"Sternstunden, die selbst zu den Sternen fliegen" – unsere Reporter berichten, Teil IV

Die Musik der klassik-begeistert AutorInnen, Teil IV  klassik-begeistert.de, 30. Dezember 2025

Elbphilharmonie, Hamburg © eberhardt-travel.de

Die Lieblingsmusik 2025 der klassik-begeistert-AutorInnen

Die Autorinnen und Autoren von klassik-begeistert.de besuchen mehr als 1000 Konzerte und Opern im Jahr. Europaweit! Als Klassik-Reporter sind sie ganz nah dran am Geschehen. Sie schreiben nicht über alte Kamellen, sondern bieten den Leserinnen und Lesern Stoffe aus den besten Opern- und Konzerthäusern der Welt. Was haben sie gehört, gespürt, gesehen, gefühlt, gerochen? 

Ich danke allen Klassik-Reportern von klassik-begeistert für die Begeisterung, mit der sie ihrem Handwerk nachgehen. Nur durch Euer Engagement, Euer Wissen, Euer Gehör und vor allem durch Eure Schreibkunst ist klassik-begeistert.de zum größten deutschsprachigen Klassik-Blog in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgestiegen. Und das ohne Pause seit 2018.

Ich wünsche allen Autorinnen und Autoren sowie allen Leserinnen und Lesern ein geschmeidiges Gleiten ins hoffentlich friedvollere Jahr 2026.

Herzlich,

Andreas Schmidt, Herausgeber

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In „Russische Ostern“ von Nikolai Rimsky-Korsakow schimmert, knallt und jubiliert es
Dirk Schauß

Eine „Lieblingsmusik 2025“ zu benennen, überfordert mich ähnlich wie die Frage nach dem einen Buch fürs Leben oder der einen Oper für die einsame Insel. Meine musikalischen Leidenschaften wechseln regelmäßig ihren Schwerpunkt – je nach innerem Wetterbericht, Hörbiographie und aktueller Neugier. Musik ist für mich kein statisches Bekenntnis, sondern ein permanenter Resonanzraum: Was mich heute begeistert, kann morgen ruhen, um übermorgen mit neuer Wucht zurückzukehren.

Mit erstaunlicher Hartnäckigkeit drängt sich jedoch Rimsky-Korsakows „Russische Ostern“ nach vorn. Dieses Werk ist ein orchestrales Hochamt der Farbe, ein rauschendes Fest der Instrumentation – und, nicht ganz uneigennützig bemerkt, ein Paradies für alle, die eine besondere Schwäche für das Schlagzeug haben. Becken gibt es hier nicht als dekoratives Beiwerk, sondern in verschwenderischer Fülle: schimmernd, knallend, jubilierend. Dazu Tamtam, Glockenspiel in Hülle und Fülle. Dass ein so effektvolles, zugleich kunstvoll gebautes Stück dennoch ein Mauerblümchendasein im Konzertbetrieb führt, ist mir ein großes Rätsel. Ganz oben auf meiner Wunschliste steht es deshalb – auch, weil ich es bislang noch nie live hören durfte! Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Klangexzess und Unerreichbarkeit, die den Reiz noch steigert.

Dirk Schauß, Rhein-Main

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„Die Planeten“ sind eine Sternstunde, die selbst zu den Sternen fliegt
Daniel Janz

2025 war musikalisch kein gutes Jahr. Viele Aufführungen, die ich besuchte, blieben hinter den Erwartungen zurück. Einige wollten nicht recht begeistern, andere ließen in der musikalischen Qualität stark zu wünschen übrig. Ja, sogar manch eine sicher geglaubte Sternstunde enttäuschte. Und dabei war die Schuld nicht immer bei den Künstlern zu suchen. Zu oft machte ihnen auch einfach die Technik einen Strich durch die Rechnung.

Da kam das schönste Konzert unerwartet in Form eines Sonderformats. Die Qualität der „WDR Happy Hour“ variiert erfahrungsgemäß stark, auch wenn sie dort meistens tolle Titel spielen. Das Konzert am 2. Oktober dieses Jahres war aber ein Erlebnis für die Ewigkeit!

Es spielten das WDR Sinfonieorchester unter dem mir bis dahin gänzlich unbekannten Duncan Ward „Die Planeten“ von Gustav Holst. Wenn man bedenkt, wie einflussreich dieses kosmische Musikstück ist, ist es eigentlich völlig unterrepräsentiert. Es live miterleben zu dürfen, ist schon eine Seltenheit. Es dann noch in einer Klarheit und Schärfe wie an diesem Abend zu hören, grenzt an ein einmaliges Erlebnis. Der Klang ausgewogen, das Dirigat deckte alle Facetten ab, das Publikum war selten so diszipliniert…

So würde man am liebsten jedes Konzert erleben! In einem Jahr voller Enttäuschungen war damit ausgerechnet diese Aufführung eine Sternstunde, die selbst zu den Sternen flog.

Daniel Janz, Köln

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Der Gesang macht die Musik
Lothar und Sylvia Schweitzer

Keine Aufführung haben wir bereut, aber alle Abende zeigten Licht- und Schattenseiten. Herausragend waren zwei Sängerinnen.

Mit Schmerzen durch einen Lendenwirbel stieg ich die ergonomisch gut konstruierten Stufen der Wiener Staatsoper (eine größere Anzahl von Stufen mit geringerer Höhe, mehr Weg, dafür weniger Kraft nötig) auf die Galerie. Norma tritt auf. Die Gottesdienerin nicht mehr wie früher zur selbst Göttlichen hinaufstilisiert und trotzdem eine glanzvolle Erscheinung. Mit Federica Lombardi konnten Sylvia und ich prominente Vorgängerinnen loslassen. Ihr dunkel timbrierter Sopran behielt auch in der Höhe Wohlklang. Litt ich nicht noch kurz vorher an Schmerzen?

Es hatte schon früher einmal das Sandmännchen dem Hänsel die Schau gestohlen. Bei den Protagonistinnen im von uns inhaltlich nicht sehr geliebten „Tannhäuser“ steigerte sich die Elisabeth erst mit der temperamentvollen Verteidigung des Titelhelden und die Stimme der Venus klang angenehm, aber ohne Ausstrahlung. In der kleinen dritten Szene des ersten Akts singt ein junger Hirt auf einem hohen Bergvorstoß ein zehnzeiliges Maienlied über Holda, eine Art Mutter Erde, die aus dem Berg erscheint und das Wetter und die Natur lenkt. In zwei Versen grüßt er dann noch die Rompilger. Bei der österreichischen Sopranistin Ilia Staple, noch ein Jahr davor Königin der Nacht und Gilda am Staatstheater am Gärtnerplatz in München, kam die Kritik einschließlich uns ins Schwärmen. Eine schöne Entdeckung.

Lothar und Sylvia Schweitzer, Wien

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Eine höchst erfreuliche Entdeckung sind die Orchesterlieder von Joseph Marx
Dr. Rudi Frühwirth

Von jeher habe ich eine Schwäche für Orchesterlieder – von Mahlers tief ergreifenden Zyklen über Schönbergs op. 8 und Bergs Sieben frühe Lieder bis hin zu Strauss’ Vier letzten Liedern. Umso größer war meine Freude, dass es in diesem Genre noch echte Entdeckungen zu machen gibt, etwa eine CD mit wunderschönen Orchesterliedern von Joseph Marx.

Der gebürtige Grazer, etwas jünger als Schönberg und Franz Schmidt, blieb – wie letzterer – der Tonsprache der Spätromantik treu. Seine Lieder bestechen durch reiche harmonische Einfälle, eine raffiniert schillernde, opulente Orchesterbehandlung sowie eine hinreißende Führung der Singstimme mit weiten, expressiven Intervallsprüngen und strategisch platzierten Spitzentönen.

Die meisten der Lieder auf der CD (Naxos 8.573833) stammen aus den Jahren 1908-1912; den Zyklus Verklärtes Jahr hat Marx in den Jahren von 1930 bis 1932 komponiert. Die frühen Stücke sind oft recht knapp gehalten, und man bedauert, dass sie so schnell vorbeigehen. Umso lohnender ist es, sie wiederholt zu hören, um die Feinheiten der Textdeutung und der Orchestrierung voll auszukosten.

Angela Maria Blasis lyrischer Sopran erweist sich als ideal besetzt: Ihre Interpretation ist sowohl musikalisch als auch technisch meisterhaft. In den fünf Liedern des Zyklus Verklärtes Jahr wird spürbar, wie Marx’ Tonsprache noch an Tiefe und Reichtum gewonnen hat. Stella Doufexis gestaltet diese von Erinnerung, Wehmut und Abschied geprägten Stücke ergreifend schön. Die Bochumer Symphoniker unter der Leitung von Steven Sloane bringen die Partitur hinreißend zum Klingen, Glitzern und Leuchten.

Dr. Rudi Frühwirth, Wien

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Ein unerwartetes musikalisches Highlight beglückt mit dem Saxophonisten Lutz Koppetsch & La piccola banda
Iris Röckrath

Meine Lieblingsmusik 2025 – spontan fällt mir ein Konzertabend im Oktober in der Weltkulturstadt Deggendorf ein. Tatsächlich habe ich mich von einer Cousine „überreden“ lassen, sie am 22. Oktober ins Kapuzinerstadl zu begleiten. Was ich dort erleben durfte, war ein absolutes Highlight, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte.

Der Kulturverein Deggendorf hatte den mit einem ECHO ausgezeichneten Saxophonisten Lutz Koppetsch & La piccola banda (2010 gegründet und bestehend aus lauter erstklassigen MusikerInnen) eingeladen. Die unterschiedlichen Klänge des Abends unter dem Titel „Zauber der Nacht“ führten von Debussy über Mussorgski, Bartók, Schubert und Vivaldi bis zu SJ Hanke, einem zeitgenössischen Komponisten; jedes der Stücke, die inhaltlich die Nacht im Fokus hatten, wurde liebevoll und sensibel durch Texte von Lutz Koppetsch verknüpft und angekündigt.

Die ungewöhnliche Zusammensetzung der piccola Banda mit dem virtuos aufspielenden Saxophonisten, mit einer phantastischen Claudia Buder am Akkordeon, Daniel Kamien am Kontrabass, Susanne Müller, Violoncello, Dorothea Galler, Viola und Regine Schmitt-Welsch, Violine harmonierte in einer Intensität, wie ich sie so selten erleben durfte.

Bravo für einen sensationellen musikalischen Genuss, der lange nachhallt und den ich gern noch einmal erleben würde.

 Iris Röckrath, Hamburg

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Wie es gelang, meinen Requiem-Bann zu brechen
Johannes Fischer

Ehrlich gesagt gehörte das Brahms-Requiem bis vor knapp einem Jahr nicht zu meinen Lieblingswerken. Zu sentimental, zu zäh, typisch Requiem eben. Noch im Januar teilte ich meine tiefste Skepsis gegenüber dieser Gattung ausführlichst mit einer Orchesterfreundin beim Probenwochenende.

Das änderte sich schleunigst im Februar 2025, dank zweier Aufführungen innerhalb zwei Tagen in München. Eine im Herkulessaal, Sir Simon Rattle strahlte die von ihm gewohnte künstlerisch Exzellenz auch auf dieses Werk aus und leitete das BRSO zu einer ergreifenden Darbietung von symphonischer Wirkung. Der Bariton Michael Nagy war die Sensation des Abends, sein überaus klar und kräftiges „und mein Leben ein Ziel hat“ – nebenbei so etwas wie mein aktuelles Lebensleitmotiv – schallt bis heute im Ohr nach.

Das allein wäre ja Grund genug zur Freude gewesen, hätte ich nicht am Vorabend dieses Werk in Münchens anderem Konzertsaal, der Isarphilharmonie, gespielt. Ja, auf der Bühne. Ein Salzburger Sommerfestspiele erfahrener Bariton namens Matthias Winckhler stand Herrn Nagy um nicht viel nach. Von einer Notlösung zur Überbrückung der Gasteig-Sanierung merkte man in diesem Saal wenig, das akustische Erlebnis glich viel eher der Elbphilharmonie als der in diesem Sinne zweitklassigen Laeiszhalle.

Das Fazit? Die ausverkaufte Isarphilharmonie hatte schon was. Und der Requiem-Bann war gebrochen. Fällt nun auch meine Schumann-Skepsis?

Johannes Fischer, Hamburg

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Eine Botschaft, die über das Bild hinausgeht
Jolanta Łada-Zielke

Mein wertvollstes Erlebnis dieses Jahres war ein Vortrag aus der Reihe „Bild von Botschaft“, organisiert von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität München, der sich auf Pablo Picassos Gemälde Femme au violon (Frau an der Geige) aus dem Jahre 1911 bezog.  Dies zeigt auf interessante Weise die Synthese der Musik und Malerei.

Der Abend begann mit einem Vortrag von Prof. Dr. Bernhard Maaz (Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen) in dem Hörsaal der Universitätsgebäude an der Theresienstraße. Prof. Maaz zeigte genau, wo man diesem kubistischen Gemälde das Instrument und drei Finger der Frau sehen kann. Picasso kannte sich mit Musik nicht aus, und in seiner Biografie gibt es keinen Hinweis darauf, dass er Konzerte besucht hätte. Dennoch inspirierten ihn Instrumente zum Malen, weil er auch das Gemälde „Der alte Gitarrist” schuf.

Anschließend stellte Florian Sonnleitner (Erster Konzertmeister des Symphonie Orchesters des Bayerischen Rundfunks im Ruhestand) auf faszinierende Weise die Entstehungsgeschichte der Geige vor, welches Holz man für ihren Bau verwendete, wie sich ihre Struktur und damit die Klangqualität seit dem 16. Jahrhundert, als die ersten Modelle in Cremona entstanden, verändert hat. Es stellt sich heraus, dass der Lack für die Beschichtung des Korpus des Instruments auf Leinöl basiert.

Der Höhepunkt dieses Ereignisses war ein kurzer Auftritt der jungen estnischen Geigerin Amanda Ernesaks, mehrfachen Preisträgerin des Wettbewerbs „Jugend Musiziert“, in der Pinakothek der Moderne, vor Picassos Gemälde „Femme au violon“.

Jolanta Łada-Zielke, Hamburg

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