen Trifonov und Goerne recht langsam und ganz unsentimental, ohne viel Pedaleinsatz. Auch im Aufenthalt hatte Goerne kleine Probleme in der Höhe; die schmerzliche Stimmung in Herbst brachte er dagegen vollendet zum Ausdruck, wie auch die ausgesprochen düstere Stimmung im Lied In der Ferne. Die ruhelose Klavierbegleitung im Abschied grundierte Goernes Stimme kontrastreich.

Die Gedichte von Heine sind literarisch deutlich wertvoller als die von Rellstab, und Schuberts Vertonungen sind zum Teil erstaunlich expressionistisch. Im ersten Lied, Der Atlas, ist keine Spur von Wohlklang; in Trifonovs und Goernes Interpretation ist höchste Verzweiflung zu hören. Auch in Ihr Bild wandelt sich die Stimmung von seliger Erinnerung in Bitternis und Resignation. Das Fischermädchen klang sanft und verführerisch, die unwirkliche Atmosphäre in Die Stadt wurde durch Trifonovs verschleiert vorgetragene Septakkorde beängstigend illustriert.

Daniil Trifonov ⓒ Amar Mehmedinovic

Die im Lied Am Meer erzählte Geschichte führt zu einem seelischen Ausbruch, den Sänger und Pianist in der letzten Strophe beeindruckend in Töne übersetzten. Der Schlusspunkt und für mich auch der Höhepunkt der Sammlung ist Der Doppelgänger. Die gespenstische, beklemmende Stimmung wurde durch die von Trifonov tonlos gespielten Akkorde sofort präsent, langsam bauten er und Goerne die Spannung auf, die sich dann in einem Paroxysmus des Erzählers entlud, der sich selbst und seine eigene Liebesqual erkennt.

Es war ein imposanter Abschluss des Schwanengesangs, des Abends und des dreitägigen kleinen Festivals. Das Publikum feierte die beiden Interpreten lautstark und ausgiebig. Als Zugabe folgte wie erwähnt die Taubenpost in einer leicht beschwingten Wiedergabe.  Die drei Abende werden mir lange im Gedächtnis bleiben.

Dr. Rudi Frühwirth, 29. November 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Matthias Goerne, Bariton, Daniil, Trifonov Klavier Musikverein Wien, Großer Saal, 24. November 2025

Goerne und Trifonov, Franz Schubert, Die schöne Müllerin Musikverein Wien, 26. November 2025

NDR Symphonieorchester / Matthias Goerne / Stanislav Kochanovsky Elbphilharmonie, 9. Mai 2024

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