Verdi Don Carlo Aachen; Elisabeth von Valois (Larisa Akbari), Philipp II.(Dominic Barberi) und Don Carlo (Mario Rojas) mit Chor; Foto Matthias Baus
PREMIERE +++ Don Carlo +++ Theater Aachen, 10. Oktober 2026
Fulminant und berührend gerät die Premiere von Verdis vieraktigem, auf Italienisch gesungenem Meisterwerk nach Friedrich Schiller am Theater Aachen. Die scheidende Generalintendantin Elena Tzavara inszeniert das kriminalistische Spiel der Intrigen in starken Bildern und psychologischer Dichte. Auch musikalisch erlebt man den Abend von hohem Rang.
Am Pult der diesjährigen Eröffnungsoper präsentiert sich erstmals der neue Generalmusikdirektor Levente Török mit Verdis ergreifendem Drama.
von Patrik Klein
Als Opernliebhaber ist man ja immer auf der Suche nach Entdeckungen, neuen musikalischen Interpretationen von aller höchster Qualität oder neuen Spielstätten. Das vom Autor erstmalig besuchte Theater Aachen blickt auf eine lange Operntradition zurück: Seit der Eröffnung des heutigen Theatergebäudes im Jahr 1825 ist das Musiktheater ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens der Stadt. Die Oper verbindet das klassische Repertoire mit neuen künstlerischen Perspektiven und setzt auf ein vielseitiges Programm zwischen großen Meisterwerken und musikalischen Entdeckungen.
Man kommt also nach Aachen für die von Giuseppe Verdi erzählte tragische Geschichte des spanischen Kronprinzen Don Carlo, der die französische Prinzessin Elisabeth von Valois liebt, die aus politischen Gründen seinen Vater Philipp II. heiraten muss.
Zwischen unerfüllter Liebe, politischer Unterdrückung und dem Kampf um Freiheit entfaltete sich das Drama um Leidenschaft, Macht und menschliche Opfer, welches die scheidende Intendantin und Regisseurin des Hauses, Elena Tzavara (mit ihrem Regieteam), als Verbindung choreografisch aufwendiger Szenen mit eindringlichem psychologisch verdichtetem Kammerspiel präsentierte. Zum Spielzeitmotto „Über:Macht“ passend standen für sie Macht und individuelle Abhängigkeiten im Zentrum. Autodafé, Hofzeremoniell und Inquisitionsapparat erlebten mächtige Bühnenbilder.
Zeitlos stand zwischen mittelalterlichen Bildergalerien und aktuellen menschlichen Zügen über Allem die Macht der Inquisition, die die handelnden Personen voran trieb. Die individuellen Konflikte Carlo–Elisabeth, Carlo–Rodrigo, Philipp–Elisabeth und Philipp–Großinquisitor wurden demgegenüber sehr intim herausgearbeitet. Besonders Philipp II. wurde nicht nur als politischer Herrscher gezeichnet, sondern als Mann, dessen Macht im privaten Bereich von Einsamkeit, Eifersucht und emotionaler Abhängigkeit begleitet wird.

Carlo fungierte weniger als der klassische romantische Thronfolger, sondern als der junge Mann, der an den Machtstrukturen seines Vaters und an seiner eigenen emotionalen Unreife zerbrach. Als Gegenmodell zu den beiden schien sich Rodrigo zu etablieren, dem keine Macht, aber Überzeugung und Freundschaft inne wohnte. Auch wurde deutlich, dass Elisabeth keineswegs nur die „leidende Geliebte“ darstellte, sondern eine Frau, die sich permanent zwischen Liebe, politischer Pflicht und persönlicher Würde entscheiden muss. Eboli wurde nicht als bloße Intrigantin dargestellt, sondern als eine Frau, die innerhalb des dargestellten Systems um Macht und Anerkennung kämpft.
Verdis gewaltige Partitur in der finalen mehrfach veränderten Mailänder Fassung fand am Premierenabend zu einer musikalischen Präsenz, die unmittelbar unter die Haut ging und die schlichtweg berührte. Klangpracht, dramatische Zuspitzung und lyrische Verinnerlichung verbanden sich zu einem außergewöhnlich geschlossenen Ganzen. Beinahe alle Sängerinnen und Sänger konnten aus dem Ensemble besetzt werden und lieferten insgesamt Verdi auf allerhöchstem Niveau.

Die Titelpartie hatte der international erfahrene mexikanische Tenor Mario Rojas inne. Er verband diese anspruchsvolle Rolle mit Jugendlichkeit, lyrischer Empfindsamkeit und dramatischer Kraft. Mit seinem leuchtenden, tragfähigen Tenor trug seine Stimme über dem großen Orchester mühelos, ohne forciert zu wirken.
Ebenso als Gast engagiert für die Rolle des Philipp II., König von Spanien war der maltesische Bass Dominic Barberi, der mit imponierender Tiefe und außergewöhnlicher lyrischer Kultur sang. Seine große Szene „Ella giammai m’amò“ kam nicht als bloße Demonstration vokaler Macht daher, sondern als Studie in Einsamkeit und innerer Verzweiflung: mit langem Atem, edlem Legato, feinsten dynamischen Abstufungen und einer Stimme, die selbst im Piano ihre Autorität bewahrte.
Alle anderen Sängerinnen und Sänger waren aus dem Ensemble bestens besetzt. Besonders herauszuheben waren die beiden weiblichen Hauptpartien der Elisabeth und der Prinzessin Eboli sowie der Rodrigo, Marquis von Posa.
Die russischstämmige Sopranistin Larisa Akbari verband ihre königliche Noblesse mit einer vokalen Innigkeit, die selbst im leisesten Ton von großer emotionaler Wahrhaftigkeit zeugte. Die bulgarische Sopranistin Irina Popova besaß jene seltene Mischung aus sinnlich vokaler Präsenz, bronzefarbener koloraturtechnischer Beweglichkeit und dramatischer Attacke, die aus Verdis Prinzessin eine faszinierende Bühnenpersönlichkeit machte. Der junge mexikanische Bariton Jorge Ruvalcaba überzeugte durch noblen Klang, kernige Mittellage, kultivierte Legatoführung und außergewöhnliche menschliche Wärme.
Das übrige Ensemble reihte sich nahtlos in den hochqualitativen Cast der Saisoneröffnung ein.

Zu den historisch bedeutendsten Dirigenten des Theaters Aachen zählten u.a. Fritz Busch, Herbert von Karajan, der von 1935 bis 1942 Generalmusikdirektor war und Wolfgang Sawallisch, die hier wichtige Stationen ihrer Karriere durchliefen. Der aktuell neue Chefdirigent hatte nach ersten Erfolgen mit sinfonischen Konzerten an diesem Premierenabend seinen Einstand im Operngraben.
Der 1993 in Ungarn geborene Levente Török durchlief nach seinem Studium in Wien erste Stationen in Regensburg, Ulm und Schwerin und wirkte als Chefdirigent des Nordungarischen Symphonieorchesters in Miskolc.
Töröks Dirigierstil zeichnete sich durch leidenschaftliches Temperament, rhythmische Präzision und eine ausgeprägte Klangfarbenvielfalt aus. Mit feinem Gespür für die lyrischen Bögen und pointierten dramatischen Höhepunkte verband er die emotionale Intensität der handelnden Personen mit transparenter und passionierter Orchesterführung. Durch seine sängerfreundliche Begleitung entfaltete er mit dem Chor und Extrachor der Oper Aachen sowie dem Sinfonieorchester Aachen einen warmen, farbenreichen und akzentuiert-lebendigen Klang.
Dem mehr als dankbaren Publikum im ausverkauften Haus wurde das nach dem letzten fulminanten Forteausklang Verdis und der anschließenden Stille unmissverständlich klar. Das gesamte Ensemble, sowie Chor, Orchester und Dirigent wurden frenetisch gefeiert. Zu recht.
Am Ende blieb vor allem eines: musikalisch und szenisch ließ dieser „Don Carlo“ kaum Wünsche offen – Verdis Musik wurde zum eigentlichen Protagonisten des Abends.

Patrik Klein, 11. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Theater Aachen, 10. Oktober 2026, Spielzeitpremiere
Giuseppe Verdi – Don Carlo
Oper in vier Akten von Giuseppe Verdi
nach dem gleichnamigen Drama von Friedrich Schiller
Libretto von Joseph Méry und Camille du Locle
Musikalische Leitung Levente Török
Regie und Bühne Elena Tzavara
Kostüme Susanne Hiller
Dramaturgie Isabelle Becker
Choreinstudierung Alexander Einarsson
Licht Yannik Funken
Video Luca Fois
Chor Opernchor Aachen
Extrachor Extrachor Aachen
Sinfonieorchester Aachen
Philipp II., König von Spanien Dominic Barberi
Don Carlos, Infant von Spanien Mario Rojas
Rodrigo, Marquis von Posa Jorge Ruvalcaba
Elisabeth von Valois Larisa Akbari
Prinzessin Eboli Irina Popova
Großinquisitor Max Bell
Ein Mönch Pawel Lawreszuk
Tebaldo, ein Page Fleur Franssen
Stimme vom Himmel Jelena Rakić
Graf Lerma / Königlicher Herold Dmytro Trach
Gräfin von Aremberg Ekaterina Spivakovskaia
Ketzer Veronika Mertens

klassik-begeistert-Autor Patrik Klein ist ein leidenschaftlicher Konzert- und Opernfreak, der bereits über 300 Konzerte (Eröffnungskonzert inklusive) in der Elbphilharmonie Hamburg erlebt hat, hunderte Male in Opern- und Konzerthäusern in Europa verweilte und ein Kommunikationsnetz zu vielen Künstlern pflegt. Meist lauscht und schaut er privat, zwanglos und mit offenen Augen und Ohren. Die daraus entstehenden meist emotional noch hoch aufgeladenen Posts in den Sozialen Medien folgen hier regelmäßig bei klassik-begeistert – voller Leidenschaft, ohne Anspruch auf Vollständigkeit… aber immer mit großem Herzen!