Blomstedts Bruckner beschert den Berlinern den saisonalen Höhepunkt

Bruckner: Sinfonie Nr.7  Berliner Philharmoniker Herbert Blomstedt  April 2026, Philharmonie Berlin, 23. April 2026

Fotos: Herbert Blomstedt (c) Stephan Rabold

Der Abend war rundum geprägt von großer Dankbarkeit auf allen Ebenen, einer Dankbarkeit für das Erleben von Bruckners herrlicher Musik, für die phänomenale Leistung von Herbert Blomstedt, seine Freude, sein Erleben mit den Musikern zu teilen, und deren Freude, für und mit ihm zu musizieren. Auch das Publikum ist sichtlich bewegt und will den sympathischen Künstler kaum gehen lassen. Nachdem das Podium schon leer ist, zeigt er sich ganz allein noch ein letztes Mal mit seinem Rollator. Er ist nicht nur ein Phänomen, es ist auch seine positive Ausstrahlung, die auf sein Wirken und sein ganzes Auftreten abstrahlt.

Anton Bruckner: Sinfonie Nr.7

Berliner Philharmoniker
Herbert Blomstedt, Leitung:

Philharmonie Berlin, 23. April 2026

von Kirsten Liese

Es sind immer besondere Abende, wenn Herbert Blomstedt die Berliner Philharmoniker leitet. Mittlerweile 98 (!!) Jahre alt, ist er einer der letzten verbliebenen Großen, die das Orchester unter seinen Gastdirigenten noch aufbieten kann. Und solche Altmeister sind nun einmal das Salz in der Suppe eines Spitzenorchesters.

Dass derer am Pult dieses Orchesters in den vergangenen Jahren immer weniger wurden, hat mehrere Gründe:  Daniel Barenboim und Zubin Mehta, mit bald 90 der zweitälteste Spitzendirigent, treten notdürftig aus gesundheitlichen Gründen deutlich kürzer. Christian Thielemann widmet sich, verständlich, vorrangig seiner Staatskapelle, seit sie ihn zum Chef gekürt hat. Und um eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit Riccardo Muti hat sich das Orchester zu meinem Leidwesen seit Karajans Tod bis heute nicht bemüht. Warum bleibt sein Geheimnis.

Genug der Vorrede.

Kann einer in einem so hohen Alter noch eine hohe künstlerische Leistung vollbringen? Der phänomenale Ausnahmemusiker Blomstedt liefert den Beweis!!

Sympathisch uneitel und unter großem Beifall tritt er am Rollator auf, während sich das Orchester noch einstimmt. Und sitzt dann beim Dirigieren kerzengerade auf einer Klavierbank ohne Lehne, nur leicht, aber ausreichend erhöht über das Orchester. Und beschränkt sich weise, um seine Kräfte nicht überzustrapazieren, auf ein einziges Werk, das aber an drei aufeinander folgenden Abenden – Bruckners Siebte.

Blomstedt braucht wenig, um diese Sinfonie zu durchleben, zeichnet die Struktur der Musik mit seinen gekrümmten Händen nach und überträgt seine unerschütterliche innere Ruhe und sein Erleben energetisch auf die Musiker und den Saal.

Tiefe Beseeltheit wie gleich in den ersten Takten des Kopfsatzes mit den aufwärtsstrebenden Skalen in den Celli bestimmt die Wiedergabe ebenso wie die gebotene Kraft in den monumentalen Gipfelgängen und den Ton des Feierlichen in den Chören von Hörnern, Posaunen und Tuben.

Freilich zahlt sich das gegenseitige Vertrauen zwischen Dirigent und Orchester, das über viele Jahre gewachsen ist, aus, und zwar auf beiden Seiten. Noah Bendix-Balgley, Erster Konzertmeister dieses Abends, hat seine Gruppe so sicher im Griff, dass Blomstedt es sich leisten kann, überwiegend die zweiten Geigen und Bratschen sowie die Blechbläser schräg dahinter ins Visier zu nehmen und damit an den Nebenstimmen zu feilen. Vor feierlichen Großeinsätzen kann sich das Orchester wiederum ganz auf Blomstedt verlassen, da hebt er beide Hände leicht nach oben und gibt mit gestrecktem Zeigefinger präzise sparsame Einsätze, die es braucht, damit alle Instrumente punktgenau zusammenkommen.

Herbert Blomstedt | Bild: Stephan Rabold

Zugleich bestimmt den Abend in der Weise, wie Grandseigneur Blomstedt das Orchester streckenweise laufen lässt, eine Risikobereitschaft, die sich auszahlt: Bei der finalen, sich über viele Takte ziehenden Steigerung im Kopfsatz erreicht das Orchester, allen voran die Pauke, die anfangs noch bedrohlich leise im Untergrund rumort, etwas zu früh den dynamischen Höhepunkt. Aber damit verströmt die Stelle etwas Bedrohliches, wie selten zu vernehmen. Das hat auch seinen Reiz, vor allem im Kontrast zu dem folgenden Adagio, das – wiewohl ein Lamento – mit seinen zärtlichen, fast wiegenliedähnlichen Melodien soviel Trost verströmt, dass man sich geborgen fühlt wie in Abrahams Schoß. Da waltet eine Empfindsamkeit, wie sie nicht alle Tage zu haben ist, musiziert jeder Einzelne aus tiefster Seele mit ganzem Herzen.

Mit circa 70 Minuten Gesamtlänge ist Blomstedts Interpretation zehn Minuten schneller als die Celibidaches, der die Sinfonie in einer legendären Aufführung 1992 zu seiner Rückkehr ans Pult der Berliner Philharmoniker dirigierte, aber langsam genug, dass sich jedes Motiv bis in filigrane Schnörkel hinein in aller Ruhe entfalten kann.

Die Trompeten der erstklassigen Sektion der Blechbläser, haben im Scherzo ihren großen Auftritt mit ihrem prägnanten fanfarenartigen Thema, das dem Ohr mit einem golden, vollen Klang schmeichelt und sich in ihm einnistet.

Im Finalsatz mit seiner komplexen polyphonen Architektur zeichnet Blomstedt mit seinen Arm- und Handbewegungen besonderes plastisch nach, wie die Stimmen ineinandergreifen. Und in dieser Transparenz vermittelt sich das musikalische Geschehen in all seinen Achterbahnfahrten zwischen Himmel und Hölle auch.

Bei alledem ist dieser Abend rundum geprägt von großer Dankbarkeit auf allen Ebenen, einer Dankbarkeit für das Erleben von Bruckners herrlicher Musik, für die phänomenale Leistung des Dirigenten, seine Freude, das Dirigieren noch zu vermögen und sein Erleben mit den Musikern zu teilen, und deren Freude, für und mit Blomstedt zu musizieren.

Als der Grandseigneur nach dem letzten verklungenen Ton die Hände sehr langsam nach unten bewegt, ist es noch ganz still in der Philharmonie. Als dann der Beifall aufbrandet, streckt er seine Arme weit aus, um sichtlich gerührt allen Stimmführern unter den Streichern in seiner Nähe persönlich die Hand zu geben.

Herbert Blomstedt (c) Stephan Rabold

Auch das Publikum ist sichtlich bewegt und will den sympathischen Künstler kaum gehen lassen. Nachdem das Podium schon leer ist, zeigt er sich ganz allein noch ein letztes Mal mit seinem Rollator. Er ist nicht nur ein Phänomen, es ist auch seine positive Ausstrahlung, die auf sein Wirken und sein ganzes Auftreten abstrahlt.

Im Juli 2027 wird er 100 Jahre alt. Es wäre zu schön, wenn er dieses Jubiläum auch noch einmal mit den Berlinern feiern könnte.

Kirsten Liese, 25. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Bruckner, Sinfonie Nr. 4, Herbert Blomstedt Gewandhaus Leipzig, 17. April 2026

Bamberger Symphoniker, Herbert Blomstedt, Dirigent Bamberg, Konzerthalle, 13. Dezember 2025

Buchbesprechung: Herbert Blomstedt, Mission Musik klassik-begeistert.de, 11. Juli 2025

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