Sir Antonio Pappano © Mark Allan
Endlich war wieder einmal das Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold zu hören; ausgezeichnet durch eine der weltbesten Geigerinnen. Und das London Symphony Orchestra unter ihrem Chef Sir Antonio Pappano bewies erneut seinen Ruf als Weltklasseorchester.
Imogen Holst: Ouvertüre „Persephone“
Erich Wolfgang Korngold: Konzert für Violine und Orchester in D-Dur, op. 35
Dmitrij Schostakowitsch: Symphonie Nr. 5, op. 47
Vilde Frang, Violine
London Symphony Orchestra
Sir Antonio Pappano, musikalische Leitung
Musikverein Wien, 27. April 2026
von Herbert Hiess
Zuvor gab es eine interessante Erstaufführung; nämlich die Ouvertüre zu „Persephone“ – das Werk ist ein Chorwerk mit Orchesterbegleitung. Eigentlich eine Mischung von Oper, Oratorium und szenischem Oratorium. Komponistin ist niemand anderer als die Tochter des britischen Komponisten Gustav Holst, nämlich Imogen Holst.
Sie war eine vielseitige Musikerin (Dirigentin, Komponistin etc.) und ist eine würdige Nachfolgerin ihres Vaters Gustav. „Persephone“ (nach der griechischen Mythologie) ist sehr impressionistisch gehalten. Schon allein der Beginn des Werkes erinnert massiv an Ravels „Daphnis et Chloé“; den wunderbar gespielten Sonnenaufgang assoziierte man mit den Holzbläserfiguren und den Harfen mit Ravels Naturschauspiel. Das Werk ist ein Wechselspiel zwischen diesen lyrischen Passagen und kräftigen dramatischen Ausbrüchen.
Und hier bewies Sir Pappano mit seinem Spitzenorchester, auf welchem Weltklasseniveau sie sich gerade befinden.
Danach hörte man eine der heutzutage besten Geigerinnen der Welt, die die Konzertpodien der Welt besuchen; nämlich Vilde Frang. Die bildhübsche Norwegerin begeistert mit einem traumhaften Ton und einer unfassbaren Musikalität.

Korngolds Violinkonzert in der üblichen Violinkonzert-Tonart D-Dur. Das Konzert ist eines der berühmtesten des 20. Jahrhunderts; doch im Gegensatz zu den meisten Werken dieser Periode sehr „gefällig“ und durchwegs tonal.
Die drei Sätze sind mehr als wechselhaft; nach dem romantischen ersten Satz folgt ein fast filmmusikhaft gehaltener zweiter Satz, der kompliziert komponiert ist. Schon allein die lange Flageoletpassage fordert vom Solisten alles. Unglaublich, wie Vilde Frang das mit einer beispielgebenden Virtuosität erklingen ließ. Und das Finale „Allegro assai vivace“ – ein wildes, in Rondoform gehaltenes Meisterstück Korngolds – hier konnte man das meisterhafte Spiel der Geigerin und des Orchesters nur bewundern.
Als Zugabe der vierte Satz der Sonate in d-moll des italienischen Barockkomponisten Antonio Montanari. Dieser Satz ist ein Prüfstück für jeden Geiger. Schwierigste Griffe und Melodieführung waren für Vilde Frang bestenfalls eine Herausforderung, die sie eindrucksvoll bewältigte. Man hörte mit geradezu offenem Mund, wie sie quasi mit einer Hand Melodieführung und Begleitung demonstrierte, als wäre das das Einfachste auf der Welt.
Nach der Pause gab es Schostakowitschs gefühlt am häufigsten gespielte Symphonie, nämlich die fünfte in d-moll.
Das spätromantisch-expressive Werk des 20. Jahrhunderts beschreibt wie so oft bei dem russischen Komponisten die Unbilden des Stalin-Regimes. Man kann sagen, es ist wie eine Widerstandsdemonstration Schostakowitschs gegen diese Diktatur.
Der erste Satz zeigte das ganz deutlich; nämlich wie das Klavier die elegische Einleitung unterbricht und es dann mit einem wilden Marsch weiterführte, bis hin wieder zu dem traurigen Schluss des Satzes mit Orchester und Celesta.
Das Orchesterspiel unter Pappano war eine Klasse für sich. Der Chefdirigent ist ein würdiger Nachfolger von Berühmtheiten wie Previn, Abbado, Rattle um einige Namen zu nennen. Ohne Taktstock ließ er mit teilweise wilden Gesten und dem hervorragenden Orchester diese Stücke auf Weltklasseniveau erklingen.
Grundmusikalisch besticht er sowohl bei leisen Passagen als auch bei wilden Ausbrüchen. Und das wunderbare Orchester folgte jeder Geste von ihm. In allen Instrumentengruppen brillant; unvergesslich im letzten Satz das leise, fast unhörbare Flimmern der ersten Geigen; trotz der nicht vorhandenen Lautstärke hörte man jede einzelne Note.
Mit dem nur scheinbar triumphierenden Finale verabschiedeten sich Dirigent und Orchester ohne Zugabe. Eine solche passt auch nicht nach dem insgesamt bestürzenden Werk.
Herbert Hiess, 28. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
LSO und Antonio Pappano, Dirigent Stresa Festival, 6. September 2025
LSO Sir Antonio Pappano/Lisa Batiashvili Alte Oper Frankfurt, 2. Juni 2025
LSO/Batiashvili/Pappano Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 27. Mai 2025