Heroische Beethoven-Klänge und fulminante Dvořák-Sinfonik generieren ein grandioses Silvester-Feuerwerk

Justus Eichhorn Klavier, Jiří Habart Dirigent, Philharmonie Hradec Králové  Bremer Konzerthaus Die Glocke, Großer Saal,  31. Dezember 2025

Fotos © Tonlist concerts

 Silvesterkonzert 2025

Wolfgang Amadeus Mozart  Ouvertüre aus „Le nozze di Figaro“

Ludwig van Beethoven   Konzert für Klavier und Orchester Nr.5 Es-Dur op. 73

Antonín Dvořák  Sinfonie Nr.6 D-Dur op. 60

Justus Eichhorn  Klavier
Jiří Habart  Dirigent
Philharmonie Hradec Králové

Bremer Konzerthaus Die Glocke, Großer Saal,  31. Dezember 2025

von Dr. Gerd Klingeberg

Dass sich an diesem Silvesterabend ein gerade einmal 16 Jahre junger Pianist an Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 wagen wird, macht mich durchaus neugierig; es belässt aber zugleich – quasi vorsichtshalber – meine Erwartungen auf einem eher mittleren Niveau, auch wenn besagter Justus Friedrich Eichhorn ungeachtet seines jugendlichen Alters bereits mit einer beachtlichen Konzerttätigkeit aufwarten kann.
Nun also betritt der hochgewachsene schlanke Teenager in weißem, etwas oversized wirkendem Jackett mit lockeren Schritten die Bühne, setzt sich entspannt an den großen Steinway-Flügel. Mit wuchtigem Anschlag geht er gleich in die Vollen; dazu bietet der Kopfsatz auch reichlich Gelegenheit.

Doch Eichhorn kann keineswegs nur kernigen „Sturm und Drang“: Die ruhigen Passagen kostet er feinfühlig aus, teils mit mehr oder weniger stark ausgeprägtem Rubato und feiner Akzentuierung. Souverän meistert er alle spieltechnischen Klippen, setzt zugleich aber auf eine effektvolle, gut durchdachte Interpretation. Schon nach kurzer Zeit muss ich uneingeschränkt zugeben: Meine Bedenken, dass er sich mit Beethoven verhoben haben könnte, haben sich sehr schnell in Nichts aufgelöst. Das Zusammenspiel mit dem im tschechischen Hradec Králové (früher: Königgrätz) beheimateten großen Orchester funktioniert weitestgehend reibungslos. Lediglich bei einigen ausnehmend sensibel ausgeführten Klaviersequenzen kommen vor allem die Holzbläser nicht ganz in den entsprechenden Pianissimo-Modus.

Authentische, sensible Interpretation

Das gilt auch für den Mittelsatz, den Eichhorn angemessen sensibel angeht. Wohlweislich vermeidet er dabei jede allzu übertriebene seichte Klangschwelgerei. Das wirkt authentisch, wie aus dem Moment heraus entstanden, und nicht bloß um des vordergründigen Effekts willen eingeübt. Leider wird auch hier manche pianistisch äußerst empfindsam vorgetragene Pianissimo-Partie durch die etwas zu kräftige Grundierung des Orchesters konterkariert. Davon kann indes im spannungsvoll attacca eingeleiteten Finalsatz keine Rede mehr sein: Das Rondo erweist sich als mitreißend schwungvoller, nichtsdestotrotz freundlicher Dialog zwischen Solist und Orchester.

Justus Eichhorn © Tonlist concerts

Es ist ein rasantes, nur gelegentlich kurz Atem holendes Spiel ausgeprägter Kontraste, bei dem man sich gegenseitig geradezu presto-mäßig antreibt bis hin zu den wuchtig donnernden Schlussakkorden. Beethoven hätte zweifellos seine Freude daran gehabt.
Als Schmankerl nach begeistertem Beifall hat Eichhorn noch eine perfekt zum Silvester passende Zugabe parat: „Brüderlein und Schwesterlein“ und „Ich lade gern mir Gäste ein“ (aus der „Fledermaus“ von Johann Strauß) in Klavier-Version. Mit seiner sehr frei gestalteten reizvollen Interpretation wird dies zum gelungenen Abschluss seines rundum überzeugenden Debüts in Bremen.

Jiří Habart © Tonlist concerts

Temperamentvolle tschechisch-folkloristische Sinfonik

Bereits vor dem Beethoven hatte sich die Philharmonie Hradec Králové unter dem umsichtigen Dirigat von Jiři Habart mit Mozarts „Figaro“-Ouvertüre auf Betriebstemperatur eingespielt. Deren Ausführung wirkte indes eher gewichtig als mozartisch spritzig; aber immerhin war’s eine stimmige Vorbereitung für das Beethoven-Konzert. Bei Dvořáks Sinfonie Nr. 6 ist das tschechische Ensemble hingegen mit seiner grundsoliden Ausführung voll in seinem Element. Die Eingangstakte werden elastisch und energisch lebhaft vorgelegt. Das Orchester agiert mit ausgeprägtem Elan, betont den gleichermaßen optimistischen wie heroischen Grundcharakter des Werkes.

Satz 2 Adagio fließt ruhig und breit dahin wie die Moldau, allenfalls mit einer nur gelegentlichen Andeutung vereinzelter Stromschnellen. Weitaus interessanter und packender gerät das temperamentvoll angegangene Scherzo mit seinem raffinierten Furiant-Metrum, einem gelungenen Wechsel zwischen turbulentem Stampfen und elegantem Schwingen in markanter dynamischer Kontrastierung, so wie es Dvořák in seinen „Slawischen Tänzen“ bereits gekonnt einsetzt. Melodisch helle Piccoloflötenpartien leuchten dazu im Trio-Mittelteil mit naturalistischem Flair.

Das fast schon bedächtig eingeleitete Allegro nimmt sehr schnell an Fahrt auf; das „con spirito“ entfaltet sich immer intensiver, das Orchester entfacht ein wahrhaft effektvolles Feuerwerk: strahlend, böllernd, glitzernd, vielfach durchsetzt und angetrieben von tänzerisch folkloristischen Elementen, die sich in der voluminös auftrumpfenden, stark akzelerierten Schlussphase verdichten zu einer alle Welt umfassenden, fulminanten sinfonischen Umarmung, die vom Auditorium mit frenetischem Beifall beantwortet wird. 2026 kann kommen!

Dr. Gerd Klingeberg, 1. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, »Faszinierende Chorklänge« Bremer Konzerthaus Die Glocke, 14. November 2025

Musikfest Bremen: „Auf Wiedersehen“ Bremer Konzerthaus Die Glocke, 5. September 2025

Musikfest Bremen: „Von Heldinnen und Helden“ Bremer Konzerthaus Die Glocke,  28. August 2025

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