Herbert Blomstedt © Gert Mothes
Herbert Blomstedt „formt“ mit dem Gewandhausorchester Bruckners Vierte. Ein warmer, herzlicher Abend in Leipzig.
Anton Bruckner (1824-1896) – Sinfonie Nr. 4 Es-Dur WAB 104 „Romantische“ (2. Fassung in einer 2018 erschienenen, Herbert Blomstedt gewidmeten Ausgabe)
Gewandhausorchester Leipzig
Herbert Blomstedt, Dirigent
Gewandhaus Leipzig, 17. April 2026
von Brian Cooper
Es soll ja Leute geben, die Leipzig für wesentlich aufregender halten als Berlin. Die Hauptstadt der Bundesrepublik ist natürlich in puncto Einwohnerzahl und Fläche weit größer als die bevölkerungsreichste Stadt Sachsens. Beide Städte verbindet jedoch ein riesiges, schier unüberschaubares Kulturangebot, selbst wenn man sich nur auf die sogenannte „klassische“ Musik beschränkt.
Die Kultur ist vielleicht in Leipzig, nicht zuletzt wegen der geringeren Größe dieser – übrigens auch sehr schönen – Stadt, viel spürbarer. Überall in der Innenstadt hört man Straßenmusik, und zwar gute; an gefühlt jeder Ecke kommt einem jemand mit einem Geigenkasten entgegen; und die Dichte der Buchläden und Antiquariate ist atemberaubend.
Um die vielen Spuren großer Komponisten wie Mendelssohn, Schumann und vor allem Bach zu sehen, die hier alle gewirkt haben, muss man nur mit offenen Augen durch die Stadt laufen, was an einem sonnigen Tag ein herrliches Vergnügen ist. Bach-Museum, Nikolaikirche und Thomaskirche sind einen Steinwurf voneinander entfernt. Die Leute stehen Schlange für die „Motette in der Thomaskirche“. Am riesigen Augustusplatz stehen sich Oper und Gewandhaus gegenüber. Und dort ist eines der renommiertesten Orchester zuhause.
Dieses Orchester, das Gewandhausorchester, hat einen ehemaligen Kapellmeister, Herbert Blomstedt, der im kommenden Juli 99 Jahre alt wird. Orchester wie Publikum lieben ihren Ehrendirigenten – das war vor und nach seinem Auftritt am Freitag deutlich zu spüren. Teile des Publikums erhoben sich schon beim Auftrittsapplaus, und nach dem Ende einer bewegenden Aufführung von Bruckners Vierter gab es herzliche Umarmungen von Orchestermusikern mit dem Dirigenten und untereinander. (In Köln kenne ich Letzteres sonst nur vom Saisonabschluss, wenn man sich für ein paar Wochen in die Sommerpause verabschiedet.)
Die zweite Fassung der Bruckner’schen Sinfonie ist die am häufigsten gespielte; hier lag die Partitur einer Blomstedt gewidmeten Neufassung von 2018 auf dessen Pult – daher lag sie nicht zugeklappt vor ihm wie sonst, sondern er blätterte beim Dirigieren.
Die Chronistenpflicht gebietet es, ein paar Wackler im Orchester an diesem Abend zu erwähnen. Das Solo-Horn etwa hatte keinen Sahnetag erwischt. Dennoch wird all das – wir sprechen lediglich von kleineren, nun, Unvollkommenheiten in einer großen, einer vollkommenen Darbietung – unwichtig angesichts der schier überwältigenden Wärme, die der Dirigent über das großartige Orchester in den voll besetzten Saal des Gewandhauses übertrug. Die Crescendi, die Architektur des Ganzen, die edlen Streicher, das überragende Holz, das glänzende Blech: All das fügte sich unter Blomstedts stets überraschend ausladender Gestik zu einem Bruckner-Ereignis, wie es gerade mit diesem Orchester unter diesem Dirigenten in diesem wunderbaren Saal möglich werden kann.
Besonders Bratschen und Bässe begeisterten. Und das schreibe ich nicht um der Alliteration willen. Das berühmte Solo der Bratschengruppe im zweiten Satz, göttlich gespielt, wurde allerdings von Handyklingeln entweiht. Es sollte nicht die einzige Störung durch Handys und Huster bleiben. Besonders eine Dame irgendwo hinten rechts wäre besser zuhause geblieben: Sie schien einem Lungensanatorium in „Davos-Platz im Graubündischen“ entsprungen.
Derlei Störungen sind jedoch nach meiner Erfahrung in Leipzig selten: Das Publikum kommt der Musik wegen und verhält sich respektvoll gegenüber der Kunst, die es hier regelmäßig auf höchstem Niveau und – das bleibe nicht unerwähnt – zu vergleichsweise moderaten Kartenpreisen erleben darf (Kategorie Premium: 80€, kommende Saison 89€). Und im Hinausgehen sprechen sehr viele Menschen miteinander über das, was sie da gerade erlebt haben.
Wie Herbert Blomstedt den Klang „formt“, wie er ein ihm besonders nahestehendes Orchester auf Augenhöhe leitet, ist ein Ereignis, das lange nachklingen wird. Es ist reinstes Musizieren jedes einzelnen Orchestermitglieds – kein Dienst nach Dienstplan, sondern Dienst an der Musik.
In der kommenden Saison sind gleich drei Bruckner-Programme geplant: die Achte (September 2026), Sechste (April 2027) und schließlich, zum 100. Geburtstag im Juli 2027, die komplexe Fünfte: am 9.7. und am eigentlichen 100. Geburtstag, dem 11. Juli 2027. Dass sich Herr Blomstedt für diesen Ehrentag das Gewandhausorchester ausgesucht hat, sagt schon alles über das herzliche und warme Verhältnis aus.
Und genauso herzlich und warm klang es im Saal, vom ersten Tremolo aus dem Nichts bis hin zum Schlussakkord, dem Stille folgte. „Er ist eine Erscheinung“, spricht mein Lebensmensch, tief bewegt. Das ist eine sehr gute von vielen möglichen Erklärungen dessen, was denn genau das Geheimnis des Dirigierens ausmacht.
In Blomstedts Fall ist es ein Wunder von klanglicher Transparenz, Herzensbildung und Wärme. Man verlässt diesen besonderen Ort, das Gewandhaus, beseelt und voller Dankbarkeit.
Brian Cooper, 19. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Auf den Punkt 77: Je oller, je doller Elbphilharmonie, 16. November 2025
Bamberger Symphoniker, Herbert Blomstedt, Dirigent Bamberg, Konzerthalle, 13. Dezember 2025
Buchbesprechung: Herbert Blomstedt, Mission Musik klassik-begeistert.de, 11. Juli 2025