„Was ist diese Kadenz, die ins Freie führt?“

Kammerkonzert mit Werken von Webern, Berg und Schönberg

Foto: Streichsextett Photo Andreas Ströbl

Kammerkonzert mit Werken von Webern, Berg und Schönberg

Anton (von) Webern, Zwei Stücke für Violoncello und Klavier, Variationen für Klavier op. 27 und Drei kleine Stücke op. 11

Alban Berg, Sieben frühe Lieder

Arnold Schönberg, „Verklärte Nacht“ für Streichsextett op. 4

Sophie Naubert, Sopran
Carlos Johnson und Joo-Hyun Kang, Violine
Christian Jonkisch und Eunsoo Na, Viola
Hans-Christian Schwarz und Semin Jeon, Violoncello

Youngho Park, Klavier

Lübeck, Haus Eden, Begleitprogramm zur Oper „Wozzeck“ von Alban BergJuni 2026, 30. Juni 2026

von Dr. Andreas Ströbl

Nun ist sie Geschichte, die großartige „Wozzeck“-Inszenierung von Brigitte Fassbaender; die letzte Vorstellung liegt gerade mal eine knappe Woche zurück (https://klassik-begeistert.de/alban-berg-wozzeck-theater-luebeck-25-juni-2026/). Als musikalisches Nachbeben zu diesem Psychodrama durften die Lübecker am 30. Juni 2026 im „Haus Eden“ ein atmosphärisch dichtes Kammerkonzert erleben, das vor allem auf die frühe Phase der „Zweiten Wiener Schule“ rekurrierte und damit ein letztes Aufblühen der Spätromantik beschwor. Dramaturg Jens Ponath setzte das Zitat von Ingeborg Bachmann, „Was ist diese Kadenz, die ins Freie führt?“, gleichsam als Motto über diesen Abend. Es stammt aus dem Essay „Die wunderliche Musik“ der Dichterin, deren 100. Geburtstag vor wenigen Tagen begangen wurde.

Ein Webern diesseits der Atonalität und darüber hinaus…

Im ehemaligen Filmsaal des früheren „Eden“-Kinos, in einem der ältesten Häuser Lübecks mit wechselvoller Geschichte, erklingen an diesem Abend zuerst die „Zwei Stücke für Violoncello und Klavier“ von Anton von Webern (den Adelstitel musste die Familie 1918 aufgeben). Sein Name wird zumeist mit seinem atonalen Hauptwerk verbunden, aber wie bei seinem Lehrer und Freund Arnold Schönberg liegen seine kompositorischen Anfänge in der Spätromantik. Diese zwei kurzen Stücke von 1899 sind einschmeichelnd elegisch und atmen noch ganz die schwärmerische Stimmung des Fin de siècle. Das Cello von Semin Jeon klingt warm, füllig und samtig; Youngho Park besticht am Klavier mit leichtem, gefühlvollem Anschlag. Ein bisschen Wesendonck-Duft weht da herein.

Youngho Park Photo Meili Li

Die „Variationen für Klavier op. 27“ hingegen aus dem Jahr 1936 sind in gereifter Dodekaphonie komponiert. Mit ihren Fermaten haben sie etwas Tastendes, Suchendes; ein Innehalten bricht immer wieder den ohnehin spröden Fluss. Attacca geht es dann zu den „Drei kleinen Stücken op. 11“ von 1914, in denen die Spieltechniken und -möglichkeiten hörbar ausgereizt werden. Mal scheint das Cello sanft fast zu sprechen, dann fährt es forsch auf. Jegliche melodische Wendungen hatte Webern hier bewusst ausgegrenzt. Die beiden Musiker meistern die hochanspruchsvolle Musik beeindruckend und mit größter Konzentration.

…und ein Alban Berg deutlich vor „Wozzeck“

Die „Sieben frühen Lieder“ hatte Alban Berg gar nicht als Zyklus konzipiert, aber sie fügen sich in ihrer klanglichen Verwandtschaft wunderbar aneinander. Entsprechend den Gedichten von Hauptmann, Lenau, Storm, Rilke, Schlaf, Hartleben und Hohenberg verfügt aber jedes von ihnen über einen ganz eigenen Charakter. Den hebt mit exzellentem Textverständnis die Sopranistin Sophie Naubert hervor; sie changiert zwischen Leidenschaft, charmanter Koketterie und intimer Innigkeit. Ganz anders als in ihren Barock-Interpretationen verleiht sie diesen Liedern aus den Jahren 1905 bis 1908 auch in der stimmlichen Wiedergabe eine deutlichere, sehr individuelle Emotionalität; gerade bei der „Nachtigall“ nach Theodor Storm verwendet sie weit mehr Tremolo, als man es sonst von ihr gewohnt ist. „Und aus tiefen Grundes Düsterheit blicken Lichter auf in stumme Nacht“, heißt es in Carl Hauptmanns Gedicht „Nacht“ – es sind solche Sätze, die die gebannten Zuhörer in die schillernde Welt der Jahrhundertwende mit ihren glutvollen, dunklen und sommerschwülen Phantasien entführen. Die Sängerin durchlebt die Texte ungemein ausdrucksstark, sie spricht das Publikum ganz direkt und unmittelbar an.

Spätromantischer Schönberg

Eine zentrale Figur der Jahrhundertwende ist Richard Dehmel, dessen Dichtungen Kompositionen unter anderem von Richard Strauss, Jean Sibelius, Hans Pfitzner, Max Reger, Anton Webern, Karol Szymanowski, Jan van Gilse und Kurt Weill inspirierten. Sein Gedicht „Verklärte Nacht“ vertonten Oskar Fried und eben Arnold Schönberg, der damit das bekannteste dieser Werke hervorbrachte. Während Frieds Schöpfung eine romantische, opernhafte Szene für Sänger und Orchester ist, bleibt Schönbergs Werk rein instrumental. Es braucht auch keine Worte, denn die Atmosphäre des Gesprächs zwischen einem Paar, in dem die Frau ihrem neuen Gefährten offenbart, dass sie bereits ein Kind von einem anderen Mann erwartet, ist von zauberhafter Finesse und Zartheit. Dass der Mann dieses Kind in einem „Glanz um Alles her“ in Liebe akzeptiert, ist eine große Geste, die Schönberg in einen magischen musikalischen Moment verwandelt.

Sicher liegt es auch an der Intimität des Raumes, in dem Musiker und Publikum nur wenige Meter voneinander trennen, aber die Unmittelbarkeit und Intensität, mit der das Streichsextett dieses Werk wiedergibt, ist ergreifend. Carlos Johnson und Joo-Hyun Kang (Violine), Christian Jonkisch und Eunsoo Na (Viola) sowie Hans-Christian Schwarzund Semin Jeon (Violoncello) verschmelzen zu einer ebenso starken wie seelenvollen Einheit.

Bereits zu Beginn entwerfen sie eine warme, umarmende Fülle und Sanftheit, die keinen Zweifel daran lässt, dass dieses nächtliche Miteinander mit der Angst vor Zurückweisung, dem Mut der Offenbarung und schließlich dem liebevollen Annehmen des fremden Kindes in hellem Tageslicht endet. Johnsons Violine fleht, bebt und zittert; in höchster Expressivität entwerfen er und die anderen Musiker das Seelenbild einer Frau in existentieller Not, die ihr Innerstes öffnet und angreifbar macht. Mehrere Zuhörer werden anschließend von Gänsehautschauern berichten. Das Sextett erzählt das Gedicht ohne das dem Text innewohnende Pathos, gleichsam durch einen Filter der Echtheit und Aufrichtigkeit.

Aus der Musik spricht noch deutlich hörbar, zumal in den Crescendo-Stellen, das zueinanderstrebende Begehren des „Tristan“, die klanggewordene Sehnsucht. Aber das Verklärungsthema ist eine unfassbar seelenvolle und feinsinnige, zauberische Einzigartigkeit in der Musikliteratur. Da schimmert nicht nur das Licht der Sterne durch die Bäume des „kahlen, kalten Hains“, sondern bereits die Ahnung des Morgens.

Ein sehr feines, seelentiefes, facettenreiches Kammerkonzert, das zu Recht mit stürmischem Beifall endet.

Dr. Andras Ströbl, 1. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

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