Foto: War Requiem Mallwitz MCO (c) Michael Bode
Eindrückliche Glanzleistung von über 100 Sängerinnen und Sängern bei den Osterfestspielen, gemeinsam mit dem Mahler Chamber Orchestra unter Joana Mallwitz.
Benjamin Britten (1913-1976) – War Requiem op. 66
Irina Lungu, Sopran
Bogdan Volkov, Tenor
Matthias Goerne, Bariton
Tschechischer Philharmonischer Chor Brünn (Einstudierung: Petr Fiala)
Philharmonia Chor Wien (Einstudierung: Tom Böttcher)
Cantus Juvenum Karlsruhe (Einstudierung: Peter Gortner)
Mahler Chamber Orchestra
Joana Mallwitz, Dirigentin
Baden-Baden, Festspielhaus, 3. April 2026
von Brian Cooper
Benjamin Brittens „Kriegsrequiem“ unterscheidet sich von gewöhnlichen Werken der Requiem-Gattung darin, dass nicht nur Worte der lateinischen Totenmesse vertont werden, sondern auch einige der bekanntesten Gedichte des 1893 geborenen britischen Soldaten Wilfred Owen, der eine Woche vor Ende des ersten Weltkriegs 1918 im Alter von nur 25 Jahren in Frankreich ermordet wurde. Owens Gedichte, zumeist posthum veröffentlicht, sind eindrückliche Zeugnisse von der Front über Abscheulichkeiten und Grausamkeiten kriegerischer Gewalt, wie etwa Grabenkrieg und Gaskrieg.
Im Zusammenklang mit Brittens Musik gibt es kaum geeignetere Worte in diesen kriegsgeilen Zeiten als die von Owen, und für diesen Karfreitag 2026 kaum eine eindrücklichere Repertoireentscheidung als die der fabelhaften Dirigentin Joana Mallwitz. Zumal man mit dem War Requiem selten einen Konzertsaal füllt. Ich hatte in nahezu 40 Jahren Konzertgängertum nur einmal Gelegenheit, das Werk live zu erleben, und zwar mit dem WDR Sinfonieorchester unter Martyn Brabbins. Dieser 13. November 2015 ist mir auch deshalb im Gedächtnis geblieben, weil in Paris schlimmste Attentate verübt wurden. Religiös motivierte Grausamkeit wird wohl nie aufhören.

Im Zusammenhang mit dem Thema „Kinder im Konzert“ gibt es jedoch kaum ein ungeeigneteres Werk, kaum eine törichtere Wahl für Eltern, als das War Requiem, um dem Nachwuchs ein für allemal den Konzertsaal madig zu machen. In diesem Fall war es eine Mutter, die ihre Kinder mitschleppte. Der etwa zehnjährige Junge zu meiner Rechten war überhaupt nicht vorbereitet worden, was sollte er denn auch von Krieg behelligt werden, sondern nestelte völlig gelangweilt und überfordert an seiner nach fünf Minuten umständlich ausgezogenen Jacke und seinen AirPods herum, aß ein von seiner Mutter jeweils geräuschvoll geöffnetes Bonbon nach dem anderen und saß nie für mehr als zehn Sekunden still auf seinem Sitz. Reihe 13 ist eben ein schlechtes Pflaster für den Rezensenten, soviel Aberglaube muss sein.
Brittens Werk kann im Grunde in drei Gruppen eingeteilt werden: Die Sopranstimme wird dem großen Chor und dem großen Orchester zugeordnet; Tenor und Bariton, die die Owen-Texte singen, werden von einem (hier rechts auf der Bühne sitzenden) Kammerorchester begleitet; und ein Knabenchor, hier die jungen Damen des Cantus Juvenum Karlsruhe, werden etwas entfernter vom Bühnengeschehen postiert, hier eine Etage über der Bühne auf der rechten Seite, und von einem Harmonium begleitet.

Für Joana Mallwitz ist dieses groß angelegte Werk ein Leib- und Magenstück, was man in jedem Moment spürt, hört und sieht: Präzision und Klarheit zeichnen ihre Gestik aus. Das Solistentrio, bestehend aus Irina Lungu (Sopran), Bogdan Volkov (Tenor) und Matthias Goerne (Bariton), singt erfrischend textverständlich und ist auch an lauteren Stellen stets gut über den Chören und dem Orchester zu hören. Das Mahler Chamber Orchestra und die drei Chöre – der große bestehend aus dem Philharmonischen Chor Brünn und dem Philharmonia Chor Wien – sind vom ersten Takt an mit absoluter Hingabe bei der Sache. Was die Sache trotz der oben geschilderten massiven Ablenkungen sehr bewegend macht.

Hätte man beim Hinausgehen alle Menschen gefragt, wer von ihnen Krieg gut findet, wohl kaum jemand hätte, mit Ausnahme vielleicht des Rüstungsfabrikanten nebst Gattin, geantwortet, dass er oder sie Krieg auf Erden wolle. Einer der bewegendsten Momente im Saal war daher auch die Darbietung von Strange Meeting, dem von Britten als letztes ausgewählten Gedicht Owens. Tenor und Bariton sangen die Zeilen „Let Us Sleep Now“. Der Rest, im Publikum, war Schweigen. Nur die leisen Atemzüge des endlich friedlich eingeschlafenen Jungen neben mir waren zu hören.
Brian Cooper, 5. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Concertgebouworkest, Klaus Mäkelä, Daniel Lozakovich Baden-Baden, Festspielhaus, 1. April 2026
Benjamin Britten, War Requiem Konzerthaus Berlin, 29. März 2024
„Wilfred Owen, der eine Woche vor Ende des ersten Weltkriegs 1918 im Alter von nur 25 Jahren in Frankreich ermordet wurde. “
In einem Krieg an der Front zu „fallen“ ist paradoxerweise moralisch gedeckt. Owens Tod als Ermordung zu bewerten, ist historisch nicht korrekt. So gesehen wären ja alle jemals in einem Krieg gefallenen Soldaten ermordet worden, und werden es täglich wieder.
Peter Sommeregger
Lieber Peter,
mein weiser Geschichtslehrer sprach stets kritisch von Euphemismen, die im Kriegskontext verwendet würden: Kriegsversehrte, gefallen, lauter solche Begriffe. Heutzutage sind es Verben wie ausschalten und liquidieren, die die Brutalität des Akts kaschieren sollen.
Für mich ist jedes Töten eines Menschen ein Mord, unabhängig vom Kontext. Das Wort habe ich also bewusst gewählt.
Viele Grüße,
Brian
Eigentlich wäre das angemessene Wort ein sehr vulgäres: „krepieren“. Natürlich kommt es in den Texten Owens’ nicht ausdrücklich vor, aber für mich kreisen sie genau um diesen schrecklichen Tod, den man nicht einmal den Tieren wünscht, der auch ganz und gar nichts mehr hat von dem Horaz’schen „Dulce et decorum est pro patria mori“. Da ist nichts süß, und nichts ehrenvoll, und es stirbt auch keiner für sein oder gegen eines anderen Vaterland, sondern nur noch für sich allein. Auch und gerade im Jahr 2026.
Kaspar Apfelböck, Schwabach (Mittelfranken)
Sehr geehrter Herr Apfelböck,
vielen Dank für Ihren Kommentar, der im besten Sinne nachdenklich stimmt. „Jeder stirbt für sich allein“, so der Romantitel von Hans Fallada.
Und, wie wir in diesen Tagen sehen: Vulgarität ist die neue Diplomatie.
In dem von Ihnen erwähnten Gedicht, „Dulce et decorum est”, beschreibt Owen das Sterben für das Vaterland als „die alte Lüge”. Auch das ist brandaktuell…
Nachtrag: Natürlich hält mein obiger Kommentar keinerlei juristischer Bewertung stand, Stichwort Totschlag.
Herzliche Grüße,
Brian Cooper