The Grange-Festival Eugene Onegin (c) Richard Hubert Smith
„Onegin“, eine der besten Opern im weltweiten Repertoire und die am häufigsten aufgeführte russische Oper, hat längst in den aufwendigsten und besten Inszenierungen die Met, die Royal Opera London, die Wiener Staatsoper und natürlich das Bolschoi erobert.
Zweifellos nicht in einem perfekteren Ambiente als hier im bukolischen Ambiente des Grange Festival, im agrarischen Buckinghamshire, acht Meilen von Winchester entfernt.
Eugen Onegin
Komponist Pjotr I. Tschaikowski. Libretto von Pjotr I. Tschaikowski und Konstantin S. Schilowsky nach dem Versroman von Alexander Puschkin.
Dirigentin: Lidiya Yankovskaya
Regie: Max Webster
Bühne: Frankie Bradshaw
Choreographie: Arthur Pita
Bournemouth Symphony Orchestra
The Grange Festival Chorus
The Grange Festival, 30. Juni 2026
von Dr. Charles E. Ritterband
Das intime Auditorium mit seinen nur 600 Plätzen in einem Landhaus mit griechischen Säulen und dekadentem Charme, umgeben von weit ausladenden Weiden und einem großen Teich, an dessen Rand Kühe weiden – der perfekte Rahmen zur ländlichen Idylle des Landsitzes im zaristischen Russland, in dem die Schwestern Tatjana und Olga aufwuchsen – und von wo aus das Drama seinen tragischen Lauf nimmt.
Musikalisch bot diese Inszenierung die Perfektion der berühmtesten Opernhäuser weltweit mit deren ungleich größeren Budgets: Sängerinnen, Sänger und der beeindruckende Chor mit Höchstleistungen und makelloser russischer Sprachbeherrschung.
Ideal ist nicht nur der Schauplatz dieser Inszenierung – es fällt nicht schwer, sich in ein zur ländlichen Idylle stilisiertes zaristisches Russland zu versetzen: die unschuldige, ausgelassene Fröhlichkeit des Namenstags-Festes für Tatyana, danach das Drama des blutigen Duells zwischen den beiden engen Freunden, die romantischen Gefühle Tatyanas, die Melancholie Onegins und die Noblesse des Prinzen Gremin in seinem Palast zu St.Petersburg – alles perfekt eingefangen in diesen Szenen.
Doch im letzten Akt wird die Sache – Regietheater lässt grüßen – gründlich verbockt: statt dem vornehmen Ball im Palast des Prinzen werden wir mit albtraumhaften, geradezu morbiden Tänzen des Corps de Ballet, alle im Frack und mit Händen in den Hosentaschen traktiert. Die kleine Bühne ist vollgestopft mit riesigen Kronleuchtern und wie in einer Art Traumvision Onegin und Tatjana eng umschlungen tanzen und sich küssen ist klar: hier wurde stark über das Ziel hinausgeschossen.

Die tragische Begegnung zwischen der inzwischen in lichte Höhen der sozialen Oberschicht aufgestiegenen Tatjana und dem orientierungslosen, verzweifelten Onegin ist dann wieder sehr erschütternd, vermag aber den Fehlgriff zu Beginn des Aktes nicht zu kompensieren.
Hinreißend die beiden zentralen Figuren: Die Tatyana der Ruzan Mantashyan bringt die legendäre Brief-Arie ebenso nuanciert wie bewegend, sie überträgt ihre romantische Schwärmerei ebenso perfekt wie später das Dilemma der Prinzessin als Gattin Gremins – mit klarer, tragender und überaus harmonischer Stimmbeherrschung.
Der Onegin des Vladislav Chizhov in seiner überragenden, elegant-selbstbewussten Gestalt und mit seiner maskulinen, sonoren Bariton-Stimme verkörpert anfänglich Arroganz später Melancholie und am Ende Verzweiflung überzeugend.
Bewegend der Konflikt zwischen ihm und seinem Poeten-Freund Lensky, der Lord Byron nacheifert und in einem total überflüssigen Duell durch die Kugel Onegins stirbt. Seine Tenor-Stimme ist warm und geschmeidig, der Applaus des Publikums war ihm gewiss, doch er ließ einiges an tenoralem Schmelz vermissen.

Sehr schön patiniert die Mezzosopranistin Alice Chung als Olga. Der Prinz Gremin des Mark Kurmanbayev besticht durch herrlich warme Tiefen – seine Arie über die kompromisslose Altersliebe zu Tatyana greift ans Herz…
Dr. Charles E. Ritterband, 30. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Besetzung:
Tatyana: Ruzan Mantashyan
Onegin: Vladislav Chizhov
Olga: Alice Chung
Lensky: Ryan Vaughan Davies
Prinz Gremin: Mark Kurmanbayev
Larina: Diana Montague
Filipyevna: Catherine Wyn-Rogers
Giacomo Puccini, La bohème The Grange Festival, 28. Juni 2026
Igor Stravinsky, The Rake’s Progress The Grange Festival, 23. Juni 2024
DVD-Rezension: Tchaikovsky Eugen Onegin klassik-begeistert.de, 20. Juli 2023