© Elisa Meyer
Das Boreas-Quartett Bremen sorgt mit faszinierenden Blockflötenwerken aus Vergangenheit und Gegenwart für ungetrübte Begeisterung
Boreas-Quartett Bremen
„Il Flauto Magico“
Werke von Tarquinio Merula, Johann Sebastian Bach, Fulvio Caldini, Diomedes Cato, Alessandro Poglietti, Sören Sieg, William Byrd, Thomas Tallis und Piet Swerts
Sendesaal Bremen, 16. Mai 2026
von Dr. Gerd Klingeberg
In allen vier Ecken des Bremer Sendesaals tiriliert es hell und frohgemut. Die Flötistinnen des international erfahrenen Boreas-Quartetts Bremen bewegen sich langsam in Richtung Bühne, um dort Merulas berühmte Canzone mit dem treffenden Titel „La Lusignola“ („Die kleine Nachtigall“) gemeinsam in vogelstimmenartiger Leichtigkeit bis zum Ende vorzutragen.
Ein effektvoller Einstieg in ein virtuoses Blockflötenkonzert, angekündigt als ein „Abend der Kontraste: Viele Flöten, schnelle Wechsel und magischer Consortklang“ – ein Versprechen, das in dem gut siebzigminütigen Konzert auch prompt eingelöst wird.
Der Gang durch nahezu sieben Jahrhunderte Blockflötenmusik führt zunächst weiter über Bachs „Kunst der Fuge“, daraus Contrapunctus 1, 12 und 9, drei recht unterschiedlichen Teilen des vierstimmigen Opus für ad-libitum-Besetzung. Die angenehm warmen, nahezu identischen Timbres der Instrumente bilden einen in jeder Hinsicht ausgewogenen, zugleich sehr transparenten Gesamtklang, der in der exzellenten Akustik des Sendesaals optimal zur Geltung kommt.
Geblasene „Pizzikatos“ in komplexen Rhythmen
In ihrer lockeren Moderation erwähnt Flötistin Elisabeth Champollion, dass in der späten Klassik und Romantik die Blockflöte quasi in einen Dornröschenschlaf gefallen sei, von modernen Komponisten indes neu entdeckt und in deren Werken berücksichtigt würde.
Ein Beispiel dafür folgt unmittelbar. Der Sprung über drei Jahrhunderte nach vorn ist verbunden mit einem Wechsel zu Instrumentarium moderner Bauart, darunter zwei eckige große Bassflöten. Caldinis „Fade Control“ überrascht mit pointierter, wie getupft anmutender Minimal Music, einer Art geblasene Pizzikatos, die in straffem Tempo und komplexen Rhythmen vorantackern, wobei selbst das Klappengeräusch der großen Instrumente als zusätzliches Stilmittel fungiert.
Auch Sören Sieg hat seine „Afrikanischen Suite Nr. 20“ eigens für Blockflötenbesetzung komponiert und sich dabei afrikanischer folkloristischer Quellen bedient. „Sad Song“ erklingt gefühlsbetont, mit lediglich angedeuteter optimistischer Note. Bei „Simple Solution“ kommt dagegen überschäumende Lebensfreude in agil heiterem, energisch schnellem Spiel und hellen Klangfarben bestens nachvollziehbar zum Ausdruck.
Kontemplative Klänge und witzig-schräge Ton-Jonglage
Ganz anders, nämlich kontemplativ feierlich bis majestätisch breit erklingen geistliche Melodien von Byrd („Christe qui lux“, „Sermone blando“) und Tallis („In nomine“). Der Kontrast zu Swerts 1999 entstandenem Werk „Theatre of the Absurd“ hätte indes kaum größer sein können: Witzig und schräg dissonant geht es zu, mit swingendem Impetus wie eine raffinierte Jonglage mit einem niemals versiegenden Fundus an Tönen, bis das in jeder Hinsicht makellose Zusammenspiel des Ensembles in einem finalen Plopp endet.

Bei dem im 14. Jahrhundert anonym entstandenen „Lamento di Tristano – La Rotta“ entwickelt sich aus langen, ruhevollen Einzeltönen ein zunehmend akzelerierendes Zwischenspiel in unbeschwerter mittelalterlicher Spielleutemanier. Am Schluss der unterhaltsamen Programmabfolge steht wieder Bach, mit seinem Concerto in d BWV 596 (nach A. Vivaldi) in einem Arrangement für Blockflötenquartett. Agil und mitreißend flott erklingen die beiden Allegro-Eingangssätze. Das ruhepulsige Largo lädt nur kurz zum Träumen ein, bis das finale Allegro presto-schnell und mit hellem Tirilieren wie beim Konzertbeginn den großen, mehrere Jahrhunderte umfassenden Kreis schließt bei dieser beeindruckenden Demonstration virtuoser Blockflötenmusik.
Das Publikum applaudiert begeistert, woraufhin sich das sympathische Quartett mit einem besonderen Schmankerl bedankt: „Flashing Flutes“ heißt es, stammt auch von Piet Swerts, und ist in Sachen Tempo derart rasant vorgesehen, dass es, wie es heißt, dem Komponisten selber nur möglich war, das Stück mithilfe eines Computers zu simulieren. Was selbstredend dem Boreas-Quartett live scheinbar mühelos gelingt – bis hin zum synchron erfolgenden Schlusston nach einer wahrhaft atemberaubenden, faszinierenden blockflötistischen Darbietung.
Dr. Gerd Klingeberg, 16. Januar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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