Leo McFall © Christian Kleiner
Manche Konzertabende versprechen im Vorfeld die große, schwelgerische Seelenwanderung und hinterlassen am Ende doch nur den satten Geschmack routinierter Perfektion. Wer am Mittwochabend das Kurhaus in Wiesbaden betrat, durfte anderes befürchten – oder erhoffen. Auf dem Zettel stand eine russische Achterbahnfahrt durch die ersten drei Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts. Drei Komponisten, drei Exilanten in spe, drei völlig unterschiedliche Zugriffe auf die Mechanik der Moderne.
Das Hessische Staatsorchester unter der Leitung von Leo McFall stellte sich dieser gewaltigen Anforderung im Rahmen der Spielzeit-Reihe zur Hommage an Otto Klemperer, der hier einst als Generalmusikdirektor die Schneisen für die Avantgarde schlug.
Kurhaus Wiesbaden, 14. Oktober 2026
Russische Emigranten
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
Tom Borrow, Klavier
Leo McFall, musikalische Leitung
von Dirk Schauß
Den Auftakt machten Igor Strawinskys Suiten Nr. 1 und 2 für kleines Orchester, jene zwischen 1915 und 1925 gewebten Fundstücke einer neoklassizistischen Phase, in der die Welt der Jahrmärkte und Zirkuszelte in verqueren Harmonien nachhallt. Es ist ein Vergnügen zu beobachten, wie McFall diese Miniatur-Kabinette ausmisst. Die erste Suite führt durch folkloristische Skizzen aus Spanien, Italien und Russland, während die zweite Suite mit Marsch, Walzer, Polka und Galopp die reine Tanzboden-Satire bedient. Das Hessische Staatsorchester zeigte sich von der ersten Sekunde an hellwach und präsentierte diese schrägen, kecken Rhythmen mit hoher Präzision. Die Bläser sprühten vor doppelbödigem Witz, die Streicher setzten messerscharfe Akzente. McFall verzichtete auf jede akademische Trockenheit, hielt die Fäden mit sichtbarer Spielfreude straff in der Hand und verwandelte die doppelbödige Jahrmarktsmusik in ein feines, elegantes Bravourstück.
Dann betrat Tom Borrow die Bühne. Der sechsundzwanzigjährige Israeli, aufgetaucht aus den Kadern der BBC New Generation Artists, nahm am Flügel Platz, um Sergej Prokofjews zweites Klavierkonzert g-Moll zu bewältigen. Man muss sich die Wucht dieses Werkes ins Gedächtnis rufen.

Bei der Uraufführung 1913 in Pawlowsk pfiff sich das Publikum die Verstörung aus den Lungen, die Erstfassung ging in den Wirren der Revolution verloren, und die Rekonstruktion von 1923 verdoppelte die harmonische Kühnheit nur noch. Borrow trat diesem Monster völlig unprätentiös gegenüber. Kein eitles Stirnrunzeln, keine theatralischen Gesten vor dem Anschlag. Er begann das eröffnende Andantino mit einer derart stupenden Ruhe, dass der Saal den Atem anhielt. Die linke Hand wog die dunklen Akkorde ab, während die Rechte das lyrische Hauptthema in makelloser Klarheit im Raum schweben ließ. Borrows Phrasierung besticht durch absolute Transparenz. Sein Pedalgebrauch wirkt spartanisch dosiert, jede Note besitzt ihr eigenes Gewicht. Doch die emotionale Katastrophe lässt bei Prokofjew nie lange auf sich warten. Wo die Musik umkippt, wo Orchester und Solist in monumentale Klangwellen geraten, behielt Borrow die absolute intellektuelle Kontrolle.
Seine Ausführung der monströsen Kadenz im ersten Satz glich einer Demonstration pianistischer Statik: Selbst im dichtesten Notengetümmel blieb die architektonische Linie sichtbar. Das anschließende Scherzo, dieses unerbittliche Getriebe aus endlos rotierenden Sechzehnteln, verkam bei ihm nie zur bloßen Mechanik, sondern behielt eine geschmeidige, tänzerische Wendigkeit. Im Intermezzo spielte das Staatsorchester seine Trümpfe aus. Die Streicher bissen mit schneidender Schärfe in die schrägen Rhythmen, während die Bläser schroff dazwischenfuhren. Das Finale schließlich geriet zum Wutausbruch, einem rauschenden Strudel, in dem sich Borrow und McFall gegenseitig an die Grenzen trieben. Kein feierlicher Jubel am Ende, sondern der unbarmherzige Blick in den Abgrund. Das Publikum reagierte mit enthusiastischem Beifall, den der Solist mit einer kurzen, feinsinnig getupften tänzerischen Zugabe belohnte.

Nach der Pause folgte jener Gigant, der bei manch anderem Dirigenten leicht in zähflüssigem Kitsch zu ertrinken droht: Sergei Rachmaninows zweite Sinfonie e-Moll. Nach dem Trauma seiner gescheiterten ersten Sinfonie rang der Komponist in Dresden jahrelang um diese Partitur, bis er 1908 in St. Petersburg triumphierte. Rachmaninows Zweite ist ein Hochamt für den großen Streicherapparat, eine Sinfonie der unendlichen Melodielinien und schwelgerischen Steigerungen.
McFall bewies hier eine Baukunst, die man bei diesem Werk selten erlebt. Er wählte gemessene, kluge Tempi, verweigerte den Streichern das billige Schluchzen und baute die Spannungsbögen mit imponierender langer Hand auf. Den ruhigen Abschnitten gab der Dirigent erstaunlich viel Raum zum Atmen, während das Scherzo und das Finale eine federnde, athletische Dynamik entfalteten.

Das Hessische Staatsorchester wuchs im Verlaufe des Abends weit über die normale Tagesform hinaus. Die Streichergruppen entwickelten eine edle, hochkultivierte Klangfülle, ohne die Transparenz aufzugeben. Den absolut magischen Moment lieferte das Andante im dritten Satz. Hier erwies sich der Solo-Klarinettist als wahrer Lyriker: Mit unendlicher Ruhe und hoch empfindsamer Dynamik blies er sein langes Solo in den Raum, begleitet von einem Orchester, das sich in Samt hüllte. Im abschließenden vierten Satz, dieser wilden, an eine Tarantella erinnernden Jubelfahrt, drehte auch das Schlagwerk auf. Punktgenau, prasselnd und ohne jede Rohheit trieben die Beckenschläge die Musik dem optimistischen Finale entgegen.
Leo McFall hat mit dem Hessischen Staatsorchester an diesem Abend im Kurhaus gezeigt, wie man russische Musik vor ihren eigenen Klischees rettet. Weder verweichlichte er Rachmaninow, noch bändigte er die Wildheit Prokofjews oder die Ironie Strawinskys. Das Wiesbadener Publikum feierte Orchester, Dirigent und Solisten mit lang anhaltendem, begeisterndem Applaus für einen mitreißenden Konzertabend.
Dirk Schauß, 15. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Gürzenich-Orchester Köln, Elim Chan, Dirigentin, Offenbach, Strawinsky und Rachmaninow 21. Juni 2023
Concertgebouworkest, Riccardo Chailly, Dirigent, Prokofjew Concertgebouw, Amsterdam, 8. März 2025
Paavo Järvi und Hayato Sumino Kurhaus Wiesbaden, aus, 3. September 2026