Monster’s Paradise in Hamburg: Kratzer redet Klartext!

Monster’s Paradise Musik von Olga Neuwirth  Hamburgische Staatsoper, 11. Februar 2026

Foto: HSO Monsters Paradise (c) R_Tanja Dorendorf

Wo einst Erich Wolfgang Korngold und Helmut Lachenmann ihre Werke auf die Opernwelt brachten, herrscht nun Olga Neuwirth. Zwischen verstimmten Schubert und Trump-Satire bringt die Hamburgische Staatsoper ein unterhaltsames, frisch komponiertes Werk auf die Bühne und holt die Uraufführungstradition dieses Hauses aus dem tiefen Schlaf der Delnon-Ära.      

Monster’s Paradise
Musik von Olga Neuwirth

Libretto von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth nach einer Idee von Olga Neuwirth

Hamburgische Staatsoper, 11. Februar 2026

von Johannes Karl Fischer

Ein bisschen frech ist’s scho’, Applaus, wenn eine offensichtliche Trump-Karikatur von einem Godzilla-inspirierten Monster verschlungen wird. Das amerikanische Department of Homeland Security sollte das besser nicht mitkriegen. Moral von der G’schicht: Trump-Fans sind in Hamburg offenbar nicht mehrheitsfähig. An der Elbe ist also noch alles in Ordnung.    

Neuwirth und Jelineks Werk tritt in Korngolds Spuren

Und nun zur Kunst: Unter Tobias Kratzers Intendanz lässt die Hamburgische Staatsoper, einst eine Uraufführungs-Hochburg wo Korngold und Lachenmann ihre Werke auf die Opernwelt brachten, das Musiktheater wieder lebendig werden. Die restlos ausverkaufte Premiere wurde von Presse aus aller Welt gelobt und auch auf die heutige Auslastung hätte ein Georges Delnon stolz sein können, zumal an einem Mittwochabend. Zurecht: Olga Neuwirths unterhaltsames, hochaktuelles Werk überzeugte auf ganzer Linie, die leichte Musik mit ihren vielen etwas verstimmten Zitaten ließ die Ohren angenehm in die verrückte Welt des 21. Jahrhunderts eintauchen. Gemeinsam mit dem von Elfriede Jelinek mitgestalteten Libretto brachte Frau Neuwirth diese doch sehr ernsten Themen flockig und verständlich auf die Bühne!

Elfriede Jelinek Olga Neuwirth (c) Manuel Braun
Der Uraufführungswecker Kratzer überzeugt auch als Regisseur

Als Regisseur komplettierte Herr Kratzer das neue Werk mit einer insgesamt durchdachten, durchschaubaren Inszenierung zu einem überzeugenden Gesamtkunstwerk. Mit einer gerade rechten Prise an Live-Film-Effekte ließ er das äußerst sympathisch auftretende Dino Kostüm für einen Moment spektakulär zum Trump verschlingenden Monster aufsteigen, auch inhaltlich überzeugte sein Kunstwerk. Man brauchte hier weder fünf noch fünftausend Lektüreseiten zu lesen, um diese Inszenierung zu verstehen. Emotionen und Aussagekraft wurden hier dem Publikum geradlinig auf den Punkt serviert, das macht eine gelungene Regie aus!

HSO Monsters Paradise (c) R_Tanja Dorendorf
Nigls Trump-Karikatur singt und spielt am besten

Die musikalischen Leistungen des Abends waren durchweg ähnlich überzeugend wie die Regie. Ein Sänger fiel besonders positiv auf: Georg Nigl, der seine offiziell „König-Präsident“ genannte Partie in all ihren Facetten satirisch und glanzvoll zum Leben brachte. Als würde er sich in aller Ernsthaftigkeit mit seinem kunstvollen Gesang und Schauspiel über das politische Geschehen in Washington lustig machen. Auch Ruben Droles stimmstarker, röhrender Bariton fand sich passgenau in die Rolle des Bären ein. Auf den ersten Blick hätte das glatt ein Zirkusbesuch in der Oper sein können, dennoch exponierte Herr Drole die viel tieferen Bedeutungen seine Partie äußerst ausdrucksvoll…

HSO Monsters Paradise (c) R_Tanja Dorendorf

Die beiden die Handlung auf ihren Schultern tragenden Figuren Vampi und Bampi waren doppelt mit je einer Schauspielerin (Sylvie Rohrer und Ruth Rosenfeld) und Sängerin (Sarah Defrise und Kristin Stanek) besetzt und verschmolzen in bester Harmonie zu ihren unterhaltsamen und intelligent gestalteten Partien. Ein weiteres Highlight war Eric Jurenas’ Tuckey, der hier seinen Countertenor in der Rolle des Königsdieners bestens zur kecken Karikatur eines nicht offiziell namentlich genannten Präsidenten einsetze. Anna Clementis Stimme wurde durch elektronische Mittel in die vokale Tiefe des Gorgonzilla-Monsters transformiert, ließ in dieser Verwandlung trotzdem alle Emotionen dieser eigentlich sehr sympathischen Figur klar durchkommen.

Staatsorchester begeistert in Höchstform

Titus Engel begeisterte das Philharmonische Staatsorchester für Frau Neuwirths mit Zitaten intelligent und original gefüllte Partitur. Vielleicht war’s einfach eine Premierenproduktion mit viel Presse, oder die Orchestermusiker blicken einer 576. Tosca des Jahres ebenso skeptisch entgegen wie jene Fraktionen des Publikums, die dieses Haus beim Stangenrepertoire leer lassen und heute die Ränge füllten. Denn so engagiert hat dieses Orchester schon lange nicht mehr gespielt. Zwischen den doch sehr besonderen Anforderungen dieser Musik spürte man eine fulminante Begeisterung durch das Haus fegen, fast wollte man selbst in den Graben rennen und schauen, was denn da im Orchester so abgeht. Ähnlich engagiert waren die verschiedenen Chöre und Komparserie in ihren auch sehr besondere sängerischen und schauspielerischen Anforderungen auf der Bühne und im Foyer unterwegs.

HSO Monsters Paradise (c) R_Tanja Dorendorf

Und mit einer im Ozean gleitenden Schubertszene – die f-Moll-Fantasie für Klavier zu vier Händen – verschwand dieses wunderbare Werk so tief im Abendrot. Nebenbei, im Programm war etwas von zwei „verstimmten“ Klavieren – zu lesen. Ob Schuberts Flügel in seinen kalten Wiener Wohnungen etwa weniger verstimmt war? Oder brachten einfach nur Elisabeth Leonskaja und Alexandra Stychkina diese musikalisch inmitten Melodien auf dieser einmaligen Bühne grenzenlos berührend unter die Haut?

Johannes Karl Fischer, 12. Februar 2026 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Olga Neuwirth/Elfriede Jelinek, Monster’s Paradise, Grand Guignol Opéra Hamburgische Staatsoper, 1. Februar 2026, Urafführung

DVD-Rezension: Olga Neuwirth, Orlando, klassik-begeistert.de

Olga Neuwirth, Orlando, Wiener Staatsoper, 11. Dezember 2019

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